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Ralf 67

Brocken Challenge 2010

Von Ralf 67 am 12.02.2010

Die Brocken Challenge 2010,

 

hallo liebe MSPler, es hat ein bißchen länger gedauert mit dem Bericht, stecke aber mitten in den Karnevalsvorbereitungen, sprich: Wagenbau und so, aber jetzt ist er ja da, der Bericht !

Im September las ich über den Brocken Challenge zum ersten Mal und ich beschloß daran teilzunehmen. 81,5km bei 2200 Höhenmeter und das mitten im Winter, diese Herausforderung (=Challenge !) hat es mir sofort angetan. Da ich am 10. Oktober den Brocken Marathon sowieso im Programm hatte, konnte ich mir das Zielgebiet ja schon einmal ansehen. Die Fernsehbilder, die man immer wieder vom Brockengipfel im Wetterbericht im Fernsehen zu sehen bekommt wurden auch an diesem Tag bestätigt. Starker Wind und Temperaturen um den Gefrierpunkt mit allen Arten von Niederschlag. Und wie war das noch: „Viele Steine, Müde Beine, Aussicht keine!" (Heinrich Heine) und steil ist er, der Brocken. O.k., ich finshte in 4:10 h und bis Ende November noch 3 weitere Marathone. Danach bereitete ich mich mit long joggs bis zu 30 km Länge 2 x die Woche auf die Challenge vor. Eine Woche vorher die 50 km von Rodgau (siehe Bericht) mussten reichen.

Die Anmeldefrist ging nur vom 01.11.2009 0:00h bis 03.11.2009 14:00h, dann war die Veranstaltung ausgebucht, wohl auch weil es 2 Qualifikationspunkte für den UTMB gab. Ich war jedenfalls einer derjenigen die einen Platz und eine Übernachtung im Gasthof am Kehr (am Startort) ergattern konnte.

Das Briefing fand einen Tag vor dem Start im Sportinstitut der Uni Göttingen statt. Dort wurde das zur Gewissheit, was auf der Homepage der Veranstaltung unter „News" immer zu lesen war, nämlich wie schwierig die Bedingungen wirklich waren. Die Strecke war im Harzvorland komplett vereist bzw. schneebedeckt. Die Passagen in den Harz hinein teilweise durch hüfthohen Scnee komplett unpassierbar bzw. gesperrt. Die letzte Sperrung erfolgte am Abend vor dem Start und wurde während des Laufes erst wieder aufgehoben. Das Organisationsteam leistete fast übermenschliches die Strecke (Beispielsweise durch den Einsatz von Fräsen) freizubekommen . Am Abend vorher stand jedoch fest, dass eine Ausweichroute auf dem am schlimmsten betroffenen Streckenabschnitt zwischen Jagdkopf (53km) und Lausebuche (63km) erfolgen musste. Das Markierungsteam brauchte nämlich innerhalb des Originalabschnitts für 3 km immerhin 3 Stunden (!)…

Wir wurden also über die Umleitung aufgeklärt und erfuhren so, dass vom Jagdkopf aus, eine Strecke zum Oderstausee freigeräumt war, dieser liegt im Niveau etwa 250 m tiefer als die ursprünglich zu laufende Strecke. Am Seende erwartete uns dann ein Shuttle Service der uns wieder an die Stelle der Strecke bringen sollte, von wo ab das Rennen wieder fortgesetzt werden konnte.

Nach dem Briefing fuhren wir zum Startort nach Kehr und wurden dort schon mit Pasta erwartet. An dem Tisch an dem ich einen Platz gefunden hatte, kreisten nur Geschichten um den Deutschlandlauf, dem UTMB, dem CCC , der Tour de Ruhr, dem Spartathlon… Ich fragte mich so langsam, was ich hier eigentlich tue mit meinen bis dahin 11 Kurzultras von höchstens 78,5 km Länge. So gegen 23 Uhr kroch ich dann im Pferdestall in meinen Schlafsack, um doch nicht schlafen zu können.

Der Morgen des Starts, ich fand im alten Tanzsaal ein reichhaltiges Frühstücksbuffet vor, liebevoll hergerichtet. Ich trank etwas Kaffee und aß ein Brötchen, dann kümmerte ich mich um die Ausrüstung, schrieb mich ein, und wartete auf den Start. Alles um mich herum passierte ohne Aufregung, die aufgeregtesten Menschen waren ein Fernsehteamdes NDR welches ein paar Interviews führte. Langsam leerte sich der alte Tanzsaal, ich holte mir noch einen letzten Kaffee und ging hinaus. Die Schneeketten (wie sich im nachhinein herausstellte ein absolutes Muss) waren o.k., die Stirnlampe funktionstüchtig. Da hörte ich auch schon das Startzeichen „Brocken Challenge 2010 here we go!" Langsamsetzte sich das Feld in Bewegung, aus Respekt vor dem was da kommen würde und der Ortsunkundigkeitlief ich am Ende des Feldes.

Das erste Stück nachMackenrode liefen wir in der Dunkelheit auf einer mit Fackeln erhellten Wegstrecke entlang nach Landolfshausen. Dort war der erste Vepflegungspunkt eingerichtet. Es dämmerte bereits. Da sich meine Blase bemerkbar machte und ich sowieso einiges richten musste, der Sitz der Schneeketten kontrollieren und die Lampe im Rucksack verstauen usw.machte ich eine Pause. Nach Wiederaufnahme des Rennens fand ich mich auf dem allerletzten Platz wieder. „Naja!" dachte ich, die Spuren veraten die Strecke ja und eine Beschilderung soll es von nun an ja auch geben. Es ging bergan. Immer im Schnee, ein vernünftiger Abdruck mit dem Fuss zu bekommen war nicht möglich. Ich bekam zum ersten Mal einen Eindruck davon, wie kräftezehrend dieser Tag für mich werden sollte. Über die Seulinger Warte führte der Weg nun zum Seeburger See hinunter. Die Strecke am See entlang wurde flach, war aber total vereist. Immerhin konnte ich den Anschluss an das Feld wieder herstellen und fühlte mich nicht mehr so einsam. Außerdem ist es gut, wenn man beobachten kann, welchen Weg die Teilnehmer vor dir nehmen. Bemshausen, Rollshausen und es ging immer weiter flach aber sehr glatt in Richtung Harz. Die Bewohner der Orte meistens mit Schneeschippen oder ähnlichem beschäftigt, grüßten uns ausnahmslos und winkten. Was sie wohl wirklich dachten bleibt ihr Geheimnis. Nach Rollshausen und Überquerung einer Strasse kamen wir nun zur ersten „schwierigeren" Steigung, dem Hellberg. Hinauf zur „Tilly Eiche" benannt nach dem Feldherrn aus dem 30 jährigen Krieg der hier gelagert haben soll. Kilometer 25 war erreicht ! Nach der Eiche ging es noch steiler bergab, als es bergauf ging. Nach Rüdershausen. Es folgte sogleich ein Stichweg hinauf zur Kapelle. Das Terrain wurde welliger, der Harz kann nicht mehr weit sein !

Kurz hinter Rhumspringe lag die Rhumequelle, eine der größten Quellen Europas. Hier, bei km 30, gab es einen weiteren Verpflegungspunkt. Die Nummern wurden, wie an jedem Verpflegungspunkt erfasst und man versorgte sich für die Aufstiege die von nun an kommen sollten. Denn bis nach Rotenberg ging es jetzt fast ständig bergan, um dann bis Königshagen wieder etwas an Höhenmetern zu verlieren. Der Schnee wurde aber dafür höher und höher. Auf wellig profiliertem Gelände ging es nun Richtung Barbis. Dem Marathonverpflegungspunkt . Die Strecke forderte schon jetzt ihren Tribut. Der Schnee lag nun knietief, war aber Gott sei Dank zum größtenteil verdichtet. Man musste aber häufig in Autospuren oder auf einer schmalen, ausgetretenen Spur balancieren um nicht in den tieferen Schnee zu gelangen. Was mir außerdem zu schaffen machte, war das helle und viele weiss des Schnees. Kaum ein Bodenrelief war erkennbar, erst wenn man stolperte , sah man so manche Bodenwelle oder vereiste Stelle. War einmal auf einer breiteren, geräumten Forststrasse zu laufen, war diese mal wieder total vereist. Schließlich erreichte ich in 5 ½ Stunden doch noch Barbis. Halbzeit! Es ging unter einer Brücke durch und …wo ist den die Strecke ? Ein kleines schon vertrautes, orangefarbenes Schild mit der Aufschrift „BC" zeigte unmissverständlich nach rechts. Da war aber nichts ! Nur Schnee der mittlererweile bis an den Oberschenkel reichte ! Eingesunkene Fusspuren verieten aber das vor mir schon Leute hier durchgegangen sein mussten. Im Gänsemarsch, (wohl dem der Stöcke dabei hatte) ging es von Fussabdruck zu Fussabdruck durch den Tiefschnee. Jetzt geht es also richtig los, dachte ich und nahm es locker, schließlich wollte ich es ja so! Es ging bergauf und bergauf, ich wusste das nun der legendäre Entsafter kommt und meine anfängliche Lockerheit wich zusehends dem Kampf mit dem Schnee und dem Balancieren. Das Feld zog sich immer weiter auseinander, hinter mir wusste ich immerhin noch eine Person, von der Gruppe die sich von Barbis aus mit mir gemeinsam aufgemacht hatte, die anderen aus der Gruppe verschwanden vor mir im Wald. Ich war mal wieder allein! Die Einsamkeit eines Langstrecklers. Es ging immer noch bergan und vor mir tauchten wieder Personen auf, mit denen ich ein paar aufmunternte Worte wechselte. Doch jeder versuchte irgendwie sein eigenes Tempo beizubehalten. Diese nicht enden wollende Steigung ! Aber man wurde mit wundervollen Bildern belohnt. Endlich gelangten wir zum Jagdkopf, wo eigentlich ein Verpflegungspunkt sein sollte. Diesen gab es aber in diesem Jahr nicht, dafür aber den Beginn der Ausweichstrecke. Links ging es ab zum Oderstausee. Ja es ging bergab, aua! Und wie weit es bergab ging, kilometerweit, endlich erreichten wir den Campingplatz am Seeufer. Von hier aus soll es immer den See entlang bis zur Station Erikabrücke am Seende gehen.

Die vereiste, flache Strecke den See entlang sieht erholsam aus, erwies sich aber als der blanke Horror. Viele, viele Buchten hatte der See. Das hatte immerhin den Vorteil, dass man vor sich plazierte Läufer sehen konnte. Das zerstreute aufkommende Ängste sich verlaufen zu haben, oder zu weit zurückzuhängen.Der See und die Buchten namen kein Ende, kein Mensch (außer uns Läufern zu sehen). Ich war kaputt. Die letzte Verpflegungsstelle ist bereits eine Halbmarathondistanz hinter mir und der See hört und hört nicht auf… Endlich, km 63 ist erreicht, die Station Erikabrücke ! Gedanken das Rennen an diesem Punkt abzubrechen waren zwar da, ich wurde aber so freundlich in Empfang genommen und mit Brühe, Würstchen und Getränken versorgt, dass man sich gar nicht traute hier abzubrechen. Es wäre irgendwie gewesen, als teilte man seinem besten Freund mit, dass man nicht mit ihm auf einen lange geplanten Urlaub fahren wollte.

Vor mir warteten schon weitere vier Starter auf den Bustransfer. Als der Bus dann kam stiegen wir zu fünft ein. Uns wurde eröffnet, dass wir zur Lausebuche gefahren werden würden, etwas weiter also (4,5 km) als die Starter vor uns. Diese Maßnahme sei notwendig geworden, da wir sonst zu lange unterwegs sein würden. Dies stimmte zwar nicht, lag aber daran, dass vor lauter Improvisation es noch nicht bei jedem angekommen war, dass die Zielzeit nach hinten verlegt worden ist und wir noch genug Zeit hatten. Ich bedauerte es zwar, aber unglücklich war ich über diese Regelung auch nicht. So lief ich durch diese Maßnahme genau 81,5 km (was auch der Originalstreckenlänge entspricht), während vieler meiner Mitstarter 86 km bewältigen mussten.

An der Lausebuche angekommen machten wir uns entlang der Harzloipe auf zum nächsten Punkt, dem Königskrug. Hier waren zum ersten Mal wieder Menschen unterwegs. „He, was ist denn das für eine Veranstaltung ? Kommt ihr aus Schierke ?" (Ein Ort etwa 8 km unterhalb des Brockengipfels). „Nee, aus Göttingen !" Schweigen. Das Laufen wurde immer mehr zum Balanceakt. Die Loipen durften natürlich nicht betreten werden und der verbleibende Streifen bis zum 150 cm tiefen Schnee war nur sehr schmal. Als ich den Königskrug (km 69) erreichte, dämmerte es bereits wieder. Schnell verpflegte ich mich mit warmen Tee und machte mich weiter nach Oderbrück (bei km 74) , der letzten Station vor dem Brocken. Als ich diese erreichte waren es noch 8 km bis ins Ziel, aber dafür ging es nocheinmal mächtig bergan. Ich fummelte meine Lampe aus meinem Laufrucksack und stellte fest, dass sie nicht mehr funktionierte. Egal, weiter ! Der Brockengipfel war in der Dämmerung zu sehen und gut ausgeschildert . Trotzdem musste ich um etwas erkennen zu können ganz nahe an die Schilder heran und versank ein ums andere Mal im Tiefschnee. Verdammt, denn dadurch wurde es dann doch etwas ungemütlich. Endlich erreichte ich das vom Brocken Marathon bekannte Zielgebiet. Die steile Rampe zu den Bahngleisen und der Linksknick zum neuen Goetheweg. Entlang der Gleise der Brockenbahn. Nun war es pechschwarze Nacht. Obwohl ich den Weg kannte, fiel ich noch zweimal in den Tiefschnee. Nach einer gefühlten Unendlichkeit, war es dann endlich soweit ! Die Brockenstrasse, kein Tiefschnee mehr, „nur" total vereist. Wie schnell man seine Ansprüche nach unten schraubt. Der Läufer mit dem Husky Freija überholt mich und da endlich schimmert eine Fackel. Da muss das Ziel sein ! Nach 13 Stunden sah ich das Zielbanner mit den wartenden Menschen, die jeden ins Ziel kommenden Läufer herzten und drückten. Im Goethesaal war die Hölle los ! Bereits angekommene Läufer begrüßten jeden einzelnen und bei einer druckvollen und warmen Dusche waren die Leiden schnell vergessen. Auch hier war alles top organisiert und man bekam seine verdiente Urkunde. Auch der Shuttle Verkehr ins Tal funktionierte… noch…, den ein um das amdere Fahrzeug fuhr sich fest, so dass etwa 50 Leute vom Gipfel nach Schierke wieder absteigen mussten und somit die Streckenlänge auf 89,5 bzw. 94,5 km ausdehnen mussten. Verlängerung, weil es so schön war !

In Schierke erwarteten uns dann die Busse, die uns zum Gasthof Kehr bei Göttingen zurückbrachten. Gegen 00:30h begann ich meinen Nachhauseweg und erreichte um 3:30 h Wiesbaden. Ein unvergeßlicher und langer Tag war zu Ende !

Ralf Paufler

Kommentare

Hallo Ralf,

für deinen super spannenden und ausführlichen Bericht hat es sich wirklch gelohnt 1 Woche zu warten, das war wirklich eine großartige Leistung von dir

Kerstin

Hallo Ralf!

Ich bin wirklich beeindruckt von Deiner Schilderung und dem "Überleben" dieser Strecke. Bei der Suche nach einer Herausforderung für meinen untrainierten Körper bin ich über den Braunschweig-Brocken Ultralauf 2x 75 km - 01. + 02.05.2010 (weitere Infos) gestolpert. Nachdem ich hier jetzt Deinen Laufbericht gelesen habe, muss ich gerade wieder daran denken...

Vielleicht ist das auch was für Dich. Es geht auf der Nordseite durch's Harzvorland. Die ersten 35km sind landschaftlich vielleicht nicht so besonders reizvoll, dafür hast Du im Mai durchaus die Chance auf einen Aus-/Fernblick vom Brocken.

Ich bin auch sehr beeindruckt!!!

Durch diesen und den Berichten von Ponschi bin ich super motiviert, dieses Jahr auch mal einen Marathon zu wagen, der nicht nur einfach von A nach Z führt, sondern wo z.B. einige Höhenkilometer zu überwinden sind (ich denke da, an den K42 beim Swiss Alpine).

Danke für Deinen Beitrag!!!  

Wow!

Und Du hast keine Playstation oder ein Schachspiel ?

Bei dem Wetter draussen herumlaufen ?

nee nee nee !

Meinen Glückwunsch zu so einer heftigen Leistung.

Da kannst Du aber mächtig stolz auf Dich sein !!!!!

Respekt !

Staunende Grüsse vom trabenden muli

hi Ralf,

deinen Bericht hast du so anschaulich geschrieben als ob man selber mitgelaufen wäre. Schade, dass ich dir nur ein Favoritenherzchen schenken kann;)

Ich bin auch schon ein paarmal an der Strecke gestanden bei Ultraläufen...meine Gedanken kann ich dir gerne verraten: jedesmal bekam ich Gänsehaut vor Begeisterung was diese Läufer leisten. Ich bin begeistert wenn sich jemand so eine lange Strecke zutraut. Hochachtung, Respekt habt ihr verdient!!!

in diesem Sinne alles gute weiterhin, bleib gesund und viel im Karneval

grüßle Traudl

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