MeinSportplatz
Restart_2019-top_banner

EFah

IRONMAN Frankfurt, am Abend droht der Abbruch, …

Von EFah am 08.07.2015

 

Mit 233 Schwimmkilometer plus 8.430 Radkilometer und 1.630 Laufkilometer bei einem Trainingsaufwand von über 500 Stunden (Durchschnittlich 19 Stunden / Woche) seit dem 01.01.2015 stehe ich im Starterfeld des IRONMAN Frankfurt. Kraulen habe ich zwar erst vor 18 Monaten gelernt, doch mittlerweile geht es ganz gut.

 

Ich fühle mich gut vorbereitet.  Die letzten Schwimmeinheiten waren sehr vielversprechend. Eine 01:13 auf 3.800 Meter bei lockerem Schwimmen habe ich mehrmals hinbekommen. Das heutige Neoprenverbot aufgrund der zu hohen Wassertemperatur stört mich nicht. Im Schwimmbad ergab der Vergleichstest mit und ohne Neo nur eine Differenz von 7 Minuten.

 

Die Trainingseinheiten auf dem Rad verliefen ebenfalls sehr gut. Die notwendigen 180 KM habe ich mehrmals im Training abgespult. Auch meine 2 tägige Ausfahrt nach Südtirol mit 400 KM hat mein Selbstbewusstsein gestärkt. Nach meinem Radunfall mit Schlüsselbeinbruch im Oktober 2014 war es ja zunächst fraglich, ob ich überhaupt wieder aufs Rad sitze. Die Angst eines Reifendefektes bei hohen Geschwindigkeiten bleibt vermutlich für immer in meinem Gedächtnis.

 

Das Laufen habe ich im Vergleich zu anderen Jahren schwer vernachlässigt. Keinerlei Tempoeinheiten und ein Wochenschnitt von ca. 60 KM haben meine frühere Tempohärte ruiniert. Doch ich war der Überzeugung, dass ich diese beim IRONMAN nicht benötige.

 

Mittlerweile habe ich mich wieder beruhigt. Die frühmorgendliche Anreise mit falscher Autobahnausfahrt, dem geschlossenen Parkhaus, der 25 Minuten sinnlos wartende Shuttlebus und die Vorbereitungen in der 1. Wechselzone haben mich an den Rand der Verzweiflung gebracht. Wenn 3.000 Teilnehmer ihre Radreifen aufpumpen müssen, weil tags zuvor aufgrund der hohen Temperaturen der Luftdruck verringert werden musste, kann man sich das Gedränge um die bereitgestellten Luftpumpen vorstellen.

 

Hab ich alles im Wechselbeutel EINS. Wechselbeutel ZWEI wurde gestern schon abgegeben. Wo muss ich den Wechselbeutel DREI abgeben. Wo ist der Chip, wird meine Schwimmbrille dicht sein, wie mache ich das nachher mit der Sonnencreme, …

 

… Ach wie einfach ist Marathonlaufen, da hat man dieses aufwendige Geraffel gar nicht.

 

Meine Frau, die ebenfalls startet, versucht mich immer wieder zu beruhigen, doch ich kenne mich selbst nicht mehr. Noch nie war ich so nervös in meinem Leben.

 

Aufregung gab es ja auch schon die Tage zuvor:

Das Frankfurter Gesundheitsamt fordert laut Presse aufgrund der hohen Temperaturen die Absage der Veranstaltung. Doch der Veranstalter ist sich sicher, dass die auf Vernunft gebrieften Athleten und spezielle Vorkehrungen ausreichen werden. Dazu gehören 14 Tonnen Eis, alle 2,5 KM Verpflegung auf der Laufstrecke, und die Feuerwehr mit zahlreichen Wasserwerfern und Duschen.

 

Sollte die Anzahl medizinischer Notfälle aber eine bestimmte Grenze überschreiten, wird das Rennen dennoch abgebrochen.

 

Wir philosophieren wie das aussehen könnte: Du bist geschwommen, … hast Dich auf dem Rad abgerackert, … hast 40 Laufkilometer hinter Dir, und dann, … Rennabbruch. Es gibt schönere Vorstellungen. Doch was soll´s, diesen Punkt können wir nicht beeinflussen. 350 Athleten hatten dann doch  so große Angst vor der Hitze und standen nicht an der Startlinie obwohl sie gestern noch die Startunterlagen abgeholt hatten. Man mag ihnen zu dieser Entscheidung ebenso gratulieren wie jenen, die es wagten - und schafften.

 

Aber wie gesagt, jetzt ist alles GUT. Um 06:40 Start der Profimänner, um 06:42 Start der Profifrauen, um 06:50 die roten Badekappen und um 07:00 Uhr die wahnsinnig große Meute der blauen Badekappen.

 

Die Stimmung ist großartig: Sonnenaufgang, gute Musik, ein Pfarrer spricht wohltuende Worte und der knatternde Hubschrauber fängt dies alles ein, damit die Bilder später ins Fernsehen kommen. Ich bedanke mich, dass ich hier sein darf. Mein Unfall, meine Erkältungen und die vielen Kleinigkeiten die den Start hätten verhindern können sind nun Geschichte. Ich bin hier und schreite langsam, der Meute hinterher, ins Wasser.

 

Soll ich noch laufen oder soll ich schon schwimmen. Wenn die „Blauen“ vor mir noch laufen und die „Blauen“ hinter mir schon schwimmen, wird es komisch. Also rein in den 26 oder 27 Grad warmen Whirlpool.

 

Dass dies Anfangs eine Keilerei ist wurde mir schon oft erzählt. Diese Vorstellung hat mir auch des Öfteren den Schlaf geraubt. Doch was hier abgeht, ist schlimmer als jegliches von mir erdachte Schreckensszenario. Und es sind nicht mal die von mir vermuteten Egoisten die über Leichen gehen. Nein, es sind nur zu viele Menschen auf zu wenig Raum. Auch ich berühre ständig meine Mitschwimmer. Ich trau mich kaum einen Beinschlag zu machen. Gleitphase unmöglich, jetzt bleibt jemand an meinem Fußbandchip hängen. Wenn ich den verliere, gibt es keine Zeitmessung, Oh, … ich spüre wie locker das Band nun ist, ZACK - bekomme ich einen Schlag ins Genick.

 

Ich bin noch nie so verprügelt worden. Bei einem heftigen Schlag auf meine empfindliche Ferse dachte ich schon an das vorzeitige AUS.

 

Dass ich derart in die „Mühle“ geraten bin, lag vermutlich daran, dass ich zu weit links (Ideallinie) und zu weit hinten (nicht mein Tempo) gestartet bin. Als ich das realisiert hatte war aber keine Korrektur mehr möglich. Ich war gefangen zwischen hunderten von zappelnden Menschenleibern und die einzige Möglichkeit zu überleben war, sich der Masse unterzuordnen.

 

Nach der ersten Boje (700 Meter) versuchte ich die Ideallinie zu verlassen, in der Hoffnung doch noch frei und im eigenen Rhythmus schwimmen zu können. Der zwar weitere Weg versprach mir weniger Prügel. Vor allem die Brustschwimmer waren mit ihrem Beinschlag extrem gefährlich.

 

Die erste Runde sind 1,5 KM. Da hab ich doch glatt über 40 Minuten verbummelt. Das macht eine Pace von 2:41 auf 100 Meter! Egal, Landgang und ab zur zweiten Runde. Diesmal schwimme ich ganz am Rand des Feldes und mit großem Umweg um die Bojen und kann das erste Mal Spaß empfinden.

 

Und dann sehe ich bald das große gelbe Ziel Tor.

 

In der Wechselzone habe ich mir dann richtig Zeit gelassen. Stolze 14 Minuten. Vermutlich hatte ich die schlechtesten Wechselzeiten aller Teilnehmer. Abtrocknen, Trinken, Umziehen, Trinken, Frühstück, Trinken, Sonnencreme, ... ich wollte keine Hektik und vor allem wollte ich keine Fehler machen. An der Anzahl der noch übrigen Wechselbeutel konnte ich sehen, dass schon verdammt viele weg sind.

 

Ich schiebe mein Rad gemütlich aus der Wechselzone und beachte sogar die Linie vor der man nicht aufsitzen darf. Meine Sorge, ich könnte mit den nassen Klamotten frieren ist unbegründet. Vor mir ist einen lange, lange Schlange von Radfahrern. Ich rufe mir ins Gedächtnis, dass ich mindestens 10 Meter Abstand halten muss. Dies ist die sogenannte Windschattenbox, und dass der Überholvorgang in 20 Sekunden abgeschlossen sein muss. Regeln über Regeln, hoffentlich werde ich deshalb nicht versehentlich disqualifiziert.

 

Nach 1 Kilometer haben schon die ersten Athleten einen Platten und versuchen hektisch ihre Reparatur durchzuführen. Ich richte ein Stoßgebet gen Himmel, dass sie es schaffen werden und dass ich davon bitte verschont werde.

 

Ich merke schnell, dass ich ein höheres Tempo fahren kann und überhole die ganze Perlenkette. Da kommt Spaß auf. Gleichzeitig diszipliniere ich mich ständig auf meine Oberschenkel zu hören. Spüre ich das kleinste Brennen, lasse ich den Druck sofort nach.

 

Es ist wunderschön. Sonne, blauer Himmel, es ist angenehm warm und Frankfurt liegt bereits hinter mir, das bedeutet herrliche Felder, Landstraßen ohne Autos, ich bin ganz im Glück. An jeder Verpflegungsstelle (alle 25 KM) schütte ich mir eine Flasche Wasser über den Helm und übers Trikot, die Zweite kommt ans Rad zum Trinken und Nachduschen. Die Kraftanstrengung immer nur im "Spazierfahrtmodus", denn ich werde noch einige Körner beim Laufen benötigen.

 

Meine Strategie ging auf. Beim Radfahren habe ich ca. 450 Plätze gut gemacht. In der zweiten Radrunde war ich nur am Überholen. Und glaube mir, wenn Du reihenweise Sportler mit Zeitfahrhelmen, bestem Equipment und Fahrrädern jenseits der 10.000 € Grenze überholst, tut das deiner Seele gut.

 

Nach dem Rad hatte ich zwar keine große Lust mehr zu laufen, denn eigentlich war ich über das "Geleistete" schon sehr zufrieden. Aber Elke meinte, ich soll noch ein bisschen "auslaufen". Das täte der Muskulatur gut. Also rannte ich dann doch noch los. Und auch dies ging erstaunlich leicht. Die meisten Athleten hatten Probleme mit der Hitze. Doch ich hielt an meiner "Duschstrategie" fest und machte dies an jeder Verpflegungsstelle zum Ritual. Duschen, ein Becher Wasser trinken, zwei Schluck Cola, vier Orangenschnitz, nochmal ein Becher Wasser ins Genick, Eiswürfel in die Mütze und in die Hose und weiter, ...

 

Und das alle 2,5 KM.

 

Auch jetzt war ich wieder nur am Überholen. Laut Ergebnisliste 646 Plätze beim Laufen gut gemacht. Das war ein unbeschreibliches Gefühl. Mir ging es einfach SUPER.

 

Andre und Ramona feuerten mich am Anfang des 10,5 Kilometerrundkurses an, einige Berufskollegen und einige Bekannte aus der Lauf- und Triathlonwelt standen in der Mitte. Und Elke, Thomas und Teresa sorgten im zweiten Drittel der Runde für Freude und gute Laune.

 

Da der Akku meiner Laufuhr bereits leer war, hatte ich keinerlei Zeitgefühl. Als ich einen Zuruf bekam, dass ich es unter 12 Stunden schaffen könnte, schoss ein Energieschub in meine Oberschenkel und in meine Psyche, dass ich mir vornahm, die letzte Runde zu meiner Schnellsten zu machen, was dann auch tatsächlich so geschah. Gleichzeitig schaffte ich somit meinen ersten Marathon mit einem Negativsplit.

Der Zieleinlauf mit dem Ausruf des Moderators: „Achim, you are an Ironman“ bleibt für immer in meinem Gedächtnis. Gänsehaut pur !!!

 

Rückblickend empfinde ich einfach nur tiefe, tiefe Dankbarkeit, dass ich beschützt wurde und dass alles so gut geklappt hat, es fühlt sich großartig an, ein IRONMAN zu sein. Die Medaille ist phänomenal. Ich habe seit Sonntag ein Dauergrinsen bis zu den Ohren.

 

Ein Lebenstraum ging in Erfüllung.

 

3,8 KM SWIM = 01:30:40

Wechsel = 00:14:00

180 KM BIKE: 05:52:17

Wechsel = 00:10:46

42,195 RUN = 03:54:08

 

Gesamt: 11:41:51

...

 

 

 

Kommentare

To?ler Bericht! Tolle Leistung! 

Ich bin beeindruckt.

Gruß, Frank

Wow!! Super Leistung und danke für den tollen Bericht!

Viele Grüße Andy

Ein wunderschöner Bericht nach einer imponierenden Leistung. Bewahre dir Demut und Grinsen.

Danke EFah, für den schönen Bericht und weiterhin viel Spaß am Sport. Traumboot

Einfach nur Glückwunsch zu einer tollen Leistung und einem schönen Bericht

Torsten

Hallo lieber Thomas,

vielen Dank für Deine Antwort. Deine fachkompetenten Analysen schätze ich immer sehr.

Da dies mein aller erster Triathlon war, konnte ich überhaupt nicht einschätzen wieviel Kraft noch für den Marathon übrig bleibt bzw. bleiben muss. Insgeheim habe ich mich auf "wandern" und 5-6 Stunden eingestellt. Demnach war ich extrem glücklich noch eine SUB4 hinzubekommen.

Rückblickend muss ich Dir Recht geben: Bei besseren Bedingungen, mehr Erfahrung und konservativer Betrachtungsweise könnte ich in allen vier Disziplinen noch jeweils 15 Minuten einsparen. Aber, ... hätte, wäre, wenn, ...

Mal sehen, vielleicht gibt es einen weiteren Versuch.

Aber wenn ich heute die Frankfurter Nachrichten lese, die vom Tod eines Triathleten berichten, spielt die Zeit eigentlich gar keine Rolle mehr.

Irgendwie geht mir das sehr nahe, weil wir zur selben Zeit, am selben Ort, bei gleichen Bedingungen gekämpft haben. Und sind wir mal ehrlich, die Grenze zwischen Vernunft und Körpergefühl und kämpfen und Durchhalten ist niemals eindeutig.

Ein immer noch glücklicher aber nachdenklicher EFah

 

Hallo EFah,

Herzlichen Glückwunsch zu der guten Leistung. Langsam zu beginnen und hinten raus zu überholen war die richtige Entscheidung. Allein vom mentalen Moment ist das ein unschätzbarer Vorteil.

Ich habe erst einmal eine Ironman-Halbdistanz hinter mich gebracht(allerdings nur, um den Triatlethen in meiner Laufgruppe einen auszuwischen). Das hat Spaß gemacht und war auch erfolgreich. Ich wurde M45 Meister in der offenen sächsischen Meisterschaft. Aber: a) war das nur die Hälfte und b) waren die Bedingungen einfacher als letztes Wochenende. Bei der Halbdistanz war es so, dass jedes Mal wenn ich keine Lust mehr auf Schwimmen, Rad fahren oder Laufen hatte, der entsprechende Abschnitt auch vorbei war. Eine Volldistanz würde ich mir nicht zutrauen. Insofern: Ganz starke Leistung EFah!

Für die 11:41 h war der Aufwand den Du trainingstechnisch betrieben hast, sehr hoch. Bei günsitgeren Bedingungen wäre die Zeit mit Sicherheit noch besser gewesen. Die guten Zeiten beim Ironman werden auf dem Rad gemacht. Da hast du vermutlich die größten Reserven. Wobei ein Schnitt knapp über 30 natürlich gut ist. Bei über 8000 KM in diesem Halbjahr geht da aber ganz sicher noch was...

Ich wünsche Dir weiterhin ganz viel Spaß bei deinem Sport. Und natürlich jede Menge Erfolge. Da deine Stärke, meiner Ansicht nach, klar auf der Laufstrecke liegt, sieht man sich ja vielleicht mal irgendwann auf einem Marathon(Du als Läufer, ich als Trainer).

Bis bald

Thomas

 

» Alle Kommentare
» Kommentar-RSS-Feed

Zum Kommentarschreiben anmelden or registrieren