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Höhehmeter oder Tiefenmeter

Von Ponschi am 06.12.2009

Der Untertage-Marathon in Sondershausen

Am Freitagnachmittag mache ich mich auf den Weg nach Sondershausen, zum tiefsten Marathon der Welt. Ich habe mir ein Hotelzimmer gebucht und bei der Anreise kann ich die schöne Landschaft Thüringens so richtig genießen denn in einem endlosen Stau schleiche ich nach Sondershausen. Der Ort ist einfach einen Besuch wert mit seiner tollen Fußgängerzone, einem Schloss, einem Brunnen auf dem Marktplatz, und, und, und...... Am Abend wird mir dann auch noch etwas ganz besonderes bewusst, ich habe ihn gefunden, den Ort an dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Aber was soll's, bin ja schließlich zum Laufen unter Tage hier, feiern kann man überall, nur halt nicht hier.

Am Sonntag stehe ich wie immer früh auf, gehe um 7:00 Uhr zum Frühstück, mache mich um kurz vor 8:0 Uhr auf den Weg zur Zeche und muss feststellen dass selbst die Sonne Sondershausen vergessen hat. Es sind frostige -4°. Im Wartesaal vor dem Schacht, in dem wir nach unten fahren möchten, ist es ebenfalls bitter Kalt aber zum Glück brauchen wir nur eine halbe Stunde Schlange stehen bevor wir in den Korb steigen können der uns 700 Meter näher zum Mittelpunkt der Erde bringt. Im Korb wird es schon etwas Wärmer, liegt wohl dran das wir mit 15 Läufer incl. Gepäck in den Korb gepfercht werden. Die 4 Minuten Abfahrt vergehen im Nu und mit jedem Meter nach unten wird es immer wärmer. Als wir aussteigen stehen wir in einer riesigen Halle aus Salz und das Bergmanns-Orchester gegrüßt uns mit einem "Glück Auf, der Steiger kommt". In einem Seitenstollen stehen Bierzelt-Garnituren bereit und wir können es uns erst einmal gemütlich machen, den Rucksack abstellen und eine Tasse Kaffee trinken. Die Organisatoren haben sich hier unten wirklich an alles gedacht. Es gibt eine Bar, einen Imbiss, Sani, eine Ausstellung über alles Mögliche was Bergbau betrifft.......

Ich ziehe meine Klamotten aus und bereite mich auf den Start vor, d.h. Fahrradhelm anziehen, Kopflampe anbringen, eine Bandage um meine rechte Ferse anlegen, denn die möchte immer noch nicht so wie ich es möchte. Dann gehe ich zum Start für die 4 Runden von je 10,6 Km und jeweils 350 Höhenmeter, oder sind es Tiefenmeter, Höhenmeter hört sich hier unten irgendwie blöd an?

Dann endlich der Start und alle rennen los doch nach 400 Meter immer leicht bergauf ist schon wieder Schluss. Dieses Teilstück wird nicht gewertet denn ansonsten kommt man nicht auf 42,195 Km. Dann der richtige Start und es geht 2,5 Km fast ständig bergauf zum ersten Verpflegungspunkt. Bei einem Blick auf meine Pulsuhr sehe ich dass das Laufen hier unten anders ist als Über Tage denn mein Puls steigt in ungewohnte Höhen. Es gibt zwar einige Lampen hier unten doch ohne meine Helmlampe währe es extrem schwierig hier zu laufen. Der Untergrund ist uneben mit kleinen Schlaglöchern, loses Salz und oftmals glatte Stellen die wie Spiegel aussehen. An der ersten Verpflegungsstelle trinke ich im Vorbeilaufen einen Becher Wasser und mache mich weiter auf die nächsten 2,5 Km zur nächsten zweiten Verpflegungsstelle. Es geht fast ständig bergab, die Temperaturen steigen auf knappe 30°, die Luft wird immer stickiger und das Atmen fällt mir immer schwerer. Dazu kommt das die Luftfeuchtigkeit von 30% mir jeden Tropfen Flüssigkeit aus dem Körper saugt und nach wenigen Meter der Mund und Rachen völlig trocken sind. An der zweiten Verpflegungsstelle kippe ich dann bereits einen Becher Tee und einen Becher Wasser in mich rein und weiter, 2,5 Km bis zur dritten Verpflegungsstelle. Es geht wieder bergauf, dieses Mal jedoch steiler, ca. 23%, und immer wenn ich denke ich bin oben geht es nach einer Kurve weiter bergauf. An der dritten Verpflegungsstelle trinke ich bereits einen Becher Te und zwei Becher Wasser aber die Strecke wird ab jetzt etwas angenehmer, die Temperaturen sinken etwas und die Luft wird besser. Dann kommt die Verpflegungsstelle Nummer Vier die sich im Zielbereich befindet und es ist die einzige Stelle an der uns einige wenige Zuschauer anfeuern.

Die Bedingungen hier unten sind extremer als ich es mir vorgestellt hatte was einige Läufer bereits nach der ersten Runde zum Aufgeben zwingt. Ich gehe in die zweite Runde, das Feld ist mittlerweile weit auseinander gezogen und ich sehe erst jetzt das rechts und links der Strecke alle möglichen Maschinen und Fahrzeuge aus den Zeiten der DDR stehen, die hier unten einmal in Betrieb wahren. In einem Querstollen sehe ich wie die Kumpel Salz abbauen. Die Steigungen fallen mir von Runde zu Runde schwerer und meine Ferse macht sich mal wieder bemerkbar. Ich muss, sobald es bergab geht, Tempo rausnehmen und so geht es irgendwann in die vierte und letzte Runde. Als ich an die 23% Steilstrecke komme habe ich den Verdacht dass die Kumpel sie noch schnell etwas steiler gemacht haben. Sie hat dieses Mal gefühlte 100%, der Aufstieg wird zur Qual, aber in solchen Fällen heißt es auf die Zähne beißen, Ferse vergessen und weiter nach oben. Dann endlich, das Ziel, gleich hinter einer Kurve, erst 20 Meter vorher zu sehen und der tiefste Marathon der Welt ist geschafft.

Da ich leider keine Zeit habe kann ich nur kurz etwas trinken, bekomme meine schwer verdiente Medaille, schnappe mir mein Finisher-Shirt, endlich den Helm aus, Rucksack packen und ab zum Schacht. Auf dem Weg nach oben merke ich wie es deutlich kälter wird. Über Tage angekommen geht es bei 4° über einen Hof zur Bergmanns-Dusche. Nach einer Blitzdusche dann in Richtung Heimat denn ich muss heute Abend noch zur Barbara-Feier, passt irgendwie und gibt dem Ganzen den richtigen Abschluss.

Der Untertage-Marathon ist ein Erlebnis der besonderen Art der es wert ist die unvorstellbaren Strapazen, Schmerzen und mentale Belastung auf sich zu nehmen. Es war bestimmt nicht das letzte Mal das ich mich in Sondershausen in die Haut eines Maulwurfs versetzt habe.

Glück Auf, Ponschi

 

Kommentare

Hallo Ponschi,

Klasse Bericht, sau spannend!

War einige Tage nicht hier und habe ihn daher erst heute lesen können.

Hattest Du nicht ständig Salz im Mund und auf der Haut? Wie ich Dich verstanden habe wurde da sogar noch gearbeitet?? ("In einem Querstollen sehe ich wie die Kumpel Salz abbauen.")

Wie hast Du das mit dem Flüssigkeitsverlust hinbekommen, bist Du mit Trailschuhen gelaufen, war es rutschig?

Sorry für die vielen Fragen!!

Ganz dicken Glückwunsch zum Finish von so einem spektakulären Lauf.

Gruß, Thea

Sei doch nicht böse mit mir,ich habe alle Achtung vor Deiner Leistungen....ich wollte nur sagen,meine Welt ist es nicht. Du weißt doch ich habe ein großes Herz für Dich und Deinen Wuschel......liebe Grüße Nicole

Hallo zusammen,

vielen Dank für eure Kommentare. Ich kann euch den Lauf nur nochmals empfehlen, er ist eben anders, auch für Läuferinnen aus Hamburg ;-) Nicole, es muss doch etwas besonderes sein unter Tage zu laufen, warum sonst verkriechen sich täglich tausende Maulwürfe dort hin.

@Tommy, was ist Leistung? Meiner Ansicht nach sollte man Leistung nicht an gelaufenen Kilometer oder Höhenmeter festmachen. Ich glaube nicht dass ich die Kraft oder den Ergeiz besitze so wie du. Immer wieder aufzustehen, niemals aufgeben und trotzdem Träume zu haben, das ist Leistung. Da kann ich mich nur hinter verstecken. Deine Beiträge zeigen uns allen doch wie kostbar, aber auch wie verletzlich das Leben ist. Umso wichtiger ist es niemals aufzuhören mit dem träumen aber auch sich nur realistische und erreichbare Ziele zu setzen. Wenn du sagst dass du dich nicht ärgerst in eine Sackgasse gelaufen zu sein dann kann es doch keine Sackgasse gewesen sein. Es war kein Fehler sondern eine Erfahrung die dich mal wieder weiter bringt. Unser gemeinsamer Lauf, sei es ein Marathon, ein HM oder irgendein anderer Lauf ist nur verschoben. Mich würde es freuen einmal mit einem Menschen wie dir auch nur einen Kilometer zu laufen. Also lass du dich von mir auf die Schulter klopfen denn du hast es dir wirklich verdient.

Ponschi

Hallo Josef !

In Deinen Berichten findet man sich so gerne selber wieder.

Ein guter Grund vielleicht mal eine Biographie zu schreiben. So gerne würde ich diese Erlebnisse mit Dir teilen können aber irgendwie tue ich das auch.

In Gedanken lief ich auch schon mal in der Wüste oder am Pol. Der Gedanke warum Menschen das tun fasziniert mich immer wieder, birgt aber auch eine große Gefahr.

Die Gefahr heißt Burn Out und zwingt Menschen mit überzogenen Anspruch immer wieder nach ganz unten. Dazu gehörst Du zweifelsfrei nicht zu. Du realisierst Deine Träume oder besser gesagt..........Du lebst Deinen Traum ......

Für mich heißt es Ansprüche runterfahren denn ich sehe mich psychisch nicht in der Lage solch grandiosen Leistungen abzurufen wie Du es tust.

Es kommt kein Neid auf, sondern ein wirkliche Anerkennung dieser Lebensleistung.

Solche Menschen , solche Berichte wie sie vin Dir kommen, bestätigen mich in meiner Meinung doch immer wieder von vorne anzufangen, an sich zu arbeiten, den Arsch hoch zubekommen auch wenn die Knochen noch so weh tun.

Das Leben ist zu kurz um trübsal zu blasen.

Ich bin in meinem Anspruch ganz klar in die Sackgasse gelaufen aber ich ärgere mich nicht, denn einen falschen Weg kann ich ausschliessen. Jetzt heißt es psychisch und physisch aus der Falle rauszukommen und Richtung Sonne laufen.

Mein Weg geht nach vorne , auch wenn ich zur Zeit ganz unten bin.

Mein Ziel eines tages mit Dir einen HM oder Marathon zu laufen ist nicht gestorben !

Josef, ich wünsche Dir und Deiner Familie ein ruhiges besonnenes Weihnachtsfest .

Und lass Dir mal auf die Schulter klopfen für soviel körperlichen und vor allem hier im Forum .........menschlichen Einsatz.

Ich kenne Dich nur über das Internet aber ich bin mir sehr sicher das Du ein Pfundskerl bist.

 

Alles gute Tommy

Glückwunsch das DU das geschafft hast. Ich finde es zwar nicht für mich als Traumlauf ,unter der Erde zu laufen und hätte nie gewußt das es sowas überhaupt gibt. Doch dafür haben wir ja Dich... ich bleib doch lieber Übertage.Trotzdem toller Beitrag!Ich lese Sie immer gern. Liebe Grüße icole

Hey hombre !

Also das mit den 30 Grad ... das klingt ja richtig einladend und gegen das Schwitzen habe ich auch nichts. Aber ... konnten die nicht für ein bischen "gute Luft" sorgen ??

Die Lauferfahrung klingt wirklich spannend ... eine tolle Idee eigentlich mal im Bergwerk zu laufen.

Wünsche Dir auch eine schnelle Genesung für Deinen Fuss.

Wir sehen uns dann ja schon nächste Woche ... bis dahin ... pflege Deinen Fuss !!

Viele Grüsse ... das muli

Hallo Ponschi,

DANKE, vielen Dank für diesen tollen Bericht. Wie gewohnt spannend und informativ formuliert. Marathon bei 30°, das finde ich momentan eine sehr schöne Vorstellung, endlich mal wieder richtig schwitzen, das wär´s.

Ich drück Dir die Daumen für Deine Ferse, mir machen meine Fersen auch immer zu schaffen, daher kann ich gut mit Dir mitfühlen.

Alles Gute,

EFah

Klasse Bericht von Dir, Ponschi.

Habe schon oft von der Ausschreibung dieses Untertagelaufs gelesen. So etwas könnte mich auch mal reizen. Auf jeden Fall kann ich mir jetzt besser vorstellen, wie es da unten zugeht.

Wünsch Dir eine gute Regeneration, laufdusau

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