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Der morgendliche Lauf (oder Die Philosophie des Laufens)

Von RunningMat am 12.07.2009

Schlapp schlapp trab, schlapp schlapp trab... müde fühlen sich die ersten Schritte an. Schlapp schlapp trab beim Einatmen, schlapp schlapp trab beim Ausatmen, ein fortwährender gleichmäßiger Rhythmus. Keine Unterbrechungen, absolute Ruhe, nur das Zwitschern morgendlicher Vögel ist zu vernehmen, die langsam ihren Nestern entfliehen. Die Muskeln ächzen noch, der Kreislauf kommt erst langsam in Schwung. Ein Blick auf die Pulsuhr: 10 Schläge über normal für dieses Tempo. Der Körper schläft noch, jetzt um 5:45 Uhr, als ich die letzten Häuser hinter mir lasse und vom Hügel aus auf die verschlafene Kleinstadt blicke. Ein kühler Wind streicht mir über die Haut. Es ist Frühsommer und bei 30°C am Mittag ist die morgendliche Luft eine Wohltat. Ich atme intensiv ein und aus, genieße die Frische des Morgens. Irgendwo in der Ferne kräht ein Hahn, die Sonne geht bald auf. Vor 15 Minuten habe ich mein Bett verlassen, die Laufschuhe standen schon bereit. Meine treuen Begleiter für über 1000 km sind nie müde, immer bereit für den nächsten Lauf. Und hier ist er...

Schlapp trab trab, die Schritte werden lockerer, der Körper erwacht. Und mein Geist tut es ihm gleich. So ein Lauf am frühen Morgen hat einen sehr philosophischen Charakter, regt zum Nachdenken an. Erinnerungen erwachen zum Leben. Erinnerungen an andere Läufe, die außerhalb des normalen Schönwetter-Nachmittagslaufs liegen. Im Winter bei Schnee, der unter den Füßen knirscht, mit Stirnlampe nach Einbruch der Dunkelheit, bei -15°C in eisiger Kälte oder etwa bei Dauerregen durch den herbstlichen Auwald. An sich hat jede Jahreszeit ihre Besonderheiten, genauso wie jeder Lauf. Alle sind sie einzigartig und doch eint sie die grundlegende Tätigkeit. Und erst in der Ruhe dieser Läufe finde ich zu mir selbst, lasse das alltägliche Treiben hinter mir und lerne mich kennen. Auch jetzt erfüllt eine wohlige Leere mein Inneres, die mich in eine meditative Stimmung versetzt. DAS ist Laufen, denke ich mir. Es ist mein Lebensweg, meine Hingabe, meine Muse. Laufen ist für mich kein Sport, sondern Philosophie. Laufen ist ein Speicher meiner Erinnerungen, ein Spiegel meiner Seele. Ich denke daran, welche Strecken und in welchen Situationen ich bereits gelaufen bin, in welchen Stimmungen ich dabei war und welche Ereignisse ich häufig überdacht habe. Bei diesem frühmorgendlichen Lauf erinnere ich mich daran, wie ich häufig aus dem Zug schaue, alte Laufstrecken wiedererkenne oder mir einfach nur vorstelle, wie toll man manche Gebiete laufend erkunden könnte.

Trab trab trab, nun hat mich der Rhythmus voll erfasst. Die Sonne schickt ihre ersten Strahlen über den Osthang des bewaldeten Hügels, den ich laufend erkunde. Immer mehr Vögel erwachen und aus der Ferne höre ich eine Autobahn geschäftig rauschen. Bald tauche auch ich wieder ein in die Parallelwelt, die sich Zivilisation nennt, doch nicht für jetzt. Jetzt bin ich mit mir allein und möchte mit nichts und niemandem auf der Welt tauschen. Heute Morgen ist mein Geist noch klar und nicht verschmutzt mit den Gedanken des Alltags. Ich denke an meine Abendläufe, die mich oft zum Abschalten bringen, wo ich alle meine Gedanken in eine große Lehmkugel sperre und mit dieser Kugel solange laufe, bis sie nicht mehr existiert. Doch heute habe ich das nicht nötig. Heute bin ich allein mit mir.

Langsam erreiche ich wieder die ersten Häuser der Stadt. 6:45 Uhr. Die Welt hat mich wieder. Ich setze mich vor die Haustür, atme tief aus, schaue in die Ferne... und Dankbarkeit erfüllt mich.

Kommentare

Hey,

 

echt toller Artikel. Es hat große Freude gemacht zu lesen und in die "Geschichte" einzutauchen. Ich fand mich beim abendlichen abschalten absolut wieder.

Ganz großes Kino

genau so !

ich sage einfach nur DANKE

Traumboot

Hallo Matthias,

Du hast schriftstellerische Fähigkeiten. Damit könntest Du sicherlich Geld verdienen. Dein Text hat mich echt berührt. Ich konnte mich in Deine Schritte und in Deine Gefühle richtig reindenken.

Wenn das nicht motiviert ?!

Noch ein bisschen Schreibtischarbeit, dann schnür ich mir die Schuhe und mach einen schönen Regenerationslauf. Genuss pur.

VIELEN DANK für dieses tolle Werk.

Gruß EFah

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