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Frankfurter Rekordjagd

Von Sportix am 06.12.2011

Endlich ist der große Tag gekommen. Zwölf harte Trainingswochen mit über 1000 Laufkilometern können nicht umsonst gewesen sein. Der heutige Frankfurt-Marathon soll mein persönlicher Saisonhöhepunkt werden. Die avisierte Bestzeit von unter 3:15 h wäre die Krönung eines ereignisreichen Wettkampfjahres.

Anders als bei früheren Rennen darf dieses Mal organisatorisch nichts schief gehen. Daher steht der fertig gepackte Rucksack schon seit dem gestrigen Abend bereit. Und doch passiert das obligatorische Missgeschick schon kurz nach dem Aufstehen. Das Ende der Sommerzeit droht meinen Plänen einen Strich durch die Rechnung zu machen.

Gewissenhaft hatte ich die Uhr meines Handys schon gestern abend um eine Stunde zurückgestellt und die Alarm-Funktion auf 4:30 Uhr gestellt. Da die Abfahrt des Busses für 5:45 Uhr vorgesehen ist, bliebe also genug Zeit für das Frühstück und letzte Vorbereitungen. Das Handy ertönt. Ein paar Minuten kann ich noch liegen bleiben, denke ich, und drehe mich noch mal rum. Ganz allmählich stehe ich dann auf, schlurfe ins Wohnzimmer und schalte das Licht an. Werfe kurz einen Blick auf die Funkuhr und muss ein paar mal blinzeln, bevor ich begreife: Der Zeiger geht auf 20 vor 6 zu! Ja, wie? Kann doch gar nicht sein. Schnell mal den Fernseher eingeschaltet und im Videotext nachgeschaut: 5:38 Uhr! 7 Minuten bis zur Abfahrt! Panik ergreift mich. Schnell Klamotten und Schuhe angezogen, Frühstück und Getränke in den Rucksack hineingestopft, kurz überlegt: Nichts vergessen? Anmeldebestätigung, Uhr, Gelbeutel, alles dabei. Also los jetzt, raus aus dem Haus und rüber zum Bus.

Gerade noch rechtzeitig steige ich ein und bin natürlich der letzte. Die fünf Staffelbesatzungen, die vier anderen Einzelstarter und einige Anhänger sind schon alle da. Unser Trainer, der selbst nicht mitfährt, ist gekommen. Er richtet ein paar aufmunternde Worte an uns und wünscht uns viel Erfolg. In der letzten Reihe finde ich einen Platz. Langsam komme ich zur Ruhe, nach diesem kleinen Schock in der Morgenstunde. Nun bleibt mir die Gelegenheit, der Ursache dieses kleinen Malheurs auf den Grund zu gehen. In den Einstellungen meines Handys ist Auto-Zeitzone markiert. Verstehe. Die Uhr hätte ich gar nicht manuell zurückstellen dürfen. Jetzt, wo es in Wirklichkeit 6 Uhr ist, zeigt mein Handy 5 Uhr an. Gerade noch mal gut gegangen. Im Vorfeld hat es an mahnenden Worten meiner Trainer und Vereinskollegen nicht gemangelt.

Endlich habe ich Zeit, um in Ruhe zu frühstücken. Der Rest meiner Vollkorn-Pizza von gestern ist eine willkommene Gelegenheit, ein letztes Mal vor dem Marathonlauf die Kohlehydrat-Speicher aufzufüllen. Noch verbleiben fast 4 Stunden bis zum Start. Danach döse ich noch ein bißchen, und Ruck-Zuck sind wir schon in Frankfurt angelangt.

Auf der Fahrt hatte es leicht geregnet, aber in Frankfurt sind die Straßen bereits trocken, als wir aus dem Bus aussteigen. Der Himmel ist bewölkt, und die Temperaturen liegen bei rund 11°C (und steigen später auf 14°C an). Es ist 8 Uhr. Noch zwei Stunden. Zunächst steht uns ein Fußmarsch von 2 Kilometern bis zur Festhalle bevor. Dort herrscht eine große Betriebsamkeit. Kein Wunder, bei den Rekord-Meldezahlen von 15000 Marathon-Teilnehmern, 1600 Staffeln sowie über 3200 Kindern beim Mini-Marathon. Aber die Organisation ist perfekt. Alles ist gut ausgeschildert. So ist es auch nicht weiter schlimm, dass wir uns in der Menge verlieren. Die Staffelläufer aus unserem Team sind bald nicht mehr zu sehen, und auch von Silke ist keine Spur mehr. Melanie, Thomas, Herbert und ich bleiben soweit wie möglich zusammen. In der 2. Etage der Festhalle holen wir unsere Startunterlagen ab. Anschließend begeben wir uns hinaus an die frische Luft, um dort die letzten Vorbereitungen zu treffen: Trikots anziehen, Startnummern, Uhren und Brustgurte anlegen, Gelbeutel einstecken, Laufschuhe mit den Chips versehen, Kleiderbeutel packen. Dann gehen wir hinauf in die 1. Etage zur Abgabe der Kleiderbeutel. Es dauert ein wenig, bis ich die Abteilung mit meiner Startnummer gefunden habe. Am vereinbarten Treffpunkt finde ich die anderen nicht mehr. Ab jetzt bin ich auf mich allein gestellt. Noch eine halbe Stunde bis zum Start. Zeit, um ein letztes Mal die Toilette aufzusuchen. In der 1. Etage steht eine Riesenschlange. Also rauf in die 2., aber auch dort muss ich lange anstehen und werde ganz unruhig. Die Minuten verstreichen. Als ich endlich fertig bin, habe ich noch etwa 10 Minuten bis zum Start. Schnell hinunter und ins Freie. Ab in den Startkanal. Von ganz hinten kämpfe ich mich durch das Starterfeld. Mein Startbereich ist der Asics-Block. Der ist ziemlich weit vorn. Ganz langsam nähere ich mich und errege den Unmut von Einigen, die ich beim Umkurven anremple oder denen ich auf die Füße trete. BMW-Block. Noch einen Block weiter, einmal noch über ein Tau steigen, und schon bin ich in meinem Block. Noch 3 Minuten. Perfekt. Meinen Blick richte ich gen Himmel und schicke ein paar Stoßgebete hinauf. Unter dem mächtigen Messeturm komme ich mir ganz klein vor. Auf einer Tribüne steht der Sprecher und begrüßt uns freundlich, nicht ohne die Topläuferinnen und -läufer zu erwähnen. Er animiert uns zum rhythmischen Klatschen und Hüpfen. Stimmungsvolle Musik heizt uns ein. Die Zuschauer rundherum sind aus dem Häuschen. Ein kurzer Blick zurück zeigt mir die beeindruckende Menge des Starterfeldes. Schräg vor mir, gar nicht weit weg, sehe ich zwei gelbe Luftballons, auf beiden steht 3:15. Meine Zugläufer. Sehr schön. Die werde ich nicht aus den Augen lassen, denke ich mir, und mich einfach dranhängen. Es wird heruntergezählt: 10, 9, 8, ….. 3, 2, 1 und: Schuss! Der Start! Das Rennen beginnt! Die Menge tobt.

Das Feld setzt sich langsam in Bewegung. Zwei Minuten nach dem offiziellen Start beginnt auch für mich die Uhr zu laufen. Wo sind denn meine Zugläufer? Sehe mich um und finde, dass die mir nicht schnell genug sind. So presche ich einfach davon und fliege scheinbar leicht und locker über den Asphalt. Muss mich echt bremsen, schließlich liegen 42 lange Kilometer vor mir. Aber die phantastische Atmosphäre und die überaus gute Stimmung an der Strecke puschen mich zu einem relativ hohen Tempo, und ich denke: Hoffentlich bereue ich das nicht irgendwann.

Komisch, obwohl ich in einem der vorderen Blöcke stand, überhole ich Leute, die unglaublich langsam vorankommen. Was hatten die denn dort vorne zu suchen? Sollte sich nicht jeder gemäß der erwarteten Zielzeit am Start einordnen? Aber Regelbrecher gibt es halt immer, und die können in diesem Fall ganz schön hinderlich sein.

In etlichen Windungen und Schleifen kurven wir durch die Innenstadt und haben immer die Bürotürme und Hochhäuser im Blick. Unter diesen Riesenquadern gehen architektonische Schönheiten und historische Gebäude wie die Alte Oper oder die Paulskirche etwas unter.

Der erste Getränkestand kommt in Sichtweite. Zunächst die Tische für die Eliteläufer und für Eigenverpflegungen, dann Wasser, isotonische Getränke und Tee. Trinken soll man beim Marathon immer etwas, und so schnappe ich mir einen Becher Iso und kippe ihn hinunter.

Weiter geht‘s. Ein Blick auf die Uhr lässt mich ungläubig staunen. Die spielt wohl verrückt. Sie zeigt 3:22 min. pro km an. Zwar bin ich relativ flott unterwegs, aber so schnell laufe ich bestimmt nicht. Der Satellitenempfang meiner Garmin ist durch die vielen Hochhäuser beeinträchtigt. Auf die durchschnittliche Kilometerzeit kann ich mich nicht verlassen. Außerdem verschiebt sich die Wegstrecke immer weiter nach oben. Am Ende zeigt die Uhr 43,87 km an. Daher richte ich mich nach den Kilometerschildern und der reinen Laufzeit. Dadurch habe ich doch eine relativ gute zeitliche Orientierung und weiß immer in etwa, welche Endzeit zu erwarten ist. Zunächst läuft alles auf eine Zeit von unter 3:10 Stunden hinaus, das wäre besser als erwartet.

Kilometer 10, der zweite Wasserpunkt. Zeit für den ersten Gelbeutel. Erst mal aufreißen. Aber so sehr ich auch ziehe, es gelingt mir nicht. Was bleibt mir anderes übrig, als die Zähne zu benutzen? Dabei verliere ich zwangsläufig an Geschwindigkeit und komme etwas aus dem Laufrhythmus. 200 ml Wasser, wie empfohlen, kriege ich auch nicht hinein, da ich die Hälfte des Becherinhalts verschütte. Das Gel ist eklig süß, aber Hauptsache ich nehme Kohlehydrate zu mir. Die bieten mir auch gummibärchenartige Leckerlis, ich nenne sie Power-Gums, mit denen ich dankenswerterweise von Ute versorgt wurde. Nach und nach nehme ich sie alle zu mir, und damit ist mir wunderbar geholfen.

Bei Kilometer 13 überqueren wir über die Alte Brücke den Main und sehen die Skyline zu unserer Rechten. Es folgen Sachsenhausen, wir laufen am Uni-Klinikum vorbei, Niederrad, Schwanheim. Dort ist die Halbmarathon-Marke erreicht. Bei 1:33 h laufe ich über die Matte. Wenn ich das durchhalten könnte, wäre das großartig. Aber ich habe einen Heidenrespekt vor der Distanz und besonders vor der 2. Hälfte. Denn hier erst zeigt sich, wer im Vorfeld optimal trainiert hat. Wieder muss ich einen Gelbeutel zu mir nehmen, und abermals muss ich ihn mit den Zähnen aufreißen. Während des Laufens zu trinken fällt mir nach wie vor schwer. Sehr oft verschlucke ich mich dabei. Bei all dem komme ich aus dem flüssigen Lauf heraus und muss mich erstmal sammeln. Natürlich kostet das auch Zeit. Daher habe ich mir vorgenommen, mich demnächst darauf zu konzentrieren, ohne größere Schwierigkeiten aus dem Trinkbecher Wasser aufzunehmen.

Die Schwanheimer Brücke führt uns über den Main in nördliche Richtung, wo wir den Industriepark Griesheim passieren und in einer Schleife durch Höchst und Nied wieder nach Griesheim laufen. Fast dörflichen Charakter haben die Straßenzüge hier draußen, ganz anders als im Zentrum, dessen Skyline man in der Ferne sehen kann, wenn die Häuserlücken den Blick freigeben. Sogar Fachwerkhäuser säumen die Straßen. An fast jeder Straßenecke spielen Bands auf. Das Publikum ist phantastisch. KM 30. Die Härteprüfung beginnt. Der 3. Gelbeutel, die üblichen Schwierigkeiten. Noch ein Power-Gum. Wir nähern uns der Stadtmitte. Musikzüge und Trommler heizen uns ein, das können wir jetzt gut gebrauchen. Neben mir auf der Strecke sehe ich immer mehr Aktive, die, von Krämpfen gebeutelt, einfach nicht mehr können oder aber, wenn sie Kampfgeist besitzen, sich nach kurzen Dehnübungen weiterschleppen. Wohl mir, da ich sehr effektiv trainiert habe. Letztes Jahr, an gleicher Stätte, ging es mir so wie denen, die hier reihenweise schwächeln. Heute aber geht es mir vergleichsweise gut, die Beine spielen mit, und ich spüre spätestens bei km 35, dass ich das Ziel mit einiger Leichtigkeit erreichen werde. Dabei hatte ich schon das Schlimmste befürchtet.

Das Zentrum ist wieder erreicht. Durch die Häuserschluchten schallt die Musik, und die Menge der Zuschauer steht hier dicht gedrängt in mehreren Reihen am Straßenrand. Nur noch wenige Kilometer bis ins Ziel. Dann kriege ich einen gehörigen Schrecken: Als ich gerade um eine enge Biegung nach links kurve, hält ein Zuschauer, der mich wohl nicht herannahen sieht, seinen Arm genau in meine Kopfhöhe. Unfähig auszuweichen, schließe ich einfach nur die Augen und erwarte den unvermeidlichen Aufprall. Der bleibt aber aus, weil der Mann seinen Arm in letzter Sekunde nach oben gerissen haben muss. Erleichtert setze ich meinen Weg fort und laufe fortan nicht mehr so dicht am Rand, um solche Beinaheunfälle zu vermeiden.

Friedrich-Ebert-Anlage, der Messeturm, einmal noch links abbiegen, hinein in die Festhalle und über den roten Teppich über die Ziellinie. Euphorische Zuschauer, kraftvolle Musik, Cheerleader, die aufmunternde Moderation des Sprechers, das alles löst eine Gänsehaut-Stimmung in mir und all den anderen aus, die das Ziel erreichen. Meine Uhr bleibt bei 3:10:17 h stehen. Phantastisch. Fast 5 Minuten besser als erwartet. Und ich denke: Ein Glück, dass ich nicht an den 3:15-Zugläufern drangeblieben bin. Als ich abends die Garmin-Uhr an den PC anschließe, stelle ich fest, dass meine durchschnittliche Herzfrequenz bei 159 Schlägen pro Minuten lag (maximal 169). Ein guter Wert für einen Marathonlauf. Da wundert es mich auch nicht mehr, dass mir das Laufen so leicht fiel.

Als ich nach dem Zieleinlauf stehen bleibe und dann langsam weitergehe, um nach draußen zu gelangen, tun die Beine doch ganz schön weh. Unbeholfen steige ich die Treppe hinunter und gehe langsam hinaus ins Freie zu all den anderen. Dort bekommen wir Finisher-Medaillen umgehängt und können uns mit Obst, heißer Nudelsuppe und Getränken versorgen. Alu-Umhänge schützen uns vor Auskühlung.

Anschließend geht es wieder nach drinnen: Kleiderbeutel abholen, duschen, frische Klamotten anziehen. Von meinem Team ist niemand zu sehen. Dann gehe ich erstmal nach draußen und suche mir ein einsames Plätzchen, wo ich eine Gruß-SMS an Ute sende. Sie hat das Rennen am heimischen Fernseher verfolgt und mir bereits via Kurznachricht gratuliert. Melanie geht an mir vorbei und sucht ihre Eltern. Sie freut sich über ihre hervorragende Laufzeit, und wir umarmen uns, um uns gegenseitig zu gratulieren. Auch sie hat ihre persönliche Bestzeit erreicht, so wie Thomas und Herbert.

Kurz darauf gehe ich wieder nach oben und treffe nach und nach all die anderen aus unserer Mannschaft. Die Staffelläuferinnen und -läufer sind bester Laune. Wir „Rekordläufer“ werden überschüttet von Gratulationen und Umarmungen und gratulieren und umarmen selbst, vergessen aber auch die tröstenden Worte für Silke nicht, die heute keinen guten Tag hatte.

Für mich persönlich war es ein sehr schöner Marathontag, und ich werde bestimmt im nächsten Jahr wieder nach Frankfurt kommen.


Kommentare

Bist du beim Marathon mit Notizblock unterwegs? Sehr beeindruckend. Ich könnte mir das nicht alles merken und dabei habe ich bei meinem Tempo viel mehr Zeit als du. Toller Bericht, das macht Lust zur Nachahmung.

Sehr schöner Bericht, tolle Leistung, super Zeit Ich glaube man sollte das Adrenalien am Morgen nicht unterschätzen! Super gemacht, meinen Glückwunsch, Traumboot

Lieber Sportix !

Das war einer der besten Blogs die ich bisher hier lesen durfte.

Man sollt meinen das Du schon Sportbücher verfasst hast, wenn nicht dann aber los.

Man hat ja nach Deinem verpazten aufstehn mitgefiebert das Du den Bus noch bekommst.

Eine Wahnsinnszeit, ein Wahnsinnsrennen, ein Wahnsinnsbericht.

Da kann man nur sagen ....SPITZE !!!

 

Wow !

Sportix !

Super Leistung !

Meinen Glückwunsch zu Deinem grandiosen Finish und zu Deiner pers. Bestzeit.

...auch wenn sie etwas schneller war als erwartet ;-)

Wie heisst es doch so schön: wer sich im Training quält hat auf der Strecke nichts mehr zu fürchten ?!

Nun hast Du dir die Winterpause wohl verdient, zweifelsfrei.

Viele Grüsse ... das Muli

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