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ThomasKnackstedt

Deutschlandsprint Countdown-Tagebuch

Von ThomasKnackstedt am 21.01.2008

Noch 100 Tage. 21. Januar 2008.

Einführung

Erst schreibt der Typ ein Vorwort und jetzt auch noch eine Einführung. Was soll das denn werden? Ja, ich weiß…ich weiß…

Aber einige Worte müssen noch gesagt werden. Zum besseren Verständnis. Der Läufer neigt dazu, sehr schnell fast alles zu glauben, was da geschrieben steht, da muss ich doch vorwarnen. Schließlich sollen Teile des Tagebuchs auch einen Trainingsplan wiedergeben. Ich weiß ziemlich gut, wie gefährlich das werden kann. Ich habe einmal meiner Lieblingsläuferin Sabine einen Plan in die Hand gedrückt, bei dem ich mich bei einer Tempoeinheit verschrieben hatte. Es standen schlichtweg ein paar falsche Zahlen bei den Kilometerzeiten. Okay, man konnte es merken. Welcher Amateur trainiert schon im Zeitbereich des Deutschen Rekords? Aber: Läufer sind da anders. Die glauben fest an einen Plan. So war ich auch nicht verwundert, als Sabine mir am nächsten Tag sagte: „Du, ich habe es versucht. Aber das habe ich echt nicht geschafft.“ Hörte ich da so etwas wie Enttäuschung oder Selbstzweifel? Dann sah ich mir den Plan an und wäre vor Lachen fast umgefallen.

Soviel zum Thema Trainingsplan. Ich sage euch eins: Eine Marathonvorbereitung ist so, als ob man einen Film drehen würde. Der Trainingsplan ist das Drehbuch, der Marathonstart ist der fertige Film, das Training die Dreharbeiten und der Hauptdarsteller, das seid Ihr! Noch mal zum Verständnis: Ihr habt die Hauptrolle! Kann mir einer von euch sagen, welches Drehbuch in den letzten 10 Jahren einen Oscar erhalten hat? Nein? Komisch, Pläne sind doch so wichtig. Kann mir einer sagen, welcher Hauptdarsteller in den letzten 10 Jahren einen Oscar bekam? Da sind alle Finger oben. Wer hätte das gedacht.

Klar sind Pläne wichtig. Aber sie sind nicht alles. Jeder Läufer, der nur wenig oder gar nicht trainiert, wird sich mit einem Plan verbessern. Egal, wie gut oder schlecht der Plan ist. Ich warne nur davor, zu glauben, dass ein paar Angaben über Gewicht, Alter, Bestzeit und Puls ausreichen, um einen detailliert gestrickten Trainingsplan im Internet zu finden. Das ist Humbug. Es geht nichts über eine individuelle Betreuung im Verein oder Lauftreff. Wenn möglich, von einem Trainer, der sein Handwerk versteht. Das muss kein Guru sein, basiertes Grundwissen reicht da meistens völlig aus. Wir wollen ja schließlich keinen Weltrekord laufen.

Ihr sollt auch nicht an einen Plan, einen Trainer oder Guru glauben. Glaubt an euch selbst! Ohne diesen Glauben könnt ihr alles andere vergessen.

Ich kenne Läufer aus der regionalen Spitze, die trainieren eigentlich gar nicht, die laufen nur. Jeden Tag die Schuhe an, so weit, so oft, so schnell wie möglich. Wer dabei noch erfolgreich ist, dem kann kein Trainer der Welt weiterhelfen. Auch mein Lieblingsspruch: „Was könnte der laufen, wenn er richtig trainiert“ zieht da nicht.  Training heißt: Sich gezielt auf einen Wettkampf vorzubereiten. Ich erweitere das gern noch, um den Satz: …das zu üben, was im Wettkampf gefordert wird. So viel zu meiner Philosophie.

Dann gibt es noch zwei Möglichkeiten gezielt zu trainieren. Ich kann meine Stärken noch weiter herausarbeiten und verbessern, oder aber ich versuche meine Schwächen auszumerzen. Der Delligser Lauftreff hat sich für die Möglichkeit Nr.2 entschieden. Nicht, dass wir ein Haufen von laufenden Masochisten wären; wir haben einfach bessere Erfolge mit dieser Methode erzielt. Ich muss euch leider sagen, dass Methode zwei zum Teil aus einer Mixtur von  Leid, Qual und Pein bestehen kann. Die Methode Nr.1. ist da oft angenehmer. Nur, ohne Anstrengung läuft, im wahrsten Sinne des Wortes, ohnehin nichts.   

Okay, hätten wir das. In den folgenden 100 Tagen geht es zur Sache. Ihr werdet mich begleiten und ich gebe euch ein paar interessante Einblicke in mein und unser Läuferleben. Ich persönlich werde mich zwischen einem 3- und 4-Stundenplan entlang hangeln. Ich will in Hamburg eine Läuferin begleiten und muss da nicht hundertprozentig marathonfit sein. Mein eigenes Training wird sich in erster Linie auf die Belastungen ausrichten, die beim Deutschlandsprint zu erwarten sind. Und natürlich, niemals dürfte ich das vergessen, soll mich dieses Training in die Lage versetzen, mich meiner Haut zu erwehren. Es stehen Vorbereitungswettkämpfe an. Der Celler Wasalauf und der Paderborner Osterlauf werden uns am Start sehen. Es sind zwar „nur“ Vorbereitungsrennen, Muster ohne all zu großen Wert, doch es gibt noch etwas Wichtigeres als Zeiten und Platzierungen: Die Auseinandersetzung mit dem schlimmsten Feind des ambitionierten Läufers: Seinen eigenen Vereinskameraden! Wenn ich nur daran denke, Jürgens Atem im Nacken zu spüren, oder Thomas nachzuschauen, während er leichtfüßig an mir vorbeizieht…nein…ich werde trainieren, hart trainieren, damit das nicht passiert.

                                           Tagebuch100

Scharfe Konkurrenz und innige Freundschaft schließen sich nicht aus. Regensburg, 30 Grad im Schatten. Jürgen und ich auf der Ziellinie.

Genug geredet, fangen wir an. Diese kleine Einführung zeigt euch gleich, woran ihr euch in den nächsten 100 Tagen gewöhnen müsst. Wenn die Buchstaben erst mal in die Tastatur springen, gibt es oft kein Halten mehr. Denkt also nicht, dass es einfach für euch wird. Die Marathonvorbereitung ist ein gewaltiger Berg. Und der gelungene Lauf ist die Ankunft auf dem Gipfel. Bis dahin wird nicht immer alles glatt laufen. Oder, um es mit einem meiner Lieblingsschreiber, Phillipe Djian, zu sagen: „Ein Hindernis zu umgehen heißt, auf ein Neues zu stoßen“.

 

100                                                                                                   21. Januar 2008

 

Eine Frage an die Delligser Läufer: Was fällt Dir zu der Zahl 100 ein? Antwort, wie aus der Pistole geschossen: Biel!

Logisch, was auch sonst. Wer einmal bei Nacht durch die Schweiz getigert ist, der wird dieses Erlebnis nicht vergessen. In diesem Jahr ist Jubiläum bei den Eidgenossen. Die „Nacht der Nächte“ findet zum 50. Mal statt. Da werden wir natürlich mit einer großen Gruppe vertreten sein. Schließlich gehört Biel zu unserer Lauftreff-Geschichte.

Biel ist gleichzeitig ein schönes Beispiel für unser Trainingstagebuch. Das Stichwort heißt: Konzentration. Sicher freuen wir uns auf den Lauf in Biel, aber immer schön eins nach dem anderen. Zunächst steht für einige Läufer der Hamburg Marathon an. Das ist das Ziel! Wenn wir damit fertig sind, können wir uns gedanklich mit Biel beschäftigen. Vom ersten Tag der Marathonvorbereitung, das wird bei uns der 25.Januar 2008 sein, bis zum Start in Hamburg arbeiten wir an dem Gesamtkunstwerk „Hamburg Marathon“. Jeder einzelne Trainingstag ist ein Puzzlestein für dieses Kunstwerk. Die Vorbereitungsrennen sind dabei zwar große Steine, aber sie zählen nicht mehr als jeder andere Tag. Wenn ich manchmal Mäuschen im Startbereich eines Rennens spiele, dann höre ich so Sätze wie: „Dieses Jahr steht erst Mal Hamburg an, dann laufe ich in Kassel und Berlin und dann Köln, vielleicht auch noch Frankfurt. Ich bin jetzt ja schon ganz scharf auf den Berlin Start…und…und…und“. Okay, jeder so wie er mag, aber meine Meinung dazu ist klar: Vergiss es! Wenn Du in Hamburg durchs Ziel gelaufen bist, dann kannst du den Focus der inneren Kamera neu einstellen und das nächste Ziel anvisieren. Vorher nicht. Wer ambitioniert Marathon laufen will, der muss sich auch darauf konzentrieren. Wie hat mein alter Laufkumpel Andreas Hünerberg mal so schön gesagt: „Für eine Marathonbestzeit bekommst Du im Jahr zwei Chancen. Das ist zu wenig, als das man damit sorglos umgehen sollte. Eine Bestzeit auf 10 Kilometer kannst Du jede Woche versuchen“. Genau so sehe ich das auch.

 

                          Tagebuch100

                           Start in Biel. Von links: Mario, Thomas, Jürgen und Karsten.

Soviel für heute zum Thema Laufphilosophie. Ihr habt ja schon gelesen, dass die eigentliche Vorbereitung erst nächstes Wochenende beginnt. Natürlich wird vorher auch schon gelaufen. Heute habe ich den Tag genutzt, um meinen Freund Mario 30 Kilometer zu begleiten. Mario absolvierte seinen letzten, 50 Kilometer langen,  Vorbereitungslauf für den „Brocken-Challenge“. Ein kleiner, netter Wettbewerb, der in Göttingen startet und auf der Spitze des Brockens endet. 83 Kilometer Länge mit nur einer einzigen Steigung. Die geht allerdings von Göttingen bis zum Brocken. Ich bin mir sicher, die haben den Lauf für Mario erfunden. Er hat mich gefragt, ob ich da mitlaufen würde. Ich habe dankend abgelehnt. Ich werde nie kapieren, wie Mario sich durch diese Extremläufe kämpft. Wenn er dabei Spaß empfindet, wie muss er sich da erst bei Sachen fühlen, die mir Spaß machen? Darüber denke ich lieber gar nicht nach.

Wir sind bei leichtem Nieselregen und ein paar fiesen Orkanböen durch den Hils getapst. Immer irgendwo zwischen einer 5:30 und einer 5 Minutenzeit auf den Kilometer. Das war sehr locker und wir konnten 2:36 Stunden lang über alles Mögliche quatschen. Als ich mit Laufen anfing, habe ich diese langen Dinger gehasst, das hat sich jedoch grundlegend geändert. Es geht nichts über einen langen, langsamen Lauf. Wer nicht selbst Langstrecke läuft, wird das nicht verstehen, aber diese langen Läufe werden irgendwann in deiner Laufkarriere zu echten Entspannungseinheiten. Mit den Tempoläufen und Intervalleinheiten verhält es sich dabei genau anders herum. Uns hat es jedenfalls Spaß gemacht und wenn es hinterher noch Cappuccino und Kuchen gibt, dann ist der Tag mein Freund.

Eigentlich könnte ich noch ein paar Sätze aufs Papier bringen, aber vorhin hat Jürgen schon angerufen: „Ich bin die ganze Zeit auf der Seite. Wieso steht da noch nichts!?! Heute ist doch der 21., oder?“ Ja, ja, ja. Schon gut. Ich beeile mich…

 

Thomas Knackstedt

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