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ThomasKnackstedt

Deutschlandsprint Countdown Tagebuch

Von ThomasKnackstedt am 26.03.2008

Noch 35 Tage. 26. März 2008

www.deutschlandsprint.de

Kilometer 35, das ist der Ort, wo der Mann mit dem Hammer wohnt. Jeder Marathonläufer weiß, wovon ich rede. Einmal zu erleben, dass es einem den Saft aus den Knochen zieht. Das man sich in den Rinnstein legen und sterben möchte. Das man glaubt, der Körper zerfalle in seine Einzelteile und man werde ihn nie wieder zusammensetzen können. Das prägt fürs Leben. Meine persönliche Meinung ist: Aus einem Lauf, der so richtig in die Hose geht, lernt man mehr, als aus einem perfekten Rennen. Was allerdings nicht heißen soll, dass es sich lohnt, jedes Marathonrennen in den Sand zu setzen.

Neun von zehn Marathonis begehen nie wieder den Fehler zu schnell anzugehen, wenn es sie einmal erwischt hat. Den restlichen zehn Prozent kann ohnehin niemand mehr helfen, die können wir getrost unberücksichtigt lassen. Ich weiß noch als mein alter Marathonspezi Hüni mir sagte: „42 Kilometer sind so lang, da kannst du ruhig erst mal langsam los laufen. Wenn du willst, kannst du hinten raus immer noch Gas geben.“ Ich werde euch sagen, was ich damals dachte. „Ja, ja. Schlau reden, eine Tür weiter.“ So oder so ähnlich jedenfalls. Als ich dann bei meinem zweiten Marathon, bei Kilometer 39, heulend auf dem Bordstein saß und nicht mal mehr mit den Ohren wackeln konnte, wusste ich, dass man ab und zu auf einen guten Rat hören sollte. Ich schlich anschließend durch den Park von „Planten und Blomen“ und fragte mich, wie dämlich man eigentlich sein kann.

Scheitern und Triumphieren sind zwei feste Bestandteile des Marathons. Das macht diese Distanz von 42195 Metern so unglaublich interessant. Wie viele Schicksale und Dramen, die jedem biblischen Heldenepos gerecht wurden, durfte ich da schon erleben.

Ein zweites Mal erwischte es mich in Berlin. Schneller Start und kompletter Abschuss bei Kilometer 38. Ich schlurfte im Fußgängertempo Richtung Ziel, als Jürgen mir auf die Schulter klopfte. „Was machst du denn hier?“ war seine berechtigte Frage. Dann zog er wie Speedy Gonzales(jedoch ohne „Arriba“ zu rufen) an mir vorbei und ließ mich stehen. Aber in Berlin kam ich wenigstens an…

Ich denke an „Kohle“ in Köln. Dem Zusammenbruch nahe wankte er ins Ziel und musste sich an einer Mauer abstützen, um nicht umzufallen. Er stand dort wie ein Schwerverbrecher, der gerade von der Polizei durchsucht wurde. Allerdings hätte „Kohle“ in diesem Moment nicht mal einer Hundertjährigen die Handtasche wegnehmen können, so fertig war er.

                                           TTB35

Manchmal ist man einfach nur fertig. Mario lässt sich im Ziel des Schwäbisch Alb Marathons von Kathrin, Franziska und Anja "aufmuntern".

Oder Jörn, der von Kilometer 35 bis ins Ziel wie durch ein schwarzes Loch lief. Drei Meter hinter der Zielmatte legte er sich der Länge nach auf die Straße und musste von Helfern in Richtung Sani-Zelt gebracht werden. Ich weiß noch, wie er mir später sagte: „Ich habe keine Ahnung, was die letzten Kilometer passiert ist und wie ich hier angekommen bin.“

Tewes hat es ebenfalls schon erwischt. In Hannover verdrückte er sich völlig frustriert und körperlich am Ende in die Büsche der Herrenhäuser Gärten. „Ich weiß nicht, Thomas,  da ging einfach gar nichts mehr. Ich konnte nicht mehr laufen.“

Meine persönliche Nr.1 bei Schwierigkeiten auf der Marathonstrecke ist allerdings Karstens Zieleinlauf in Hamburg. Obwohl diese Erinnerung nichts mit Aussteigen zu tun hat. Karsten schaffte seinerzeit das Unmögliche. Er holte sich den Kreisrekord in einer Zeit von 2:35 Stunden. Die alte Rekordzeit hatte fast 20 Jahre Bestand und Karsten merkte bei Kilometer 40, dass er sie unterbieten konnte. Er lief die letzten beiden Kilometer mit 110 Prozent und torkelte in neuer Bestzeit ins Ziel. Noch auf der Zielmatte blieb er stehen, beugte sich nach vorn und übergab sich direkt im Zieleinlauf. Was er allerdings nicht wusste: Zehn Meter neben ihm stand Sonja Oberem, die den Marathon gewonnen hatte und gerade interviewt wurde. Der Standort der Interviewkamera war derart geschickt ausgewählt worden, dass wir Karstens Missgeschick, direkt neben Oberems Schulter, am Abend mehrfach im Fernsehen bewundern durften. Für mich noch heute ein unvergessliches Erlebnis. Manchmal muss man einfach leiden für den Erfolg.    

So, genug geschrieben. Heute Nachmittag werde ich mit Mario die weißen Flecken auf der Deutschlandsprintstrecke bearbeiten. Dann geht es zum Training und hinterher machen wir noch einen Ausflug. Darüber Morgen mehr.

 

Thomas Knackstedt

 

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