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ThomasKnackstedt

2100 Meter

Von ThomasKnackstedt am 18.12.2011

Es ist kurz vor Weihnachten. Zeit für Besinnung und ein paar Gedanken...warum nicht auch zum Laufen?

Neben all den Wettkämpfen, Vorbereitungen, Zielen, Plänen und Wünschen ist es aber vor allem(jedenfalls meiner Meinung nach) die Freude am "alltäglichen" Laufen, die diesen Sport so liebenswert macht.

Ich wünsche allen Läufern ein Frohes Weihnachtsfest und ein verletzungsfreies Jahr 2012.

Da ich auf dieser Seite hauptsächlich nur lese, will ich zum Abschluss des Jahres dann doch noch eine Laufgeschichte beisteuern(sozusagen als Gegenleistung).

 

 

2100 Meter

 

Es hat aufgehört zu regnen. Die ersten Meter in der Hasenheide waren noch feucht, jetzt löst ein frischer Wind die Tropfen ab. Eigentlich genau mein Wetter. Wenn es warm ist und die Sonne scheint, dann bist Du niemals allein. Aber jetzt…

Nur eine Handvoll Dealer hocken auf den Bänken im Park, es sind kaum Läufer und Spaziergänger unterwegs.

 

Langsam gewöhne ich mich an den Rhythmus meiner Füße auf dem Boden. Die Schotterwege der Hasenheide liegen schnell hinter mir. Dann folgen die Betonplatten auf dem Columbiadamm. Aus den Augenwinkeln heraus nehme ich die schlanken Türme der Moschee wahr, dann habe ich mein Ziel direkt vor Augen. Wie oft bin ich im letzten Jahr an diesem verschlossenen Tor vorbeigelaufen? Nur meine Blicke durften über das Tempelhofgelände schweifen, meinen Füßen war jeder Schritt darauf verwehrt.

Immer wenn ich das Flughafengelände umrundete, faszinierte mich dieser Anblick. Die großen Start- und Landebahnen mitten in der Weltstadt. Abgesperrt, wie ausgestorben, ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Man kann mit Schlössern und Schildern tatsächlich die Zeit aussperren. Allerdings nicht für immer…

 

Meine Schritte bringen mich hinter das Abfertigungsgebäude. Ich habe diesen Bau schon Hundertmal bewundert; allerdings von der anderen Seite aus. Jetzt sehe ich die großen Buchstaben, die von der US-Army zurückgelassen wurden, weit hinter der freien Fläche der Rollbahnen. In etlichen Filmen durfte ich diesen Anblick schon bewundern, aber das hier ist live, einfach nicht zu überbieten. Ich präge mir jedes Detail ein, nehme alles was ich sehe als Geschenk wahr. Das überwältigt mich. Langsam trabe ich an den Anlagen vorbei. Ich bin allein. Ein paar Regentropfen und Wolken reichen fast immer aus, um dich allein durch die Welt laufen zu lassen.

Ich folge dem markierten Weg, bin jetzt endlich da, wo bisher nur mein Blick ruhen durfte. Am Ende der Bahn steht ein riesiges Bollwerk aus rotweiß-lackierten Baken und Scheinwerfern. Gigantisch! Ich bleibe stehen, drehe mich langsam in Richtung Neukölln und erstarre bei dem Anblick.

Vor mir liegt eine 2100 Meter lange und 45 Meter breite Startbahn. Ein gigantisches Band aus Asphalt. Ich kneife die Augen ein wenig zusammen, versuche meinen Blick zu schärfen und…tatsächlich…die Bahn ist völlig leer. Kein einziger Mensch bewegt sich dort.

 

Ich fange zu laufen an. Zunächst langsam, aber dann werde ich schneller. Ich laufe mitten auf der Bahn. Mein Blick wandert hin und her. Er saugt sich an den großen, weißen Markierungen fest, streift einen Schwarm Krähen, die im Gras sitzen und findet sich dann auf der Landebahn wieder. Nein…da ist immer noch kein Mensch. Ich hebe die Füße, fühle mich, wie Zatopek es mal beschrieb: Laufen ist die einfachste Art zu fliegen. Wenn kein Fuß die Erde berührt, dann fliegst Du.

Ich bin vermutlich zu langsam, um abzuheben; jedenfalls was meinen Körper angeht. Mein Kopf ist schon lange nicht mehr auf dem Boden. Der ist berauscht, angetörnt, abgeschossen, irgendwo zwischen Wolke Sieben und dem Nirgendwo. Ich versuche den Asphalt unter meinen Sohlen zu erspüren. Wer ist auf diesen Quadratmetern Landebahn schon alles angekommen? Die Maschinen der Luftbrücke, Präsident Kennedy, jeder große Politiker und Wirtschaftsboss der Geschichte. Meine längst verstorbenen Helden aus den Fünfziger bis Achtziger Jahren, wenn sie denn in Berlin waren, sind hier gelandet. Ich spüre diesen Hauch der Geschichte, bilde mir das jedenfalls ein. Sartre, Hemingway, Elvis, Dylan, Strittmatter, Brecht, eine endlose Liste von Menschen, die mich beeinflusst haben, taucht vor meinem geistigen Auge auf. Ich habe keine Ahnung, ob die alle hier waren, aber die Chancen stehen nicht schlecht.

 

Schon bin ich am Ende der Bahn angekommen. Verdammt, wie schnell ging das! Ich war völlig in Gedanken versunken. Irgendwann werde ich in einem dieser Momente durchdrehen, da bin ich mir sicher.

Ich schwenke ein und laufe am Zaun entlang. Eine Minute später habe ich die zweite Bahn vor mir. Auch hier haut mich der Anblick, als ich an der Basis stehe, fast von den Socken. Er ist schlichtweg überwältigend. Ich laufe die Bahn hinauf. Voll in den Wind hinein. Jetzt bin ich nicht allein, ein Läufer und zwei Radfahrer sind in meiner Nähe. Noch immer ist das ein Wahnsinnsgefühl auf diesen riesigen Asphaltband zu laufen. Der Wind schüttelt mich durch und ich fahre tatsächlich die Arme zur Seite aus. Abheben wäre jetzt nicht schlecht. Aber das klappt nicht.

Zum Abschluss gönne ich mir noch einmal die erste Bahn. Da die Kilometer ausgemessen und markiert sind, nehme ich die Beine in die Hand. Mit Rückenwind brumme ich eine 3:35 Minuten auf die Landebahn. Nicht schlecht für einen „alten Sack“. Aber das ging auch schon mal schneller. Doch heute kommt es darauf nicht an. Ich trabe langsam vom Tempelhofgelände herunter. Der Regen hat nachgelassen. Die Hasenheide trocknet ab und die Zahl der Läufer und Spaziergänger nimmt zu.

 

Wieder zu Hause stelle ich mich unter die Dusche. Aber auch die warmen Wasserstrahlen können diese Eindrücke nicht aus meinem Kopf spülen. Da muss man fast fünfzig Jahre alt werden und ist schon die großen Rennen in Biel, Berlin, Hamburg, München und Köln gelaufen. Ist bei 24 Stunden Wettkämpfen um sein Leben gerannt, hat mit einer Staffel ganz Deutschland durchquert und bei so manchem Ultralauf Blut und Wasser geschwitzt. Und jetzt das: Ein kleiner Trainingslauf, nicht mal in der Vorbereitung, ohne große Motivation. Aber mitten in die Geschichte und ins eigene Herz hinein. Manchmal sind die großen Dinge ganz nah, nur man übersieht sie. Dann liegt der Mittelpunkt der Welt direkt vor deinen Füßen. Du musst nur hinschauen. Ich nehme mir vor, das in Zukunft öfter zu tun. Mein nächster Berlinbesuch wird mich wieder in Tempelhof sehen. Wer weiß, vielleicht hebe ich dann ab…

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copyright thomas knackstedt

 

Kommentare

Danke für die freundlichen Kommentare und die guten Wünsche.

@ Thea: Ich fühle mich geehrt...

@ EFah: Schau mal in deine Nachrichten...

 

Thomas

über den wolken....la la la....... sehr schön geschrieben, danke Traumboot

Hallo Herr Hemingway ;-)

Danke für entspannenden Leseminuten in der Mittagspause.

Gruß

Thea

beeindruckende Worte. stimmt man sollte die Alltagsläufe nicht unterschätzen- da gibt es so viele Begebenheiten die nicht aufgeschrieben werden.

Du hast einen mitreissenden Schreibstil- durfte ja schon mal was von dir lesen....DANKE.

ich wünsche dir und deinen Liebsten ein ruhiges, entspanntes Weihnachtsfest.

liebes Grüssle aus dem wilden Süden

traudl

WOW, WOW, WOW,

was für ein toller Bericht. Du solltest Schriftsteller werden, Du hast ein unglaubliches Talent mit Worten umzugehen. Ich bin sehr beeindruckt !!!

Es ist schon lange her, dass wir uns getroffen haben. Es wäre sehr schön, wenn wir uns in 2012 wieder über den Weg laufen würden. Du inspirierst mich immer wieder. Dafür danke ich Dir.

 

Herzliche Grüße,

 

Efah

 

Hallo Thomas.

Ein wirklich toller Bericht. Sehr gefühlvoll.

Und Du hast Recht: es sind wirklich die kleinen Dinge die man sehen sollte um das ganze Grosse nicht zu übersehen.

Wünsche Dir auch ein tolles Weihnachtsfest und noch viele solche Momente wie Du sie oben beschrieben hast.

schönen Gruss aus dem Mittelmeer ... Jürgen

...vielen Dank für das sehr beeindruckende Wort.

Danke für die Bilder

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