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ThomasKnackstedt

Best(e)zeit

Von ThomasKnackstedt am 31.12.2011

 

Klar, was einem Läufer da in den Sinn kommt. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als ich mit dem Laufen begann. Raus aus dem Haus, die Stoppuhr gestartet, gelaufen bis mir das Herz fast aus der Brust sprang, die Stoppuhr angehalten, die Zeit überprüft, mich gefreut oder geärgert. So ungefähr sah das aus. Das Laufen war für mich immer eine Jagd nach der Bestzeit.

 

Das ist ziemlich lange her. Ich kann die Bestzeiten heute noch immer jagen; allerdings steht schon von vornherein fest, dass die Jagd ohne Beute enden wird. Nicht etwa, weil ich zu wenig trainiere, schlecht vorbereitet bin oder das taktieren verlernt habe. Es ist der Zahn der Zeit, der an mir nagt. Es gibt nichts, was ich dagegen tun könnte. Da hätten wir sie also wieder: Die Zeit. Wenn man mich fragt, dann ist Zeit Veränderung. Wo sich nichts verändert gibt es keine Zeit. Das erscheint mir zurecht ein ziemlich langweiliger Zustand. Veränderung ist das Leben, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

 

Heute Morgen sitze ich in Berlin am Kaffeetisch. Ich habe Zeit. Das kommt äußerst selten vor. Als Kind habe ich mich immer gelangweilt, wenn ich nicht wußte, was ich mit meiner Zeit anfangen sollte. Heute genieße ich diese Momente. Nach der dritten Tasse Kaffee und fast anderthalb Stunden, die aus essen und reden bestanden, bespaße ich unser Enkelkind noch ein wenig. Wenn mir die Kleine ein Lachen schenkt, dann ist auch das ein Zeichen, wie die Zeit vergeht; ein wunderschönes. Anschließend stecke ich meine Nase noch in Haruki Murakamis Buch „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“. Murakami ist einer meiner Lieblingsautoren, ein wesentlich besserer Literat als Läufer. Aber wenn ein Philosoph übers Laufen schreibt, dann bleibt bei mir immer etwas hängen.

 

Eine Stunde später bin ich mit Kathrin unterwegs. Wir laufen quer durch Kreuzberg und drehen anschließend noch eine große Runde auf dem Tempelhofgelände. Die Sonne kommt raus und besprenkelt den stahlgrauen Dezemberhimmel doch tatsächlich mit ein paar bunten Flecken. Es ist nicht zu kalt, nicht zu warm, nicht zu windig. Ideales Laufwetter. Wir sind nicht besonders schnell, aber das macht gar nichts. Wir laufen keine Bestzeit, verlängern dadurch aber ein bisschen die beste Zeit des Tages. Nach zwanzig Kilometern ist der letzte Lauf des Jahres vorbei. Ich hätte die Strecke auch 20 Minuten schneller unter meinen Füßen abspulen können. Aber wenn ich richtig überlege, wäre ich dann a) allein unterwegs gewesen, b) hätte nicht die Hälfte der Dinge mitbekommen, die ich gesehen habe, und c) hätte ich mir selbst 20 Minuten entspanntes Laufen gestohlen. Insofern war die „Nicht-Bestzeit“ jede Sekunde wert gewesen.

 

Die Zeit ist ja bekanntlich knapp, obwohl Heinrich Böll einmal gesagt hat, dass Gott reichlich davon gemacht hat, man bräuchte damit also nicht zu geizen. Vermutlich liegt die Wahrheit wieder einmal irgendwo dazwischen. Ich werde im nächsten Jahr einmal schauen, wo die Sekunden und Minuten versteckt sind, die man noch finden kann. Früher habe ich sie gesucht, um sie verschwinden zu lassen. Jede Sekunde weniger war ein Sieg auf der Uhr. Heute suche ich sie, um sie zu genießen. Ich glaube, es gibt tatsächlich genug davon, man muss nur suchen...

Kommentare

Lieber Thomas,

danke für Deine zu Papier gebrachten Gedanken. Ich sage immer:

Alles hat seine Zeit.

- Die Bestzeiten haben uns stark gemacht, erfahren und selbstbewusst. Lange konnte ich von dieser Kraft zehren und neue Ziele formulieren. Einfach herrlich !!!

- Das Genusslaufen: Die Seele baumeln lassen, Natur beobachten, Lösungen finden, sich raus nehmen, sich nicht so wichtig nehmen. Einfach herrlich !!!

- Auspowern / Tempotraining: den Körper erleben, jeden Muskel spüren, sein eigenes Versprechen einhalten, glückseelige Erschöpfung zu spüren. Einfach herrlich !!!

 

Man muss den Augenblick genießen, dann hat man am Meisten von seiner Zeit.

 

Ich wünsche Dir viele, viele wertvollen Augenblicke in 2012

 

EFah

Danke für die freundlichen Kommentare und die guten Wünsche.

 

Thomas

 

 

Nicht nur Murakami ist ein Philosoph - wie man hier sieht.

Thomas, Du schreibst hier ja nicht mehr sehr oft, aber wenn Du schreibst, dann lohnt es sich auch, sich die Zeit zu nehmen es zu lesen und dann logged man sich auch gerne einmal wieder ein, um einen (langen) Satz zu hinterlassen.

Alles Gute für das neue Jahr.

Viele Grüße

Dirk

@Thomas........ein toller Bericht von Dir der auch bei mir die Sache auf den Punkt bringt, allerdings in einer völlig anderen Sportart.Mehr als 15 Jahre habe ich Leistungssort im Bereich Sportschiessen gemacht, d.h 5-7 Tage die Woche auf dem Schießstand jeweils locker 3 Stunden verbracht. Nichts war für mich wichtiger als die stetige Verbesserung meiner Leistung sprich die Balance zwischen Körper und Geidt zu bekommen. Ich kann wirklich sagen in dieser Zeit ausnahmslos für meinen Sport gelebt zu haben.

Das Laufen gibt mir nach dieser Zeit die Möglichkeit weiterhin ambitioniert zu sein , auch wenn ( nicht in diesem Forum ) aber woanders einige über meine sportlichen Leistung lächeln.

Das unvergleich schöne am Laufsport für mich ist , das ich nach meiner Sportlichen Laufbahn als ( doch sehr erfolgreicher ) Sportschütze eine Sportart für mich gefunden hab, die mich nicht gegen einen Gegner oder Zeit kämpfen läßt , sondern nur gegen mich selber.

Die Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen und damit meine ich nicht die Zeit ( mich reizt die Distanz ) ist das beste was mir passieren konnte.

Immer wenn ich etwas schaffen konnte was ich nicht für möglich hielt, konnte ich mental daran reifen, allerdings waren die schlechten Momente für meine Weiterentwicklung das Zünglein an der Waage.

Wenn ich laufe , alleine , meist in den frühen Morgenstunden komme ich zu mir und mache mir tausend Gedanken wie ich Alltagsprobleme lösen kann oder denke über neue Aktivitäten nach.

Laufen bietet mir die Möglichkeit  meine Gedanken zu ordnen

 

frohes neues Jahr

 

Klasse Worte die mich echt nachdenklich gemacht haben. Aber ... Du hast Recht.

Wenn man "um die Wette läuft" dann kann man laufen bis einem die Zunge bis auf den Boden hängt. Doch der wahre Laufgenuss ist ganz sicher etwas anderes.

Mann kann nicht die Dinge in sich aufnehemen die anseits der Laufstrecke liegen und das ist schon schade, denn da gibt es soooo viele Dinge die wirklich sehenswert sind - und es kommen ständig neue hinzu oder verändern sich.

Also .... Augen auf beim Laufen !

Wünsche Dir ein tolles neues Jahr 2012 mit vielen Erfolgen und noch mehr Genussläufen.

...sonnige Grüsse ... Jürgen

danke- ähnliche Gedanken habe ich mir schon oft bei meinen Läufen gemacht. Kann ein Läufer der nur seinen Laufzeiten auf der Uhr nachrennt wirklich alles sehen. Die Natur, den Sonnenaufgang, den noch dampfenden See in dem sich die Sonne spiegelt, die Blüten am Apfelbaum anfang November (dieses Jahr) usw....

ich wünsche dir alles alles Gute - bleib Gesund und lass ab und zu von dir lesen :)

liebes Grüssle

traudl

Danke für die wirklich wunderbaren Worte, die passend zum Jahreswechsel zum nachdenken anregen! Alles Gute!!!

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