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ThomasKnackstedt

Großstadttrail

Von ThomasKnackstedt am 19.02.2012

Manchmal brauche ich den Trail. Es gibt Tage, da muss ich einfach durch den Dreck. Dann suche ich mir entweder ein Ziel aus, das ich schon Tausendmal angesteuert habe und versuche es per Luftlinie laufend zu erreichen, oder ich stürze mich in unbekannte Läuferwelten. Beides hat seinen Reiz. In unserer ländlichen Gegend kann da das große Abenteuer schon hinter dem nächsten Misthaufen lauern…

 

Doch heute bin ich in Berlin. Es ist bitterkalt, -11 Grad. Aber es ist genau so ein Tag; ein Trailtag! Nur, wie soll das gehen, mitten in der urbanen Metropole Deutschlands? Gestern bin ich bei schneidendem Wind über das Tempelhofgelände gerannt. Ich hatte zwar kein Tempotraining auf dem Zettel, aber der Wind schälte mir fast die Haut vom Gesicht. Da lief ich sprichwörtlich auf Hochtouren, um wieder in die warme Bude zu kommen.

 

Heute ist noch immer Sibirienwetter angesagt. Eigentlich genau mein Ding, aber seit ich so viel auf dem Rad sitze, habe ich ein gestörtes Verhältnis zum Wind. Mein Freund Tommy hat immer gesagt: „Wenn der Wind direkt von vorn kommt, dann denke daran, dass er dich nur streicheln will. Der kühlt dich ab, wischt dir den Schweiß von der Stirn, der meint es gut mit dir.“ Na ja…ich bin meditationstechnisch vermutlich noch nicht so weit.

 

Doch ich schweife ab. Trail! Mitten in der City! Wäre doch gelacht, wenn ich das nicht hinbekommen würde. Zwanzig Kilometer sollen es sein. Ich schmeiße Tobis Rechner an und werfe einen Blick auf das Satellitenbild der Stadt. Vom Kottbusser Damm bis zum Tiergarten sind es fünf Kilometer Luftlinie. Ich war mal mit Dirge da. Aber wie wir da hingekommen sind? Ich habe keine Ahnung.

 

Beim Trail ist es nicht wichtig, sich auszukennen, da muss man sich einfach mal ins Netz der Wege oder ins nächste Gebüsch fallen lassen. Ich merke mir die Himmelsrichtung und zwei Straßennamen, bei denen ich auf jeden Fall abbiegen muss. Dann werfe ich mich in die Klamotten und starte den Versuch Berlin via Luftlinie zu durchschneiden. Irgendwie ein aberwitziger Plan…

 

Die eiskalte Luft nimmt mich in ihre frostigen Arme. Erst nach einem Kilometer spüre ich, dass ich langsam warm werde. Der Landwehrkanal ist heute mein Kompass. Ich laufe am Ufer entlang und es dauert nicht lange, bis sich das mir vertraute Terrain aus meinem Blickfeld verabschiedet.  Der kleine Weg am Kanal ist zu Ende und ich muss über eine Brücke auf die andere Seite. Das große Abenteuer kann beginnen…

 

Vor mir sehe ich eine Baustelle, Straßenschilder, jede Menge Verkehr und einen breiten Gehweg, der von Menschen bevölkert ist. Der scheidet als Laufweg sofort aus. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin. Ich stoppe kurz und blicke mich um. Zwischen den Baustellenabsperrungen und einer Buschreihe sehe ich den Zugang zu einer Art Tunnel unter dem Eisengerüst der Möckernbrücke, wie mir ein großes Schild an der Brücke verrät. Ich zwänge mich an einem Bauzaun vorbei und bin urplötzlich in einer anderen Welt. Unter den Stahlpfeilern der Brücke zieht sich ein alter Gehweg entlang, der komplett abgesperrt ist. Genau das, was ich suche. Außer einem Fluggeschwader von Tauben ist hier niemand und ich laufe wie in Trance. Nach fünfhundert Metern ist der Spaß vorbei. Ich behalte den Kanal im Auge und laufe auf maroden Gehwegen, die scheinbar seit Jahrzehnten nicht benutzt wurden. Neben mir ist das Band der Straße mit einer Blechkolonne gefüllt, vor meinen Füßen wechseln sich uralte Pflastersteine, Müll, Schotter und blanke Erde als Laufuntergrund ab. Ich muss drei Mal über vierspurige Straßen, ohne das da eine Ampel wäre. Aber na ja…wir sind schließlich beim Trail. Niemand sagte, dass es ungefährlich wäre…

 

Nach zwanzig Minuten suche ich nach dem Straßennamen, den ich mir gemerkt habe. Am Verteidigungsministerium muss ich rechts ab. Was für ein kolossaler Bau! Fünfhundert Meter weiter stehe ich tatsächlich am Tiergarten. Ich werfe einen Blick auf eine Übersichtstafel und entscheide mich für die Sternallee. Ich laufe durch den Park und versuche alle Eindrücke in mich aufzunehmen. Als ich zur Siegessäule gelange, muss ich daran denken, wie ich bei meinem ersten Berlinmarathon hier gelaufen bin. Ich orientiere mich kurz und merke mir die linke Flügelspitze der Figur. Da muss ich nachher wieder in den Park hinein. Ich laufe weiter Richtung Spree, nehme alle kleinen Wege, die ich sehe, unter die Sohlen meiner Laufschuhe und überlasse mich ansonsten komplett dem Zufall.

Irgendwann komme ich Richtung Brandenburger Tor. Ich laufe am Holocaust Mahnmal vorbei und stelle fest, dass der Weg neben der Ebertstraße auf geradezu perfekte Art und Weise mit großen Bäumen bewachsen ist. Eine Einladung zum Koordinationstraining! Ich flitze im Zickzack um die Bäume und baue noch ein paar Ehrenrunden, vorwärts wie rückwärts, um die Baumstämme herum ein. Ich weiß, dass mich alle Passanten für komplett verstrahlt halten, doch was soll’s, hier kennt mich eh niemand.

 

Quer Beet hechele ich wieder durch den Park zur Siegessäule. Gut, dass ich mir die Flügelspitze gemerkt habe. Ich treffe den richtigen Weg, schweife hier und da über Trampelpfade ab, umkreise Statuen und Denkmäler, und verlaufe mich. Gott sei Dank haben die Städter für Landeier wie mich Hinweistafeln mit Ortsangaben aufgestellt. So kostet mich der Umweg nur zehn Minuten und ich sehe das Verteidigungsministerium wieder vor mir. Über die verlassenen Wege und unter der Möckernbrücke entlang kämpfe ich mich gegen den eisigen Wind zurück in Richtung Kreuzberg. Verdammt ist das kalt.

 

Als ich wieder am Kanal bin, nehme ich einen Läufer ins Visier, der auf der anderen Seite, etwa fünfzig Meter vor mir läuft. Zeit für einen kleinen Schattenwettkampf. Ich gebe Gas, hole ihn ein und ziehe vorbei. Gut, dass der junge Typ das nicht bemerkt, sonst würde er mir vielleicht noch seine Hacken zeigen.

Während meine Oberschenkel sich langsam in Eis verwandeln, suche ich mir noch zwei „Gegner“ aus, die nicht mitbekommen, dass sie Bestandteil meines „Traillaufs“ sind. Natürlich haben sie keine Chance, wie auch… Ich ziehe unwiderstehlich, durch den Kanal getrennt, an ihnen vorbei, ohne dass sie mich auch nur bemerken würden. Dabei genehmige ich mir noch eine Handvoll „Baumschleifen“ und kleiner Trampelpfade durch die Büsche neben dem Kanal.  

 

Wieder am Kottbusser Damm friemele ich den Schlüssel in die Tür und laufe locker über den Vorplatz des Hauses. Die Treppenstufen hinauf merke ich, wie kalt und steif meine Muskulatur ist. Sechzig Stufen trennen mich noch von der Dusche, dem Sofa, einem warmen Cappuccino, und den ersten Erinnerungen an den „Großstadttrail“.  

 

Eine Stunde später, nachdem ich mich auf dem Sofa lang gemacht habe, denke ich noch: Müsste man mal aufschreiben… Aber da bin ich auch schon eingeschlafen.

Kommentare

Hallo Thomas,

 

leider urlaubsbedingt verspäteter Kommentar:

Genialer Bericht !!! Einfach nur genial !!!

 

Ich danke Dir für Deine Mühe und für die Einstellung auf MSP.

 

Liebe Grüße,

 

EFah

Gerne Thomas,

ich hoffe zu dem Zeitpunkt auch wieder in einer Verfassung zu sein, in der ich mit Dir mithalten kann (wenn Du auf Sparflamme läufst - selbstredend) ;-).

Hi Dirge, 


natürlich werde ich demnächst wieder auf Dich zukommen. Es gibt da so ein paar Ecken in Berlin, die muss ich unbedingt noch mal unter die Sohlen nehmen. Da ich momentan aber nicht nur mit Laufschuhen, sondern auch noch als Opa mit dem Kinderwagen in Berlin unterwegs bin, ist die Zeit ein wenig knapp. Ich denke, im Sommer oder Herbst ist mal ne ganze Woche drin, dann hörst Du von mir.

 

Viele Grüße in die Metropole.

 

Thomas

 

 

 

Mein erster Gedanke bei der Frage wie Du vom Kotti zum Tiergarten kommst war: Warum fragt er mich nicht - den Local Guide? Zugegeben praktisch nicht leicht umzusetzen, zumal wenn man sofort eine Antwort braucht.

 

Am Ende Deines Blogs dachte ich dann aber: Wo wäre der Spaß geblieben, wenn Du den Weg gekannt hättest?

 

Wie immer schön geschrieben von Dir und irgendwie auch eine interessante Definition für Trailrunning.

Laufen ist Abenteuer, weckt Eindrücke, bringt Dich vor allem auf positive Gedanken. Laufen ist mein Naturbrunnen und wenn ich mir den Beitrag so durchlese.......sollte ich mal darüber nachdenken mir ............ein Paar Trailrunningschuhe zu kaufen.

Schöner Beitrag...Laufen ist Dein Leben, man kann es zwischen den Zeilen lesen.

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