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ThomasKnackstedt

Alles eine Frage des Timings...

Von ThomasKnackstedt am 07.03.2012

...aber wie bereitet man sich auf eine Bezirksmeisterschaft im Crosslauf vor, wenn man arbeitet, zu Hause eine Baustelle betreibt, und gerade einmal auf bescheidene 70 Wochenkilometer kommt? Vor 10 Jahren, ja… da wäre das kein Problem gewesen. Heute sieht das jedoch anders aus. Da muss selbst so ein Ministart über ein paar Tausend Geländemeter in der Altersklasse "Vorruhestand bis Beerdigung" optimal vorbereitet werden. Mit 51 Jahren werde ich beim AK Start einer der Jüngsten sein; was für ein Witz. Ich hätte da gar nicht mitmachen sollen, aber ich habe mich überreden lassen. Selbst schuld...

Jetzt stehe ich am Beginn der Sechs-Kilometer-Runde. Mein Herz klopft nicht schlecht. Vorspannung nennt man das, glaube ich jedenfalls. Da ich schon lange bei keinem Wettkampf gestartet bin, habe ich das Gefühl momentan nicht auf Tasche. Ich habe mich warm gelaufen, die Muskulatur fühlt sich gut an. Also: Ran an den Speck. Ich drücke den Zeiger der Stoppuhr und los geht’s. Auf den ersten drei Kilometern  windet sich die Strecke über einen fantastisch zu laufenden Waldweg. Es geht auf und ab, nicht Welt bewegend, einfach nur schön. Ich drücke sofort aufs Gas und begebe mich in die Führungsposition. Ich bin selbst überrascht, wie gut das geht. Meine Beine arbeiten wie gut geschmierte Pleuelstangen auf und ab, ich bekomme sehr gut Luft und ich bin schnell. Nach drei Kilometern, bei denen ich bergauf richtig beiße und bergab mit langem Schritt Meter mache, zeigt die Uhr 11 Minuten an. Na schau mal an; geht doch. Verdammt, bin ich gut...

Jetzt ist allerdings Schluss mit lustig. Ich muss fast durch eine Buschreihe brettern, um in den schwierigen Teil des Parcours vorzudringen. Ein kleiner Saumpfad, der sich zunächst im Wald zu verlieren scheint, um kurze Zeit später einen fiesen Klippenrand zu erklimmen. Was dann kommt, das ist Crosslauf in der Hardcore-Version. Aber was soll's. Ich bin vorne, und da laufen die Beine ja sowieso fast von allein. Ich habe die Strecke vor zwei Tagen bereits abgelaufen und weiß, dass jetzt etwa 10 kurze, hammerharte Anstiege von bis zu 30 Prozent Steigung auf mich warten. Das lässt mich relativ kalt, denn bergauf war schon immer mein Ding. Wenn ich jedoch an die sofort folgenden steilen Gefällstücke denke, die sich in atemberaubenden Schleifen winden und hier und da mit feinem Sand oder einem quer liegenden Baumstamm gespickt sind, dann wird mir doch schon ein wenig bange. In diesem, wirklich schwer zu laufenden Abschnitt, werde ich mein Meisterstück abliefern. Alles eine Frage des Timings. Ich habe mich am Anfang nicht voll verausgabt und setze jetzt meine ganze Kraft am Berg ein. Mit kurzen schnellen Schritten und stark unterstützenden Armen düse ich die Hänge hoch wie eine Gämse auf Speed. Da brauche ich mich gar nicht umdrehen; niemand kann da folgen. Bergab erweist es sich als Vorteil, dass ich meine Brille nicht aufgesetzt habe. Ich donnere einfach die Berge runter, ohne genau zu erkennen, was sich da eigentlich unter den Sohlen meiner Schuhe abspielt. Ich fühle mich hervorragend und komme sogar noch dazu, ein paar Blicke für die atemberaubende Landschaft hinter dem Klippenrand zu verschwenden.

Das Schlussdrittel bricht an. Noch einmal geht es im Kamikazetempo einen Hohlweg bergab. Ich kann gar nicht so schnell atmen, wie meine Beine ihren Rhythmus auf den Waldboden trommeln. Nur noch ein paar Kurven auf Wurzelpfaden und engen, schwierigen Passagen, dann wird das Ziel in Sichtweite kommen. Was für eine geile Strecke; Bergsteiger würden so etwas einen "ausgesetzten Klettersteig" nennen. Ich werfe einen Blick über die Schulter…und sehe niemanden. Das setzt die letzten Kräfte frei. Ich katapultiere mich nach vorn und gehe langsam aber sicher in Schnappatmung über. In meinen Oberschenkeln macht sich jetzt ein Säurepegel bemerkbar, der es in punkto Aggressivität locker mit der Magensäure einer Hyäne aufnehmen könnte. Dann schieße ich durchs Ziel und drücke die Uhr. 24:30 Minuten! Wahnsinn! Ich bin über mich selbst begeistert.

Erst jetzt bemerke ich die Erschöpfung und muss die Hände auf den Oberschenkeln abstützen. Ich atme wie ein Asthmakranker kurz vor dem Erstickungstod. Dennoch fühle ich mich gut und bin vor allem stolz auf dieses gute Timing...

...obwohl; für diesen Lauf war das zwar wirklich klasse, aber da wir den 6. März 2012 schreiben und ich gerade im Urlaub auf Usedom bin,  ist das Timingtechnisch dann doch nicht so pralle, weil... ja weil die Meisterschaften erst in 12 Tagen sind und ich mich bei diesem Härtetest mental schon mal ins Wettkampfgeschehen befördert habe. Auf Grund nicht vorhandener Gegner konnte mir da natürlich keiner das Wasser reichen. Schade, dass die Meisterschaft nicht heute war.

 

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Wenn es dann richtig losgeht, werden mir ganz sicher ein paar "Altvordere" die Hacken zeigen und mich mit der Erde bewerfen, die sie mit den Spikes ihrer Laufschuhe aufwirbeln. Sollte ich dann irgendwo im Mittelfeld, geschlagen und verzweifelt, ins Ziel wanken, dann denke ich an heute zurück. Der perfekte Lauf mit einem unschlagbaren Timing. Erfolgreich, schnell, als Erster im Ziel. Ich sage es ja immer: Alles eine Frage des Timings...

Kommentare

...allein die Tatsache das Du Dich mit einer Startnummer an die Startlinie stellst,soll schon Dein persönlicher Sieg sein!

Jeder Schritt,ist ein Schritt gegen betreutes Wohnen im Alter....

WOW, WOW, WOW,

was ist das für ein genialer Bericht. Wenn Du Deine BLOGs in Buchform packst, kannst Du sicherlich Deinen Umbau damit finanzieren.

Die Story hat alles, was man sich wünschen kann. Geniale Formulierungen, Spannung pur, ich war mitten drin, (fast schon selbst außer Atem) und sie hat ein unerwartetes Ende.

Einfach toll.

Und ich habe festgestellt, dass ich mich derart gefreut habe, als ich im Glauben war, dass Du das Ding gewonnen hast.

Ein Sieger bist Du allemal, denn Du hast es geschafft, dieses "Hochgefühl" für immer abrufbar zu halten. GLÜCKWUNSCH dazu !!!

- wow, tolle story...hab mitgefiebert und mußte lachen, beides gute Zeichen...motivierend fand ichs auch! Gebe meinen beiden "Vorschreibern" in jeder Hinsicht recht und drücke auf alle Fälle die Daumen für den Wettkampf! Viele Grüße as dem WW!

toll! Das sind die Geschichten, dich mich immer wieder motivieren weiterzulaufen. Natürlich werde ich nicht vorne mitlaufen, so wie du ;))- realistischerweise ist mein Platz bei Wettkämpfen deutlich weiter hinten- dabeisein ist alles...

viel Glück beim Wettkampf. Zeigs allen!!! Blog vom tatsächlichen Wettkampf ist Pflicht ;)

grüssle aus dem wS

traudl

Ufff !

Spannender als im Fernsehen.

Aber das Gefühl kann Dir keiner mehr nehmen und ich bin mir sicher, es wird Dich am Tag des Wettkampfs ordentlich unterstützen. Positive Erlebnisse sollen doch enorm motivieren - habe ich gelesen.

Ich drücke Dir auf jeden Fall fest die Daumen - in 12 Tagen :-)

sonnige Grüsse ... muli

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