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ThomasKnackstedt

Der Tag, an dem ich Jogi war... / Rennsteig 2012

Von ThomasKnackstedt am 14.05.2012

...das war der Tag des 40. Rennsteiglaufs in Thüringen. Und das kam so: Eine DSC-Truppe wollte wieder mal den Rennsteig in Angriff nehmen. Natürlich war Jogi dabei. Kurz vor dem Start verletzte er sich und konnte nicht starten. Da kam mir die Idee, unsere große Ultralaufhoffnung Jens bei seinem ersten Ultrastart zu begleiten. Jens war gut vorbereitet und hatte vom Ultralaufen keine Ahnung. Ich war gar nicht vorbereitet, kannte mich aber aus. Konnte das schief gehen? Lest euch die Geschichte einfach durch...

 

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Da wollen sie alle hin: Karsten, Anke und ich im Ziel.

Eisenach war schon immer ein gutes Pflaster für uns. In diesem Jahr waren die "alten Haudegen" Jörn, Arien, Jürgen, Doc Thomas und ich dabei. Dazu kam Jens. Mit erst drei Marathonstarts ganz schön mutig, sich an den schwierigen Rennsteig zu wagen. Schon auf dem Weg nach Thüringen läuft alles bestens. Die Truppe ist gut drauf und auch unsere Unterstützer Anke, Jule, Ute und Kathrin sind bester Laune. Angekommen holen wir die Startunterlagen. Ich schnappe mir Jogis Nummer. Den Chip werde ich Morgen einfach weglassen. Schließlich bin ich ja nur "Jensbegleiter". Thomas hat das beste Haus am Platz angemietet. Wir werden aus den Hotelzimmern praktisch auf die Startlinie fallen. Ich kann mir abends sogar ein Schwarzbier genehmigen; denn für mich ist Morgen ja eigentlich nur Spaß angesagt. Jens hat in den letzten Wochen eine ziemlich große Klappe gehabt, aber weglaufen sollte er mir eigentlich nicht. Am Abend vor dem Start habe ich allerdings das erste Mal das Gefühl, dass die Fassade der Furchtlosigkeit in Jens Gesicht ein wenig zu bröckeln beginnt. Morgen liegt die Wahrheit direkt auf dem Rennsteig...

 

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Er hat es fast geschafft. Arien, kurz vor Schmiedefeld.

 

Nach einer guten Nacht wirft mich Jörn aus dem Bett. Noch einmal richtig futtern, dann auf den Doc und Jens warten; Trantütenalarm. Wir klatschen uns vor dem Start noch einmal ab, ehe es losgeht. Der Marktplatz ist rappelvoll. Ich vermute mal, dass es unter diesen Tausenden von Läufern nur einen ohne Chip gibt: Mich; den Jogi.

Ich war bei einem Ultra noch nie so weit hinten. Interessant! Nach dem Startschuss sackt der Startbogen in sich zusammen und muss von einem Helfer hochgehalten werden. Hoffentlich ist das kein schlechtes Omen.

 

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Karsten(in rot) unterwegs.

Wir sind kaum einen Kilometer gelaufen, da gehen wir schon. Okay, es ist ein wenig eng, aber laufen könnten wir trotzdem. Allerdings gehen die meisten um uns herum bereits auf der ersten, für einen harten Ultra wirklich lächerlichen, Steigung. "Nur nicht aufregen", denke ich mir. Für Jens ist das nicht schlecht, so laufen wir am Anfang nicht zu schnell. Ich nutze die Zeit und sehe mich um. Laufen kann schon ein seltsamer Sport sein. Ich entdecke jede Menge Läufer, die sich mit superleichten Lightweight-Schuhen auf den Weg machen. Da möchte ich am liebsten einen Diavortrag halten, wie der Untergrund auf den nächsten 71 Kilometern aussieht. Ich sage nur: Steine, Steine und Steine. Aber na ja... jeder so wie er mag. Die neuesten Kompressionsstrumpf-Kollektionen sind rund um mich verteilt. Dazu Rucksäcke, Trinkgürtel und angeklebte Nahrungsergänzungsmittel und Gels in allen Variationen. Ein Läufer neben mir könnte mit dem Zeug glatt einen Bauchladen aufmachen. Über die verschiedenen Laufcomputer an Armen und Handgelenken will ich mich gar nicht auslassen. Zwischen all den Wadenwickeln, Wärmepflastern und Tapebändern macht sich zudem ein durchdringender Geruch von Franzbranntwein und allen möglichen Salben und Tinkturen bemerkbar. Ich laufe hier jetzt zum fünften Mal und weiß, dass der Rennsteig einer der best organisierten Läufe überhaupt ist. Meiner Meinung nach braucht hier keiner etwas mitzunehmen, aber das ist halt meine Meinung...

Ich stelle fest, dass die ältesten Teilnehmer Ausrüstungstechnisch am besten vorbereitet sind: So wenig Ballast wie möglich!

 

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Ein verdammt schneller Jörn am Rondell.

 

Nach fünf Kilometern kommen wir endlich in den Laufrhythmus. Nach zehn Kilometern zeigt die Uhr 1:12 Stunden. Damit sind wir genau im Plan. Beim Rennsteig reden immer alle vom Inselsberg und der Neuen Ausspanne; zwei hammerharten Steigungen. Die meisten Läufer unterschätzen jedoch die ersten 26 Kilometer bis zum Inselsberg, die ständig bergauf führen. Wer hier seine Körner verschießt, dem ist hinten raus nicht mehr zu helfen. Wer sparsam mit den Kräften umgeht, wird(meistens) hinten raus belohnt. Wir sind langsam, aber in unserem Zeitplan unterwegs. Am Inselsberg laufe ich voraus, um Fotos von Jens zu schießen. Während ich an der gehenden Laufkarawane vorbeiziehe, rufen mir ein paar Läufer zu, dass ich mit diesem deprimierenden Gelaufe aufhören soll. Ihren Humor haben sie also noch nicht verloren…

 

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Am Inselsberg war Jens noch ziemlich gut drauf.

Ab Kilometer 30 wirkt Jens ziemlich angespannt und fertig. Seine Füße schmerzen. Vor allem die unebenen Schotterwege mit ihren großen Steinen machen ihm zu schaffen. Mir ist jetzt eigentlich schon klar, dass er das Ziel in Schmiedefeld nicht laufend erreichen wird. Als uns kurze Zeit später noch ein Läufer in neongrüner Puschel-Disco-Saturday-Night-Verkleidung plus Cowboyhut überholt, ist das ziemlich deprimierend. In der Ebertwiese tanken wir noch einmal Haferschleim und Wasser auf. Dann kommt die Neue Ausspanne. Ich laufe wieder vor, um zu fotografieren. Dann muss ich endlos warten. Jens ist am Ende. Nichts geht mehr. Ende der Vorstellung. Nach einem kurzen Gespräch erklärt sich ein Helfer bereit, ihn nach Schmiedefeld zu fahren. Der Rennsteig war für ihn eine Nummer zu groß. Er wird aus dieser Niederlage lernen und dem Rennsteig beim nächsten Mal den Respekt erweisen, der ihm gebührt.

Für genau diese Fälle habe ich heute, zum ersten Mal bei einem Wettkampf überhaupt, ein Handy dabei. Eigentlich hasse ich diese Typen, die beim Laufen telefonieren; heute bin ich selbst einer. Asche auf mein Haupt. Ich informiere Anke und Jule, dass unser Youngster, nach 5:30 Stunden, bei Kilometer 45, die Segel gestrichen hat. Ich mache mich auf, das Ziel laufend zu erreichen.

Wie war das mit dem Respekt? Ich muss zugeben, ich war dieses Jahr selbst nicht besser als Jens. Ohne Vorbereitung bin ich nach Eisenach gefahren, um den Rennsteig mal eben als Spaß zu laufen. Für diese Selbstüberschätzung muss ich kurze Zeit später bezahlen. Als Jens draußen ist, nehme ich die Beine in die Hand und laufe die zehn Kilometer bis zum Grenzadler in 50 Minuten. Ich fliege durchs Läuferfeld wie ein warmes Messer durch weiche Butter. Man, bin ich gut! Nach dem Grenzadler wird das Messer kälter und die Butter härter. Bei Kilometer 60 bin ich ziemlich im Eimer und denke mir: Was bist Du für ein Idiot! Ich muss das Tempo massiv reduzieren und sortiere mich im Feld ein. Mit Cola und Haferschleim halte ich mich über Wasser. Ohne meine Ultralauferfahrung würde ich jetzt gehen. Ab Kilometer 68 kann ich noch ein paar Reserven mobilisieren und wieder Plätze gut machen. Dabei überhole ich alte Männer und Frauen, vor denen ich den Hut ziehen würde, wenn ich einen auf dem Kopf tragen würde. Sie sind für mich die wahren Helden des Rennsteigs.

 

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Die coolste Bratwurst Thüringens.

Kurz vor dem Ziel in Schmiedefeld sehe ich einen Rücken, den ich schon Tausend Mal vor mir hatte: Der Doktor! Leichte Schieflage, aber immer noch mit reichlich Vortrieb. Ich laufe neben ihn und umarme ihn. Er erschrickt nicht schlecht. Zunächst frage ich mich, wieso er die Augen so aufreißt, dann weiß ich: Er dachte, ich hätte Jens noch im Schlepptau. Doch da kann ich ihn beruhigen. „Zusammenbruch aller Teile“, rufe ich ihm zu. Das dauert noch, bis der Junge dich überholen wird. Nach 8:12 Stunden laufen wir gemeinsam ins Ziel und ich kann noch zwei schöne Schnappschüsse von Thomas machen.

Im Ziel gibt es das große Wiedersehen. Jörn ist 13. geworden. Mit 5:46 Stunden hat er eine Hammerzeit gelaufen. Karsten war nach 6:22 Stunden im Ziel. Arien brauchte 6:51 Stunden, Jürgen 7:21 Stunden. Wir sind alle glücklich und zufrieden.

 

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Einfach gut drauf...

Nach dem Duschen beobachte ich interessiert, wie sich Thomas dicke Socken, eine Winterlaufhose, eine Jeans, einen Pullover, eine Fleecejacke, eine Jacke und eine Wollmütze überstreift. Das nenne ich jahrelange Erfahrung. Bloß nicht auskühlen…

Später gibt es noch ein Schwarzbier und eine Thüringer Bratwurst. Dann ein Bier und noch ein Bier. Kurze Zeit später sitzen wir im Bus. Jens ist ziemlich geknickt und so ruhig, wie wir ihn kaum kennen. Auf der Heimfahrt ist es dann so wie immer: Jeder kann eine Story vom Rennsteiglauf 2012 zum Besten geben und eine Kiste Bier ist schlichtweg zu wenig. Ich bin jetzt nicht mehr Jogi, sondern Thomas. Aber der Rennsteig, der bleibt was er immer war: Mein Lieblingsultra!

 

 

Kommentare

Ein wirklich sehr interessanter Bericht!!!  Für mich ist jeder, der solch eine Distanz meistert ein Sieger, dazu das Höhenprofil und die steinigen Wege....meinen vollsten Respekt. Echt Stark!

Hallo Muli,

zum einen geht es generell bergauf. Der Start in Eisenach ist auf 210HM, das Ziel in Schmiedefeld auf 711HM. Von 0 - KM 26 steigt die Strecke stetig. Dann wird es(relativ) gerade. Von 25-26 geht es steil bergauf zum Inselsberg. Knapp hinter 40 folgt ein hochintensiver Anstieg zur Neuen Ausspanne. Zum Schluss ist dann noch der Beerberg zu bezwingen. Auf Grund der Länge der Strecke und des heftigen Untergrunds; der Rennsteig wird auch gern als härtester Crosslauf Europas bezeichnet, kommt einem das aber schlimmer vor, als es tatsächlich ist. Wer am Rennsteig Streckenkenntnis und Erfahrung besitzt, den wird die Strecke nicht schrecken. Man kann die drei großen Ultras für den Europacup ungefähr so zusammenfassen:

Biel: Unglaublich lang, bergig und(weil in der Nacht) nicht einfach zu laufen.

Rennsteig: Nicht so lang, wesentlich bergiger, wegen des Crosscharakters schwierig.

Schwäbisch Alb: Extrem steil, relativ kurz, muskulär anstrengend.

Am Ende haben sie alle irgendwo ihren Reiz.

 

Viele Grüße

Thomas

 

 

Hallo Thomas.

Meinen Glückwunsch, für ein solch gutes Team. Jens wird drüber wegkommen und beim nächsten Lauf die Energie anders einteilen und dann wird es auch bei Ihm klappen.

Was mich aber wundert, nur 1.470 Hm ? bei so vielen Km ?

Gibt es da nur wenige Anstiege, aber dafür dann heftig steil ?

 

Die offiziellen Werte sind:

Anstiege: 1470 Meter

Abstiege: 969 Meter

Höhendifferenz: 2439 Meter

Danke für den wundervollen und interessanten Bericht. Gratulation allen Bewältigern! Hat einer eigentlich einen Überblick über die Höhenmeter beim langen Rennsteiglauf? Die müssen doch jenseits der 1000 liegen, oder?

Gruß Marko

Hallo Thomas

danke für den Bericht. Ihr Ultraläufer seid schon ein cooles Völkchen , mal schnell ich zitiere : " einen Ultra ohne Vorbereitung abspulen ". Respekt vor eurer Leistung.

Erholt euch gut. Gruss Leissprecher

danke für den ausführlichen Bericht. bis zum Rennsteig müsste ich noch sehr viel Erfahrung sammeln. Hab im Urlaub sehr deutlich gespürt, dass ich eine grosse Bergaufschwäche habe... werde daran arbeiten.... und meine Ziele nochmal überdenken ;)))

Hallo Thomas,

wieder einmal ein richtig toller Bericht von Dir. Motiviert sehr zur Nachahmung. Vielen Dank !!!

Hab ja schon in die Liste geschmult. Respekt, ihr seit eine Sau starke Truppe. Vielleicht klappt's ja nächstes Jahr. Ich hoffe ihr seit wieder da, Traumboot

Mensch - ist doch super gelaufen! Und ich muß Dir recht geben - sowas ist nicht zu unterschätzen und dem Rennsteig gebührt Respekt! Vielen Dank für den schönen Bericht! LG

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