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ThomasKnackstedt

Mein schneller, alter Freund...

Von ThomasKnackstedt am 01.06.2012

...dieser Gedanke geht mir durch den Kopf, während ich in die Pedale trete, um den Anstieg auf den Hilskamm zu bewältigen. Eine Traumstraße. Wenig befahren, guter Belag, eine idyllisch schöne Landschaft; mitten in den Wald hinein.

Ich denke an einen der ersten Kevin Costner Filme, „American Flyers“. Den werden nicht viele Menschen kennen, 1985 war Kevin Costner noch nicht weltbekannt. Ein mehrtägiges Radrennen in Amerika, brillant gefilmt und mit einem wirklich guten Drehbuch ausgestattet. Da gab es eine Szene, die ich nie vergessen werde. Im Training zur „Hölle des Westens“ nimmt Costner seinen jüngeren Bruder mit auf die Trainingsstrecke. Ziemlich geheimnisvoll kündigt er an, dass sie noch bei einem „alten Freund“ vorbeifahren wollen, der sie ein Stück des Weges begleiten wird. Als sie sich auf den Rennrädern einem allein stehenden Haus nähern, sagt Costner: „Da vorne wohnt er.“ Der Jüngere kann damit nichts anfangen und wundert sich. Dann schießt urplötzlich ein Kampfhund vom Grundstück und verfolgt die beiden Radfahrer. „Da ist er ja schon“, sagt Costner „Du solltest jetzt Gas geben, der ist verdammt schnell.“ Es folgt ein atemberaubender Radsprint mit einem beißenden Hund und zwei Radfahrern, denen das Adrenalin schon aus den Ohren kommt. Unvergesslich…

 

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Eine Bergwertung ist immer ein Highlight. "Vogelfrei" über den Montozzo-Pass(2600 Meter Höhe).

 

Wieso ich daran denke? Das ist einfach. So einen alten Freund habe ich auch. Alt, aber verdammt schnell. Jedes Jahr wenn ich das Rennrad aus dem Stall hole, muss ich überprüfen ob er noch lebt. Und jedes Jahr, wenn ich das gemacht habe, frage ich mich, wie ich nur so bescheuert sein konnte. Das Leben geht manchmal seltsame Wege.

Ich habe noch 500 Meter bis zum Bergkamm, die Straße steigt mit ungefähr 8 Prozent an. Mein Blick ist auf die Baumwipfel gerichtet. Ich bin aufgekratzt und nervös. Die Grundvoraussetzungen für das Treffen mit meinem schnellen, alten Freund sind einfach: Ich muss auf einem Rad sitzen und allein sein. Mehr ist nicht nötig. In den letzten Jahren hat er mich schon Hunderte Meter zuvor in Empfang genommen, sollte er vielleicht das Zeitliche gesegnet haben? Ich bin eigentlich niemand, der sich über den Tod eines anderen freut, aber in diesem Fall, na ja…ich weiß nicht so recht.

Vermutlich waren allein diese Gedanken Einladung genug für meinen schnellen, alten Freund. Ich sehe zwei Amseln, die fluchtartig die Baumwipfel verlassen, danach sehe ich ihn. Er mag alt sein, aber seine Spannweite beträgt noch immer weit über einen Meter. Er ist etwa zwanzig Meter schräg links über mir und hat mich sofort ins Visier genommen. Na prima. Was jetzt kommt, habe ich bereits ein halbes Dutzend Mal erlebt, doch heute erwartet mich eine Sondervorstellung.

 

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Dieser Anblick verheißt nichts Gutes...

 

Ein Bussard an sich ist schon eine imposante Erscheinung; einer der im Sturzflug direkt auf deinen Kopf zufliegt gibt dem Wort Bedrohung eine völlig neue Bedeutung. Es ist erst das zweite Mal, dass er mich von vorn angreift. Als er fünf Meter von mir entfernt ist, schreie ich ihn an und er zieht etwa einen Meter über meinen Kopf hinweg. Puh! Das ist noch mal gut gegangen. Ich komme ins Schlingern, es ist nicht so einfach die Straße und einen alten Freund gleichzeitig im Blick zu behalten. Der gefiederte Blitz dreht eine kurze Schleife und kommt jetzt von schräg rechts auf mich herabgestoßen. Ich brülle ihn wieder an und er wiederholt seinen Angriff über meinen Kopf hinweg. Dann sehe ich ihn nicht mehr.

Verdammt; obwohl ich diese Situation kenne und jetzt schon ahne, was gleich passieren wird, habe ich schlichtweg Schiss. Leichte Panik macht sich breit. Ich gebe Gas und donnere die Steigung mit fast Dreißig Sachen hinauf. Nichts wie weg hier! Meine Beine drehen die Kurbeln wie gut geölte Pleuelstangen auf und ab, ich mache Meter um Meter. Ich fühle mich unglaublich schnell, aber in Wirklichkeit bin ich eine lahme Ente. Paff! Da hat er mich! Genau so kenne ich ihn: Lautlos, von hinten. Mit voller Kraft knallt er mir seine Krallen auf den Radhelm. Ich sehe nur seinen Schatten auf dem Asphalt. Ich beschleunige, obwohl das eigentlich gar nicht möglich ist. Fünf Sekunden später schlägt es wieder ein. Paff! Ich bekomme die zweite Klatsche verpasst. Das fühlt sich an, als ob einem jemand mit der Hand kräftig auf den Helm schlägt. Eigentlich nicht schlimm, aber in dieser Situation doch unglaublich beängstigend.

„Lass mich in Ruhe, ich haue doch schon ab“, schreie ich in den Wald hinein. Ein paar Sekunden später erhalte ich die Antwort in Form der nächsten Kopfnuss. Ich ziehe den Schädel ein und trete wie ein Irrer, um dieser Demütigung zu entkommen. Dann ist tatsächlich Ruhe. Mein Puls liegt irgendwo über 170 und mein kleines Hasenherz fühlt sich an, als ob es mir gleich aus dem Brustkorb hopsen will. So schlimm wie heute war es noch nie. Mein schneller, alter Freund hat mich schon bergab, bei Sechzig Sachen, mühelos abgeklatscht und mir bei manchem Anstieg ordentlich auf den Helm geklopft. Aber zwei Scheinangriffe und drei Treffer, die hat er bei mir bisher noch nie gelandet. Es scheint ihm gut zu gehen…

 

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... ist auf dem Rad aber immer noch um Klassen besser als dieser.

 

Auf dem Kamm kommt mir ein Radfahrer entgegen. Ich stoppe ihn und erzähle ihm von meinem Erlebnis. Da er keinen Helm dabei hat, warne ich ihn. Ich bin seltsamerweise nicht erstaunt, als er mir sagt: „Danke, da drehe ich gleich um. Der Vogel hat mir im letzten Jahr eine ordentliche Schmarre auf dem Kopf verpasst. Da musste ich zum Arzt. Das passiert mir nicht noch mal.“

Mein schneller, alter Freund ist mittlerweile eine lokale Berühmtheit geworden. Ich kenne etwa zwanzig Radfahrer denen er schon gezeigt hat, dass Schnelligkeit keine Hexerei ist und dass eine Tetanusimpfung auch ihre Vorteile hat. Da ich nie ohne Helm fahre, blieb mir der Arztbesuch bisher erspart. Auf die Zielgenauigkeit meines Freundes kann ich mich Hundertprozentig verlassen. Nur nicht den Arm ausstrecken oder sich hektisch bewegen. Den Helm trifft er mit atemberaubender Präzision.

Bussarde können bis zu 20 Jahre alt werden. Seit etwa 10 Jahren kenne ich meinen schnellen, alten Freund schon. Schauen wir mal, wer von uns beiden länger aushält. Ob ich dann die Rennmaschine nicht mehr den Berg hochbekomme oder er zuerst die Flügel streckt? Ich weiß es nicht. Aber eins ist klar: Aufgeben ist keine Option. Auch im nächsten Jahr werde ich mich wieder zu unserem Treffen aufmachen. Einmal im Jahr. Für mehr reicht mein Mut nicht aus.

Fünf Minuten später rase ich mit 70 Stundenkilometern den Berghang, auf der anderen Seite, hinab. Noch immer denke ich an den Costner Film. Er hat den Hund abgehängt. Das würde ich jetzt auch hinbekommen. Aber so ein Hund, der hat ja schließlich auch keine Flügel…

 

Thomas Knackstedt

Kommentare

Was soll ich sagen - hier im Haxtergrund hat auch schon mal ein Greifvovgel zugeschlagen und einige Läufer verängstigt. Es hieß, dass er vermutlich mal beim Brutgeschäft gestört worden war (Eierdiebe??).

Und was erzählt ein Kollege heute? Als er noch regelmäßig in Frankfurt im Stadtwald lief, gab es auch einen An-Greifenden Greif - ohne Körperkontakt.

Aber Thomas Geschichte ist die härteste - echt klasse.

Klasse Beitrag, sehr unterhaltsam!

http://www.youtube.com/watch?v=GVyqe6Yy8m4

 

toller Bericht..... schaut Euch das Video an, dann wißt Ihr was er meint ;-))

Hallo Thomas

das klingt wie aus dem Hitchcock-Film ---die Vögel---.

schön ,dass du ohne Blessuren wieder unten angekommen bist.

Gruss Leissprecher

Hallo Thomas,

also lesen tut es sich wirklich sehr schön. Interessant, kurzweilig und irgenwie auch amüsant. ;-) Trotzdem würde mich der Bericht nicht dazu veranlassen genau den Ort des Geschehens wissen zu wollen. ;-)

Ich wünsche dir weiterhin viele heile "Freundes"treffen. ;-)

Gruß Marko

Hallo Thomas.

Ein Hammer-Bericht !!!

So etwas habe ich ja noch nie gelesen - einfach aussergewöhnlich.

Was man nicht für einen ordenlichen "Kick" alles macht ...

Es lebe das Adrenalin.

Vielen Dank für den tollen Bericht.

...und hoffentlich bleibt ihr zwei "Freunde" !

...sonnige Grüsse .... Jürgen

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