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ThomasKnackstedt

Flaschenhalter

Von ThomasKnackstedt am 03.08.2012

Ich war(mal wieder) laufend in Berlin unterwegs. Dabei ist mir etwas aufgefallen...

 

Flaschenhalter

 

Es ist Sommer in der Stadt. Die Sonne badet die Straßenschluchten Berlins in gleißendes Licht und die Menschen verlassen ihre Häuser.

Ich habe die Laufschuhe geschnürt und mache mich auf den Weg. Meine Beine sollen mich zum Landwehrkanal, nach Treptow, an die Spree und wieder zurück tragen. Wenn ich hier bin, liebe ich diese Läufe durch den urbanen Dschungel der großen Metropole.

Ist es zu Hause die Stille im Wald oder auf einem offenen Feld, die zum Nachdenken und Abschalten animiert, so sind es hier die unzähligen Eindrücke menschlichen Verhaltens, die mich auf jedem Meter der Laufstrecke in den Bann ziehen.

Ich brauche ein paar Kilometer, ehe ich völlig frei im Kopf bin. In den letzten Jahren ist mein alternder Körper nicht mehr bereit, von der ersten Sekunde an, die Freigabe für alle Bewegungen zu realisieren. Die Knie und die Oberschenkelmuskulatur brauchen fünf Kilometer ehe sie so arbeiten, wie ich das von ihnen erwarte. Erst jetzt schafft sich eine gewisse Lockerheit  Raum in meinem Körper. Die Extremitäten funktionieren von allein und mein Kontrollzentrum beginnt, sich mit der Umgebung zu beschäftigen.

Als ich in die Treptower Straße einbiege, fällt mein Blick auf zwei junge Männer, die auf einer Bank sitzen. Es ist kurz nach 10 Uhr und beide starren ausdruckslos auf einen imaginären Punkt im Nirgendwo. Ihre Hände umklammern jeweils eine fast leere Bierflasche. Da ist kein Gespräch, kein Lachen, kein Zeichen von Leben. Nur die Flaschen und eine alles umfassende Aura von Leere, die den Bereich der Bank umgibt.

Hmmmh... denke ich. Ziemlich niederschmetternd. Wenn ich ein Bier in der Hand habe, bin ich meistens gut gelaunt. Aber okay, das ist nicht Morgens um 10 Uhr. 

Ich drehe meine Lieblingsrunde ums Sowjetische Ehrenmal, lausche den harten Klängen der russischen Sprache, die aus den Mündern der Besucher zu mir herüber klingen und laufe kurze Zeit später ans Ufer der Spree. Eine Spielverderber-Wolke schiebt sich vor die Sonnenscheibe. 

Gleich auf der ersten Grünfläche sitzt ein älterer, ungepflegter Mann im Schneidersitz auf der Erde. Vor ihm liegen zwei leere Bierflaschen auf dem Rasen. Eine halbvolle Flasche befindet sich in seinen Händen. Sein Blick ist starr auf die leeren Flaschen gerichtet. Er nimmt weder mich, noch sonst irgendein Detail seiner Umgebung wahr. Der Typ scheint im gleichen Paralleluniversum unterwegs zu sein, wie die beiden Bankhocker an der Treptower Straße. Irgendwie gefällt mir das nicht...

 

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Als ich zur Berliner Insel komme, kreuzt eine Kindergartengruppe meinen Weg. Junges, sprudelndes, quirliges Leben. Eingepresst in viele kleine Körper, die den Übermut all dieser Gefühle und Bewegungswünsche ihrer Besitzer kaum aufnehmen können. Das zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht, denn: Genau so sollte es ein.

Ich drehe mich nach dem bunten Kinderhaufen um und achte nicht auf den Weg. Als ich wieder nach vorn schaue, pralle ich fast gegen einen verwahrlost wirkenden Jugendlichen, der direkt vor mir steht. Er zieht einen blauen Müllbeutel hinter sich her. Vermutlich muss er Arbeitsstunden ableisten und hier für irgendeinen Scheiß, den er angestellt hat, den Müll aufsammeln. Das macht er nicht besonders gut. Sein Blick ist starr, die Mundwinkel hängen genau so schlaff herab wie seine Arme und aus der Seitentasche seiner abgetragenen Jeans lugt der Hals einer Bierflasche. Das holt mich sofort auf den Boden der Tatsachen zurück. 

Jetzt kommt die Sonne wieder heraus und ihre Strahlen verwandeln die Oberfläche der Spree in ein glitzerndes Funkenmeer. Zwei tobende Hunde schießen an mir vorbei. Spielend jagen sie sich, schnappen sich gegenseitig und überschlagen sich bellend auf dem Grünstreifen neben dem Weg. Das pralle Leben in Fell und Pfoten verpackt.   

Direkt hinter ihnen sitzt ein junges Paar auf einer Parkbank. Sie werden von einem Dutzend Plastiktüten eingerahmt, die sie um die Bank drapiert haben. Ich vermute, das wird ihr gesamter Hausrat sein. Die beiden strahlen allerdings nicht die Zuversicht von Chaplins Tramp aus, sondern scheinen als Mensch gewordenen Statuen symbolhaft für die Hoffnungslosigkeit, die Einsamkeit und die Aufgabe zu stehen. Tote Augen starren auf den Boden vor ihren Füßen. In den Händen halten sie Bierflaschen. Sie reden nicht, sie lachen nicht, sie halten nur die Flaschen und verströmen einen spürbaren Hauch von Trostlosigkeit. 

Eine Stunde später bin ich wieder auf dem Kottbusser Damm. Es ist warm geworden. Das schweißnasse Laufshirt klebt mir auf der Haut. Ich tauche in das wuselnde Gewirr der Menschen auf dem Gehweg ein. Hier in der Menge ist es schwer, einzelne Gestalten auszumachen. Doch als ich mich darauf konzentriere, vielleicht auch hier ein paar Flaschenhalter ausfindig zu machen, erschlägt es mich fast. Bisher habe ich nie darauf geachtet. Fast an jeder Straßenecke bekomme ich ein Exemplar zu Gesicht. Die Marken der Bierflaschen in ihren Händen mögen unterschiedlich sein, ihre Gesichter sind es jedoch nicht.  

Ich beschleunige meinen Schritt, biege in den Innenhof des Mietshauses ein und renne die Treppe hinauf. Was ich jetzt brauche, ist das Lachen meiner Gefährtin oder ihre warme, gefühlvolle Berührung. Das Wissen, nicht allein zu sein, und vielleicht noch der Blick in den Spiegel. Dort will ich mein Lächeln sehen, mich einfach vergewissern, dass es noch nicht verschwunden ist...

 

Thomas Knackstedt 

 

Kommentare

Echt interessant, wenn man als Berliner mal so die Sicht eines Auswärtigen auf Dinge mitbekommt, die für uns hier schon zum Alltag gehören. Sicher, es ist deprimierend, wenn man es an sich heranlässt. Aber solche Erlebnisse habe ich persönlich hier dermaßen zuhauf, dass ich meiner seelischen Gesundheit zuliebe immer öfter in den Ignoriermodus schalte.

 

Sehr gut geschrieben, Thomas!

Na ja, Glück gibt es meiner Meinung nach in verschiedenen Ausführungen:

- Glück der Beziehungen (Liebe, Vertrauen, Freundschaft, Verlässlichkeit, Anerkennung, ...

- Glück im Sinne von Zufall (Lottogewinn, etwas finden, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, ...)

- Glücksgefühle im "Hier und Jetzt" (nicht über Vergangenes oder Zukünftiges nachdenken, Gedanken sind leer, nur den momentanen Augenblick genießen, ...)

- Glück der Selbstdisziplin oder Selbstüberwindung (Überwindung des Scheinehundes, ...)

- Glück der Zufriedenheit (alles ist OK, Schulterklopfen, so würde ich es wieder machen, ...

- Glückseligkeit mit Gänsehaut und Freudentränen ausgelöst durch die wundervolle Natur, Staunen, Stille, Musik, Kunst oder Technik, ...

 

Aus meiner Erfahrung sind "Glücksmomente" eben nur Momente die nicht festzuhalten sind. Deshalb versuche ich so viel wie möglich davon zu sammeln und in meinem "Glückssparbuch" zu verwahren. Dazu ist natürlich gut, vorher in sich zu gehen und zu fragen: Was macht mich eigentlich glücklich?

Und diese Antwort wird sicherlich bei jedem anders ausfallen.

 

DANKE für den Gedankenanstoß. Ich hoffe dass man in einem Sportforum auch mal über solche Dinge philosophieren darf.

 

Ich wünsche Euch allen viel, viel Glück

Hallo Efah,

 

Helgoland war dieses Jahr für mich nicht. Da der Rennsteig am selben Tag startete, musste ich mich entscheiden. Für 2013 ist der Rote Felsen aber zumindest schon mal eingeplant(falls die Knochen mitspielen).

 

Dein Ansatz zur Definition von Glück würde im Philosophieunterricht ganz sicher für ein paar Stunden Gesprächsstoff sorgen. Kann man wirklich jeden Zustand, den man persönlich positiv empfindet, als "Glück" definieren? Ein wirklich schöner Ansatz zum Nachdenken...

 

Für Dich alles Gute in 2012. Ich hoffe, deine Beine sind noch immer so schnell, wie zum Anfang des Jahres.

 

Thomas

 

Wir vergleichen das ja mit unserem Leben und meinen dann, dass dies arme Würstchen sind.

Unter Umständen sind diese Flaschenhalter sogar glücklich / glücklicher über ihre Situation und belächeln uns, wie wir uns im Hamsterrad abmühen um noch mehr Luxus anzuhäufen.

 

Aber, lieber Thomas, wie immer ein toller Text, toll formuliert und anregend über den eigenen Lebensentwurf nachzudenken und zu reflektieren.

 

Liebe Grüße,

 

Efah

 

P.S.: Gibt es auch eine Geschichte aus Helgoland?

 

 

Hallo Dirge,

 

keine Erschütterung, nur Wahrnehmung. Auf meinsportplatz hast Du noch keinen Text von mir gelesen, wenn ich erschüttert war. Das liest sich dann völlig anders.

Es ist vielleicht genau so, wie Du das andeutest. Wenn mal einer von draußen einen Blick drauf wirft, hat er eine völlig andere Wahrnehmung. Wird Dir vermutlich genau so gehen, wenn Du bei uns hier durch ein Kuhkaff läufst. Ich halte es hier ja auch für normal, wenn mich beim Laufen jeder grüsst. In Berlin würde ich das nicht gerade erwarten...

 

Viele Grüße

 

Thomas

 

 

Interessant wie Du das siehst Thomas. Das scheint Dich ja wirklich erschüttert zu haben.

Der Treptower Park und der daran anschließende Plänterwald ist mein Mittagspausen Laufrevier. Ich laufe da mehrmals die Woche durch und muss gestehen, dass ich die von Dir geschilderten Dinge überhaupt nicht mehr sehe, bzw. wahrnehme.

Wer in Berlin lebt und am öffentlichen Leben teilnimmt (z.B. S-Bahn fährt, wenn sie denn fährt), für den ist das Alltag. Ich möchte nicht sagen, dass das in mir keine Regung mehr hervorruft oder mir egal wäre, aber erschüttern tut es mich nicht.

Berlin - arm, aber sexy? Das war wohl damit nicht gemeint.

Was soll man da sagen .. macht mich sehr nachdenklich.

Sie können einem nur leid tun.

genau. wie oft habe ich in meiner "heilen" Läuferwelt schon gedacht, wenn ich am Spielplatz, durch den Park etc laufe, was sind das doch für leere junge Gesichter, die sich da nicht nur Bier sondern auch harte Sachen reinkippen. Ist unsere Zukunft so hoffnungslos? ich wünsche mir für unsere Jungend, dass das nicht so ist. Es ist sehr erschreckend, wie leer viele dieser Augen sind.

Danke für diesen nachdenklich stimmenden Blog. gerne lese ich immer mal wieder auf der Seite http://www.textlauf.de/Home/1,000000737880,8,1 die Texte.

einen lieben gruss aus dem gar nicht so "wilden Süden"

traudl

und ich bin glücklich den Kontrast der Trostlosigkeit mit meiner Energie ein wenig ausgleichen zu können. Ich schließe die Türe hinter mir zu und denke.....Du hast Dein Leben im Griff weil Du stets an Dir arbeitest.

Toll geschrieben Thomas.Leider ist es so.Viele Menschen suchen im Alkohohl Blitzableiter damit sie sich mit Ihren Problemen nicht auseinandersetzten müssen.Vielleicht ist es Ihnen nie richtig vorgemacht worden. Es werden immer mehr habe ich manchmal das Gefühl.

mal drüber nachgedacht ein Buch zu schreiben .....Eindrücke eines Läufers :-)

Wieder einmal einfach toll beschrieben auch wenn das Gesehene natürlich wirklich traurig stimmt.

Gruß Andy

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