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ThomasKnackstedt

Deutschland - Spanien 1 : 1

Von ThomasKnackstedt am 11.11.2012

Ich bin mal wieder in Berlin. Samstag Mittag, das Wetter ist so lala und Kathrin und ich laufen über den Tempelhof. Früher wäre mir das nicht passiert; so ein Mädchenlauf. Aber ich bin in die Jahre gekommen und stelle mittlerweile fest, dass so ein "lahmer Zock" trotzdem Spaß macht und mein alternder Körper dankbar dafür ist, dass er nicht mehr so geschunden wird. 

Der Wind pustet durch mein nicht vorhandenes Haar und wir schleichen mit einer 5:45 Minuten pro Kilometer über die Startbahn. Auf der breiten Asphaltfläche fühlt sich das an, als würden wir in steifem Sirup laufen, doch was soll's. Nach 75 Minuten und 13 Kilometern sind wir wieder auf dem Kottbusser Damm und ich schicke meine Liebste zum Duschen. Ich will noch sieben Kilometer dranhängen und dabei ein kleines bisschen, aber wirklich nur ganz wenig, das Tempo forcieren.

Meine Knie protestieren, als ich meine Geschwindigkeit steigere. Das kenne ich schon und ignoriere es aus Prinzip. Irgendwo bei einer 4:30 pegele ich mich ein und fühle mich verdammt schnell. Okay, früher war jeder Trainingslauf schneller, aber früher war ich auch nicht 51.

Wie ich so am Landwehrkanal "entlang fliege" und ein paar gut gestylte Modejogger und Cardiopatienten überhole, höre ich plötzlich ein Geräusch, das mir aus Dutzenden von Wettkämpfen wohlvertraut ist. Ein schnelles "Tapptapptapp" sucht sich seinen akustischen Weg zu meinen Ohren. Mein Denkzentrum sagt mir sofort und unmissverstsändlich: "Da kommt einer von hinten!"

In Berlin ist mir ja schon eine Menge passiert. Aber eines, das habe ich bisher noch nicht erlebt: Das mich einer dieser "Freizeit - Gebre Selassies" überholt. Jetzt heißt es die Lage zu peilen und Gegenmaßnahmen einzuleiten. 

Ich nehme das Tempo raus und augenblicklich erscheint neben mir ein Typ, der wie der junge Che Guevara aussieht. Ich habe ja nicht von all zu vielen Dingen Ahnung, aber ich sehe sofort, dass der Kerl einen sehr guten Laufstil hat, kein Gramm zu viel wiegt und vom Alter her mein Sohn sein könnte. Heute soll es also passieren: Der Tag ist gekommen, an dem ich auf den Straßen von Berlin gedemütigt werde. Kampflos wird das jedoch nicht geschehen. Aber bevor man in die Kampfhandlungen einsteigt, kann man ja erst Mal ein Friedensangebot machen. "Gutes Tempo," sage ich zu dem schwarzgelockten Jüngling. Der lächelt mich an und sagt: "Spreche kein Deutsch. Spanish or English." Jetzt ist es an mir zu radebrechen und ich wiederhole mein Kompliment auf englisch. Meine kompletten Spanisch-Kenntnisse, die ich mir so um 1970 beim Anschauen von Speedy Gonzales angeeignet habe, also im wesentlichen "Arriba" und "Andale" schenke ich mir lieber. Als Antwort entgegnet mir der junge Mann, dass er auf einer 14-Kilometerrunde ist und eigentlich gar nicht so schnell laufen wollte. Aber dann hat er mich gesehen und die Verfolgung aufgenommen. Ach was! Da kommen sofort Erinnerungen bei mir auf. Genau so war das bei mir früher auch.

Wir kommen ins Plaudern und hecheln dabei mit einer 4:00 bis 4:15 Minuten auf den Kilometer am Landwehrkanal entlang. Der Typ ist wirklich gut. Das letzte Mal, dass ich mit einem Spanier gelaufen bin, und zwar genau zwanzig Zentimeter weit, war als ich beim Hamburg Marathon neben dem späteren Sieger Julio Rey gestartet bin. Dann war er auch schon weg...

Ich merke bereits auf den ersten zwei Kilometern, dass ich den Kürzeren ziehen werde, wenn es hart auf hart kommt, aber das muss ich ja nicht zeigen. Also renne ich mit. Derweilen erzählt mir mein Laufpartner von seinem ersten Marathonstart in diesem Jahr. 2:59 Stunden sagt er mit Stolz in der Stimme. Wer wüsste besser als ich, wie stolz man darauf sein kann! Der Spanier ist Student an der TU und 28 Jahre alt. Er will sich beim Marathon verbessern und im nächsten Jahr vielleicht den Rennsteig laufen. Da ist er bei mir natürlich genau richtig. Während das Tempo noch immer hoch ist, merke ich, dass ich bei meinen Antworten etwas kurzatmig werde. Ich würde mal sagen: 1:0 für Spanien!

Allerdings ist Laufen nicht nur Konditionssache. Schließlich kann man auch noch seine Erfahrung und eine gute Renntaktik in die Waagschale werfen. Ich bleibe also mit dem Fuß auf dem Gas und muss erschreckt feststellen, dass wir mittlerweile durch eine Gegend laufen, die ich noch nie gesehen habe. Wo verdammt noch mal sind wir hier eigentlich? Aber spielt das jetzt eine Rolle? Jetzt, genau in der entscheidenden Phase? Natürlich nicht. Wenn ich jetzt schlapp mache, muss ich Passanten nach dem Weg fragen. Das wäre die Krone der Peinlichkeit...

Ich konzentriere mich und entwickele in Sekundenschnelle einen Schlachtplan. Wir sind am Kanal, da werden wir schon irgendwann wieder bekanntes Terrain erreichen. Diese Sorgen streiche ich schon mal aus meinen Gedanken. Meine Puste reicht bei dem Tempo noch ein paar Kilometer, aber dann wird es eng. So beginne ich meinen freundlichen Mitläufer mit kurzen Fragen zu langen Antworten zu provozieren. Das klappt hervorragend. Während ich mal kurz mit dem Kopf nicke oder ein gehetztes "Yes" oder "No" herausstoße, erzählt er mir lang und breit von seiner Liebe zum Laufen. Das ist in zweierlei Hinsicht wunderbar. Zum einen ist es wirklich interessant und zum zweiten höre ich da plötzlich so ein kleines erschöpftes Schnappatmen zwischen den Sätzen. Da würde ich jetzt doch glatt behaupten: Deutschland - Spanien 1:1. 

Drei Kilometer später muss ich abdrehen. Ehe ich wieder ins Niemandsland laufe und nicht mehr nach Hause finde, verabschiede ich mich von meinem spanischen Freund. Ich reiche ihm die Hand und sage: "It was a pleasure, to meet you." Er lacht und erwidert sehr charmant: "It was a pleasure for me too." Dann trennen wir uns...

Ich muss erst Mal langsam machen. Die letzten Kilometer dackele ich locker nach Hause und wische mir den Schweiß von der Stirn. Puh! Den Tag der Schande konnte ich gerade noch abwenden. Gut, dass es keine Verlängerung gab. Und ganz nebenbei: Es war ein herrliches Erlebnis! Zwei wildfremde Menschen mit gleichen Interessen, die sich noch nie gesehen haben und sich wahrscheinlich nie wieder sehen werden. Die nicht die gleiche Sprache sprechen und nicht der gleichen Generation angehören. Und wo war das Problem? Nirgendwo! So verdammt schön kann das Leben sein...

 

Thomas Knackstedt  

 

PS: Ich hätte gern auch ein paar Bilder zum Blog eingestellt, aber die wurden auf der Meinsportplatz-Website leider rechts und links abgeschnitten. Das machte dann keinen großen Sinn. Auch der Martin konnte mir da nicht weiterhelfen. Schade; aber nicht zu ändern...

 

Kommentare

Hallo lieber Thomas,

danke für den tollen Bericht und Dein Engagement hier auf MSP die Fahne hoch zu halten. Eine Antwort auf so einen tollen Bericht spricht ja Bände.

Liebe Grüße,

EFha

"Viva España" ... schiesst mir da durch den Kopf.

War erst gestern bei ´nem Halb-Marathon zum Fotos schiessen - sehr schnelle natürlich - und habe bei KM 10 gestanden um meine Laufkumpels fotografisch festzuhalten. Als die beiden ersten vorbei kamen, locker (so sah es zumindest aus) schwatzend über den roten Zeit-mess-teppich trabten und dann lange, lange niemand mehr kam, wurde mir mal wieder klar, warum es die 1. und warum es auch eine 3. / 4. und 5. Liga gibt.

Ich gehöre da wohl eher in die letztere. Aber es war einfach schön zu sehen wie die beiden an mir vorbei flogen. 33 min haben sie bis hier hin gebraucht und 1h 11min war dann auch schon alles vorbei.

Nein laufen können die in Spanien auch und das gar nicht mal schlecht.

Was Du da erlebt hast ist einfach Klasse. Und darum beneiden Dich auch viele, sei Dir sicher. Ich musste beim Lesen richtig schmunzeln. Super. Mehr davon.

 

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