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andy67

Antalya 2009 - Wenn Laufleidenschaft beim Lauf nur Leiden schafft

Von andy67 am 10.03.2009

Hallo zusammen,

mein Ergebnis von Antalya habt ihr ja bereits gesehen und braucht deshalb von mir nicht weiter erwähnt zu werden, daher komme ich gleich zum Wichtigsten:
Ich bin angekommen !!!! 

...um alles besser zu erklären, spule ich mal einen Tag zurück:

Am Samstag bis kurz nach der Pastaparty war ich noch richtig gut drauf und war mir sicher einen lockeren Marathon sub 5h (weil ja als Funlauf geplant) zu schaffen.
Was allerdings auf den 500m vom EKZ bis zum Bus mit mir passiert ist, kann ich bis jetzt nicht erklären.
Jedenfalls ging es mir von Minute zu Minute schlechter mit Kreislaufproblemen und im Hotel dann mit Magenproblemen so dass ich es gerade noch rechtzeitig auf die Toilette geschafft habe.  *schock*
Nach einem ausgedehnten Mittagsschlaf und Abendessen mit Spaghetti fühlte ich mich wieder etwas besser, aber absolut nicht fit für einen Marathon und hatte eigentlich schon beschlossen auf den HM umzumelden oder komplett auszusteigen bevor es überhaupt losging.
Trotz aller Bedenken habe ich meine Laufklamotten zusammengepackt und bin morgens mit den Marathonläufern zum Start und wollte mal schauen ob die Ummeldung noch funktioniert - aber 1. habe ich den Helpdesk nicht gesehen obwohl ich mehrmals fast drüber gestolpert sein muss und 2. wäre das wohl auch gar nicht mehr möglich gewesen.
Also habe ich mich bei Sonnenschein und 14° (jetzt noch) zum Start aufgestellt und wollte mal sehen was passiert - fest entschlossen sobald auch nur mehr als kleine Probleme auftreten spätestens bei Km 14 bzw. 32 wo die Strecke am Hotel vorbeiführt auszusteigen.
Mittlerweile fühlte ich mich eigentlich wieder besser und musste bereits mehrere Stunden nicht mehr zur Toilette, sondern jetzt ging nichts mehr und ich kämpfte mit Magendruck.  *grml*
Nach Abspielen der Türkischen Nationalhymne gingen wir dann gemeinsam mit den 10 Km-Läufern an den Start und meine Zeitvorstellung war wg. der zu erwartenden Hitze (gibt es dieses Wort momentan im Deutschen Wortschatz noch  ????) auf 4:54h bzw sub 5h eingestellt und bin dementsprechend verhalten die ersten Kilometer in Zeiten von 6:45 min/km bis 7 min/km gelaufen. Zuerst ging es an der Küste mit nicht vorhandendem Blick auf das schneebedeckte Taurusgebirge entlang und dann ein kurzes Stück durch eine sehenswerte Palmenallee durch Antalya. Nach dem Wendepunkt für die 10 Km-Läufer bei Km 6,6 wurde es dann recht schnell einsam um mich herum und ich wollte so früh am Morgen die Einwohner von Antalya auch nicht durch lautes Getrampel auf den Marathon aufmerksam machen - kurze Anmerkung am Rande zum Interesse der Bevölkerung am Lauf: Wir waren heute in der Altstadt unterwegs und haben uns ganz nett mit einem Verkäufer unterhalten und sind dann eben auch aufs Laufen und den Marathon gekommen und wurden dann gefragt wann denn der Marathon sei ??? - also bin ich gemütlich mit weiter und bei Km 8 habe ich mal versucht den üblen Magendruck loszuwerden, was aber einfach nicht gelungen ist. Na klasse, wenn das so weitergeht, kann das ja heiter werden, dachte ich mir ohne zu ahnen, dass es noch schlimmer werden kann. An der Steilküste entlang mit herrlichem Blick auf das Meer ging es immer wieder leicht bergauf und bergab (ICH finde wie viele andere dieses Profil und gefühlte 30° nicht einfach) Richtung unserem Hotel und zum ersten Mal kam mir kurz der Gedanke den Lauf bereits hier abzubrechen, da sich einfach kein halbwegs normales Lauffeeling enstellen wollte. Hier war dann doch der Ehrgeiz, Stolz oder vielleicht auch die Dummheit stärker und ich beschloss wenigstens bis zur HM-Marke weiterzulaufen um wenigstens diese Zeit zu haben. Ca. bei Km 18 bin ich dann auf eine Läuferin getroffen, die ebenfalls bereits schwer mit allen Widrigkeiten zu kämpfen hatte, die es bei einem Marathon geben kann und wir beschlossen dann wenigstens gemeinsam bis zur HM-Marke oder dem Wendepunkt bei Km 23 zu laufen und dann auszusteigen, wenn wir einen Bus oder ein Taxi sehen.
Hier muss ich kurz anmerken, dass sich die Zuschaueranzahl auf der kompletten Marathonstrecke hochgerechnet auf ziemlich exakt 150 beläuft und davon ca. 60 Streckenposten an den Straßenkreuzungen und der Rest eine Handvoll Hotelgäste.
Also wenn es einem schon echt mies geht, sich dann durch die Leiden einer Mitläuferin die eigenen verdoppeln und die unüberschaubare Zuschauermenge auch nicht viel dazu beiträgt einem das Läuferleben erträglicher zu machen, entwickeln sich schon komische Geschichten.
Nachdem meine Mitläuferin auf der Höhe ihres Hotels und kurz nach der HM-Marke (ohne Zeitmessung) bereits ihre Startnummer abgemacht hatte und wir eigentlich aussteigen wollten, kamen uns immer mehr Läufer entgegen, die uns Mut machten und uns zuriefen, dass der Wendepunkt nur noch einen Kilometer entfernt ist. Also haben wir uns eben diese Marke als neues Ziel gesetzt, und sind Richtung Wendepunkt weiter getrabt, denn anständiges Laufen war gefühlsmäßig bei mir bereits nicht mehr drin aber im Kopf habe ich stur wie man ist, mal hochgerechnet, ob wir theoretisch noch die 6h-Marke schaffen würden, wenn wir den ganzen Rückweg komplett walken? Kurzzeitig war ich jetzt der Meinung dass es nicht mehr zu schaffen ist und ich wollte nur noch zurück zum Hotel. Zwischenzeitlich war es im Schatten bereits deutlich mehr als 20° und auf diese 4spurigen Küstenstraße ist nicht viel mit Schatten, so dass es auf dem Asphalt sicher mehr als 30° waren und ich an den sehr gut ausgestatteten VP immer gleichmal eine Wasserflasche geleert habe und die zweite zur Kühlung mitgenommen habe. Mein Magen hatte sich weiterhin dazu entschlossen in den Generalstreik zu treten und alles was ich oben an Nahrung und Flüssigkeit nachfüllte, wurde nicht weiter zur Energiegewinnung verwertet, sondern legte sich mal eben quer auf die schon vorhandene Masse dort.
Trotz aller Widrigkeiten waren wir, uns eifrig darüber unterhaltend wie wir denn jetzt am Besten zum Stadion kommen, bereits bei Km 28 angekommen und etwas unverhofft kam dann die Ansage meiner Mitläuferin: Weisst Du was ich eben beschlossen habe? - Wir laufen jetzt das Ding zu Ende - Da wir ich allerdings noch nicht so begeistert und wollte nur noch bis Km 32 kommen, wo es links zu unserem Hotel geht.
Schliesslich wurden die Beine ja trotz Schneckentempo auch nicht besser und alles zusammen hatte sich in mir bisher bereits eine Unlust angesammelt, die eigentlich für alle Läufe dieser Welt langen sollte.

Und dann dann ging neben dem mentalen Kampf gegen alle Widrigkeiten auch wirklich der Kampf gegen die rapide zunehmende Müdigkeit und Schlappheit los, da ich jetzt auf diesem ätzend langen Rückweg Richtung Hotel wirklich nicht mehr konnte, obwohl ich vor dem Start und auch an den VP immer genug Wasser getrunken hatte.
Komischerweise konnte ich hier nicht mehr das Walkingtempo meiner Mitkämpferin halten und so gab es ein Hin und Her der Leidenden, was irgendwie soagar wieder etwas motivierend für uns beide war, denn immer wieder war der eine oder die andere ein paar hundert Meter vorne und durch VP oder Gehpausen hat sich das dann immer wieder ausgegleichen und wir mussten zum Teil sogar selber über uns lachen.
Ich muss hier mal noch ein Lob an die Helfer des Runtalya-Teams aussprechen, die uns wirklich total nett unterstützt und motiviert haben.
Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass evtl. sogar noch eine Zeit von unter 5:30h möglich sein könnte und nachdem wir noch eine dritte Leidensgenossin getroffen haben, sind wir zum Entschluss gekommen die letzten Kilometer gemeinsam für diese Ziel zu kämpfen.
Irgendwie schon verrückt wie man sich bei einem Lauf bei dem eigentlich alles schiefläuft an solchen Kleinigkeiten noch motivieren kann weiter zu laufen.
Aber noch war es nicht so und auf den letzten 2 Kilometern ging es immer wieder leicht bergauf und bergab und ich war mir sicher, dass irgendjemand tagsüber diese kleine Steigungen aufgeschüttet hat, da ich diese morgens nicht runtergelaufen war ??
Aber je näher wir dann dem Stadion kamen, desto mehr Läufer kamen uns bereits entgegen und wirklich alle haben uns auf den letzten 800m toll angefeuert.
Am Eingang des Stadions gab es dann zuerst noch eine Betonrampe zu überqueren die gefühlt mindestens doppelt so hoch wie die Chinesische Mauer war und die letzen 250m im Stadion auf der Sandpiste haben mir den körperlich wirklich den Rest gegeben. Trotzdem haben wir es geschafft zu Dritt Hand in Hand durchs Ziel zu laufen und bekamen von den Helfern des Runtalya-Teams einen herzlichen Applaus - Zuschauer waren allerdings auf den Tribünen auch jetzt keine (mehr) zu sehen und der Zielfotograf war wohl auch bereits mit Bier und Raki beschäftigt anstatt auch die letzten Läufer/innen, die nach uns kamen noch abzulichten. Naja das Zielfoto haben wir dann eben selber gemacht und neben der Entäuschun über die Leistung, der Wut über die Dummheit und Fahrlässigkeit nicht gesund an den Start zu gehen ist schon auch ein wenig Stolz dabei mehr als 25 Km Kampf gegen Geist, Körper, Sonne und Wind gemeistert zu haben.

Nach Empfang der Finshermedaille und der Zielverpflegung bin ich dann noch schnell Duschen gegangen und dann sehr schnell mit dem Bus ins Hotel gefahren um mich für die Marathonparty vorzubereiten.

Bilder gibt es immer wieder neue auf meiner Homepage zu sehen.

Inwiefern sich der Start unter diesen Bedingungen auf die geplanten Aktivitäten der nächsten Monate auswirkt, wird sich in den nächsten Tage zeigen.

Momentan geht es mir tagsüber sehr gut, nur nachts könnte es besser sein. Aber wie ihr an der Uhrzeit sehen könnt - MEZ +1h   - ist es hier jetzt doch schon richtig spät geworden.
Ich hoffe, ihr musstet nicht allzusehr mitleiden und Danke für's Lesen

Viele Grüße Andy

Kommentare

Lieber Andi,
zunächst Glückwunsch zu deiner Leistung und dafür, dass Du deinen inneren „Schweinehund“ überwinden konntest! Bei deiner Art über deine persönlichen Erlebnisse und über deine körperliche Situation zu schreiben, wird die Laufveranstaltung Runtalya automatisch negativ in Mitleidenschaft gezogen! Ich beobachte schon seit längerem die Infos über diese Laufveranstaltung und habe bisher fast ausschließlich nur positives darüber gehört bzw. gelesen! Das an der Laufstrecke nicht viele Menschen zu sehen sind, ist denke ich ganz normal, da man dieses Phänomen nur aus Deutschland bzw. Mitteleuropa oder aus den USA kennt! So was auch in der Türkei zu erwarten, wäre glaube ich zuviel verlangt! Aber die Veranstaltung reizt mich auch, wegen wie gesagt, den positiven Feedbacks aber auch wegen des ausser gewöhnlich guten Preis-Leistungsverhältnisses! Wie waren deine Eindrücke zur Organisation, Atmosphäre bei den Läufern, Service, Hotelauswahl, Laufen und Urlaub kombinieren und der Hilfsbereitschaft des Orga-Teams? Wie ist der Runtalya wirklich? Ich möchte nämlich dorthin.

Danke und Sportliche Grüße.   
Guenthi

ich könnte dir ja mal erzählen, wie stark ich mich nach Berlin gefühlt habe- mental...aber mein Körper hat mir dann gnadenlos gezeigt, dass ich zu früh mit richtigem Training angefangen habe.... lass dir Zeit

Hallo zusammen,

ja, jetzt hat mich nach einem erlebnisreichen Aufenthalt in Antalya also auch der Arbeitsalltag wieder. Der Marathon steckt mir noch ganz schön in den Knochen und ich werde diese Woche nur noch ein paar langsame Läufe machen.
Und dann beginnt wenn ich mich richtig erholt habe, bereits die neue Vorbereitung.

Wie ihr seht, bin ich mental schon wieder für neue Ereignisse bereit, nur der Körper muss noch mitspielen.

Gruß Andy

Hallo Andy!

Respekt! Du bist Strongman! (Vielleicht auch ein bisschen bluna, aber trotzdem echt hart) Jetzt erhol dich gut und komm heil nach Hause. Hoffentlich nimmst du trotzdem viele schöne Erinnerungen mit.

Viele Grüße, Christiane

Danke für den ausführlichen Bericht. Hatte bisher immer etwas mit diesem Lauf "geliebäugelt", werde es nach Deinem ehrlichen Bericht vorerst lieber sein lassen.

Respekt vor Deiner Willensleistung! Klasse Bericht! Erhol Dich rasch und gut für unsere nächsten gemeinsamen Läufchen!

Ich meine Charakter :-)

Hallo Andy !

Habe den Bericht mit Begeisterung gelesen und muß wirklich sagen von Comedy bis Fightclub war alles dabei.

Absolute Hochachtung davor das Du tatsächlich ins Ziel gekommen bist.

Die Zeit ist dabei völlig egal. Mensch Andy, das erinnert mich an ROCK 2 als der Bursche sich 15 Runden hat durchprügel lassen zum Schluß Adriaaaaaaaaaaaaan schreit und den WM Titel holt. Also Daumen hoch für diese mentale Höchstleistung. Das muß Dir erst mal einer nachmachen.

Was muß einem eigentlich im Sportlerleben alles passieren ?

Hast wahrscheinlich tags vorher von den leckeren Salaten gegessen.

In der Türkei, Ägypten, Tunesien und all den anderen Ländern kommen die Magenproblem manchmal schneller als Dir lieb ist.

Mit Sicherheit gibt Dir diese Erfahrung sehr viel für die kommenden Wetkämpfe, aber es sagt Dir etwas über Deinen Chrakater.

 

DU GIBST NICHT AUF !!!

 

Gruß Tommy

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