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Das Jubiläum - 35 Jahre Rennsteiglauf - GutsMuths-Gedenklauf - Die Geschichte des grossen Laufes im im romantischen Thüringer Wald - Zwischen Verbot und Förderung - (Teil 4)

Von mspnews am 16.05.2007

Das Jubiläum   35 Jahre Rennsteiglauf   Guts Muths Gedenklauf   Die Geschichte Des Grossen Laufes Im Im Romantischen Thüringer Wald   Zwischen Verbot Und Förderung   (Teil 4)

Als Forscher über den Pädagogen Johann Christoph Friedrich GutsMuths- schlug er vor, den Lauf im Rahmen der "GutsMuths-Gedenkspiele" Ende Mai 1974 in Schnepfenthal zu starten und für die Veranstaltung den Namen "50 Meilen-GutsMuths-Gedenk-auf" zu verwenden

Am 19. Mai feiert der GutsMuths Rennsteiglauf seinen 35. Geburtstag. Über eine lange Lauftradition gilt es zu berichten. Eine Ausstellung über die Geschichte des Rennsteiglaufes ist im Sportmuseum Berlin (AIMS Marathon-Museum of Running) im Berliner Olympiastadion zu besichtigen. Wir werden zu gegebener Zeit darüber berichten.

Der GutsMuths- Rennsteiglauf entstand Mitte der siebziger Jahre als studentensportliche Initiative Bei Orientierungsläufern der Betriebssportgemeinschaft "Lokomotive" Weimar gab es erste Überlegungen zur Entwicklung eines Langstreckenlaufes auf dem Rennsteig. Diese Gruppe zählte zu den Leistungszentren im Orientierungslauf der DDR, und die Übungsleiter waren ständig auf der Suche nach neuen Trainingsmethoden.

Nachdem mehrere der Jugendlichen, die sich in Weimar dem Orientierungslauf, einer in der DDR weithin unbekannten Sportart, verschrieben hatten, ein Studium an der Universität Jena aufnahmen, kam es dort zur Gründung einer Trainingsgruppe bei der Hochschulsportgemeinschaft. Der enge Kontakt zu erfahrenen Sportpädagogen und Medizinern, und die gut ausgestattete Bibliothek des Institutes für Sportwissenschaft verhalf zu neuen Einblicken in die Trainingslehre. Zu den neuen Trainingsmethoden gehörte auch das Laufen langer und überlanger Strecken.

Bei einem Trainingslauf von Blankenhain über den Kötsch nach Weimar wurde zum ersten Mal die Idee ausgesprochen, daß man den Rennsteig in mehreren Etappen ablaufen könnte. Anregung dazu gaben die 1970 bei Eisenach organisierten 1. Weltmeisterschaften im Orientierungslauf. Das Rennsteiggebiet wurde dabei einbezogen. Die Weltmeisterschaften in Thüringen hatten nur wenig neue Impulse zur weiteren Entwicklung dieser naturverbundenen Sportart ausgelöst.
So sollte mit einem Mehrtages- Wettkampf, ähnlich dem Fünftage- Orientierungslauf in Schweden, mit einer, der Friedensfahrt der Radsportler ähnelnder Organisationsform, eine erhöhte Aufmerksamkeit und Anerkennung für diesen schönen Sport erreicht werden.

13. Mai 1973

Der erste Rennsteiglauf fand am 13. Mai 1973 mit vier Teilnehmern statt. Das Ziel war vorher nicht festgelegt worden. Vor allem der psychische Zustand der Läufer sorgte kurz vor Masserberg dafür, daß die absolvierten 100 km von allen Beteiligten als ausreichend empfunden wurden. Überraschend war die Resonanz auf diesen Lauf. Im Ergebnis kleiner Artikel in lokalen Zeitungen, der Jenaer Universitätszeitung und im "tourist", fragten mehrere Sportler an, ob sie sich an so einem Lauf beteiligen könnten.

Nach reiflicher Überlegung beschlossen die vier Gründer im nächsten Jahr Gäste einzuladen. Wie schon bei den vorhergehenden Testläufen, bot die Hochschulsportgemeinschaft der Jenaer Universität, eine Sportgemeinschaft mit 1500 Mitgliedern und wissenschaftlicher Unterstützung durch das Institut für Sportwissenschaft, eine gute Basis dafür. Prof. Dr. Willi Schröder, Sporthistoriker in Jena, wurde der erste Schirmherr.
Als Forscher über den Pädagogen Johann Christoph Friedrich GutsMuths- schlug er vor, den Lauf im Rahmen der "GutsMuths-Gedenkspiele" Ende Mai 1974 in Schnepfenthal zu starten und für die Veranstaltung den Namen "50 Meilen-GutsMuths-Gedenk-auf" zu verwenden. Mit dieser Bezeichnung wurde bewußt an die sportlichen Traditionen der Schnepfenthaler Erziehungsanstalt angeknüpft, an der GutsMuths von 1785 bis 1839 unter anderem als Gymnastiklehrer wirkte und wo der Laufen längerer Strecken auf dem Rennsteig nachgewiesen werden konnte (SCHRÖDER 1996, 73).

Zwölf Läufer

Zwölf Läufer gingen an den Start und acht erreichten das Ziel. Neben den Jenensern waren diesmal Sportler aus Karl-Marx-Stadt und Leipzig dabei.
Der erste Schritt zur Organisation des dritten Rennsteiglaufes 1975 wurde bereits wenige Wochen danach vollzogen. Es gelang, über die Fachgruppe Orientierungslauf beim Präsidium für Hoch- und Fachschulsport, daß der 50 Meilen-GutsMuths-Gedenklauf in dem zentralen Terminkalender des Studentensports aufgenommen wurde. Die Ausschreibung besagte als Zugangsvoraussetzung, daß man Student, Studentin oder zumindest Angehöriger einer Hoch- oder Fachschule der DDR sein mußte.
Ausdauerläufer von Sportgemeinschaften der DDR konnten in einer offenen Wertung teilnehmen. 20- 30 Teilnehmer waren geplant. Eine erste Anmeldung der Kommission Straßenlauf des Deutschen Verbandes für Leichtathletik enthielt bereits 36 Namen von Interessenten.
Da die Ausschreibung auch im "tourist" erschienen war, häuften sich die Anfragen von Wanderern, Bergsteigern und Orientierungsläufern aus der gesamten DDR. Neue Organisationsformen, mit fest aufgebauten Versorgungsstationen an der fast 100 km langen Strecke wurden erforderlich, da die verfügbaren Helfer der Hochschulsportgemeinschaft und des Institutes für Sportwissenschaft trotz hohem Engagements bei der Lösung der immer umfangreicher werdenden Aufgaben nicht mehr ausreichten. Die Suche nach Mitstreitern entlang des Rennsteiges wurde aufgenommen, und mit einem Orientierungsläufer der jahrelang mit den Gründern des Rennsteiglaufes in Weimar trainiert hatte, ein wichtiger Partner gefunden. Er gewann acht Sportgemeinschaften und den DTSB Kreisvorstand Neuhaus als Helfer.

Als Voraussetzung für die Mitarbeit verlangte er aber; "daß der Aufwand nicht wegen einer Handvoll Teilnehmer erfolgt."
Die Pressearbeit wurde deshalb besonders in Thüringen verstärkt. Einigen überregionalen Zeitungen, wie dem Deutsches Sportecho und der Jungen Welt wurde sogar die Schirmherrschaft angeboten, was aber ohne Reaktion blieb. Dem Sportredakteur der Thüringer Neuesten Nachrichten der in Jena wohnte, gelang es, seine Zeitung zur Übernahme der Schirmherrschaft zu überreden.
Sie stiftete den Pokal für den Gesamtsieger.

Uni Jena mit der Gesamtleitung

Während die technischen Vorbereitungen durch Sportgemeinschaften im Thüringer Wald übernommen wurden, blieb die Gesamtleitung bei der Universität in Jena.
Die Lehrer und die Schüler der Salzmann-Oberschule in Schnepfenthal beteiligten sich an der Organisation des Meldebüros, der Versorgung vor dem Lauf und der Unterbringung der Starter bis 24.00 Uhr. Das gesamte Schulgebäude stand zur Verfügung. Nach dem Modell des 100 km- Laufes von Biel war der Start des dritten Rennsteiglaufes in der Nacht um 1.00 Uhr vorgesehen. Bis 24.00 Uhr mußten im Meldebüro noch Nach- und Ummeldungen bearbeitet werden, bevor die Jenaer Organisatoren, von denen 16 selber auf die lange Strecke gingen, an ihre eigenen Startvorbereitungen denken konnte.
Die übrigen Helfer fuhren direkt nach Neuhaus zur Übernahme von Aufgaben im Ziel. Insgesamt 974 Männer und Frauen, von denen 813 das Ziel in Neuhaus erreichten, liefen oder wanderten auf zwei Strecken. Für die Frauen war am frühen Morgen eine eigene Strecke über 38 km an der Jugendherberge am Bahnhof Rennsteig bei Schmiedefeld gestartet worden.

Zwei Startklassen waren ausgeschrieben: die Startklasse A, hier konnten sich alle Aktiven einordnen, die eine gute Zeit anstrebten und die Startklasse B, für Läufer und Wanderer die nur in der Limitzeit bis 20.00 Uhr ins Ziel kommen wollten . Den höchsten Stellenwert hatten die 4er-Mannschaften, die wie beim ersten Rennsteiglauf die vier Gründer, gemeinsam die Strecke durchliefen. Nach dieser Mannschaftswertung folgte dann die Studentenwertung, in deren Klasse A kein geringerer als der Olympiasieger im 50km- Gehen, Christoph Höhne, siegte.

1500 Meldungen

Bei der vierten Auflage des Rennsteiglaufes, der schon 1500 Meldungen zählen konnte gaben die Jenaer Organisato-ren die Gesamtleitung an die SG Beerberg Goldlauter ab. Hintergründe waren vor allem, daß die Entfernung von Jena zum Rennsteig zunehmende Organisationsschwierigkeiten mit sich brachten und daß das für die Universität zuständige Ministerium eine weitere Unterstützung ablehnte.

In einer erst nach der Wende von Prof. Dr. Austermühle aus Halle in den Archiven des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen gefundenen Aktennotiz kann man die Position der DDR-Sportführung zum GutsMuths- Gedenklauf nachlesen. Dr. Fiedler (Stellvertretender Minister) schreibt an seinen Chef: „Nach Rücksprache mit dem Vizepräsidenten des DTSB der DDR, der seinerseits Gen. Manfred Ewald konsultierte, ergibt sich, daß eine zentrale Gedenklaufveranstaltung nicht akzeptiert wird. (Keine sportpolitische, sportliche oder sportmedizinische Notwendigkeit).“
Diese Aussage betraf eine Anfrage der Rennsteiglauforganisatoren 1975, in der die Übernahme des Rennsteiglaufes durch den DTSB-Bundesvorstand angeregt wurde.
Bis zu seinem Abtreten 1988 setzte der DTSB- Chef Manfred Ewald konsequent seine Nichtanerkennungspolitik gegenüber dem Rennsteiglauf fort. So waren z. B. alle internationalen Kontakte untersagt. Ausländer hatten nur Startrecht, wenn sie in der DDR eine Arbeitserlaubnis hatten. Selbst die „befreundeten“ Sportler aus der CSSR, Ungarn und anderen sozialistischen Ländern durften offiziell nicht starten.

Werner Sonntag aus dem "Westen"

Immer wieder gelang es aber Läufern, auch aus der BRD, über Verwandte illegal teilzunehmen. Bereits Anfang der achtziger Jahre war der Journalist Werner Sonntag aus dem „Westen“ „illegal“ beim Rennsteiglauf dabei und schrieb auch einen umfangreichen Artikel in der Fachzeitschrift Spiridon Dies ging nur unter falschem Namen, da alle Startunterlagen über die Personenkennzahl des Personalausweises geprüft wurden. Gelang es Sportlern diese Hürde zu umgehen, so durften sie dann nicht zu schnell laufen, da es spätestens bei der Siegerehrung den Informanten des MFS aufgefallen wäre, wenn bis dahin unbekannte Sportler auf dem Siegerpodest erschienen.

IMs

Aus bisher gefundenen Unterlagen in den Archiven der Bundesanstalt für Stasi Unterlagen ergibt sich, daß im Organisationskomitee des Rennsteiglaufes mehrere IM tätig waren, bis auf einen aber keiner Berichte über den Rennsteiglauf geliefert haben. Einen Vorgang, wie er sonst von jeder Spartakiade, internationalen Wettkampf oder ähnlicher Sportveranstaltung von der Staatssicherheit angelegt wurde, konnte Rennsteiglauf bis heute nicht gefunden werden. Die wenigen Berichte, die vorliegen beziehen sich fast ausschließlich auf „Westkontakte“.
Mit diesem Thema wurde bereits 1975 der Gesamtleiter des Rennsteiglaufes konfrontiert, als er zu seinen dienstlichen Vorgesetzten gerufen und darauf aufmerksam gemacht wurde, daß eine Verbindung zu den Organisatoren des 100 km- Laufes von Biel (Schweiz) nicht erwünscht seien. Erst einige Tage später fand er dann in seiner Privatpost einen ungeöffneten Brief aus der Schweiz, indem die Jenaer Rennsteiglaufenthusiasten zum damals berühmtesten 100 km Lauf in die Schweiz eingeladen wurden.

Jahre später mußte dann eine Pressesprecherin aus dem Organisationskomitee ausscheiden, weil sie einen „Westbesucher“ mit zur Rennsteiglaufabschlußfeier gebracht hatte. Ein Suhler Läufer mußte vor seinem Betriebsleiter Rede und Antwort stehen, weil er seine Startunterlagen an seinen Bruder aus dem Westen weitergegeben hatte und dieser in der Altersklassenwertung bis auf Platz 3 lief.

Der Meldechef des Rennsteiglaufes Andreas Kilian, der 1987 und 1988 illegal einzelne Starts von Bundesdeutschen Lauffreunden arrangierte, wurde sogar fast eine Woche lang von einer ganzen Gruppe von Stasimitarbeitern beschattet. Ein West-Läufer, der auf diesem Weg teilgenommen hatte wurde kurz vor seiner Heimreise von Stasimitarbeitern zu einem Gespräch gebeten und zur Arbeit für das MFS aufgefordert.
Andererseits nahmen Hunderte offizielle Mitarbeiter dieses Überwachungsapparates als „normale“ Läufer, gemeldet unter Dynamo Mitte (z. B. aus Gera) oder Wachregiment o.ä. am Rennsteiglauf teil.
Die Tatsache, daß der Start zur kurzen Strecke nur 5 km vom Grenzgebiet entfernt stattfand und von den 6-7000 Teilnehmern eine große Anzahl mit der Eisenbahn durch das Sperrgebiet im Raum Probstzella- Gräfenthal anreiste, spielte in der Organisation nie eine Rolle.

Mit Duldung

Viele Entwicklungen des Rennsteiglaufes waren aber nur mit Duldung oder sogar Förderung von Funktionären aus der Partei, den Staatsapparat oder den Kombinaten möglich. Am Beispiel der Herstellung des Ergebnisheftes kann man die verschlungenen Wege erkennen, die teilweise gegangen wurden.
Durch neue Bestimmungen zu Druckerzeugnissen war das Ergebnisheft des Jahres 1978 akut gefährdet. Für jedes Druckerzeugnis, egal wie umfangreich, wurde eine Druckgenehmigungsnummer benötigt, die der Druckerei das nötige Papierkontingent zuwies. Ohne diesen Stempel ging nichts. Erteilt wurde der Stempel durch den Rat des Bezirkes.

Bezirkspapier

Der Bezirk Suhl lehnte es ab, den Stempel auf die Manuskripte des Rennsteiglauf-Ergebnisheftes zu drücken und damit "Bezirkspapier" für Läufer aus anderen Bezirken der DDR freizugeben. Der Parteichef der Wismut, ZK-Mitglied und Rennsteigläufer sicherte dem Gesamtleiter den Druck des 78er Ergebnisheftes zu. Für 1979 wurden dann noch Leipziger Rennsteigläufer einbezogen. Da die Kreisleitungen der SED über einen Druckgenehmigungstempel verfügten, um ihr Parteipropagandamaterial drucken zu können, und unter den Teilnehmern befand sich Leipziger ersten Kreissekretär und sein Mitarbeiter für Sport am Rennsteiglauf teilnahmen, waren diese bereit, in parteizugehörigen Druckereien das Ergebnisheft herstellen zu lassen

Ähnliche Wege wurden bei der Beschaffung von eigenen Urkunden, Teilnehmerabzeichen, Souvenirs und vielen anderen in der DDR- Mangelwirtschaft kontingentierten Erzeugnissen gegangen. Für die Entwicklung eines eigenen Zeitmesssytems wurde sogar in Kombinat Robotron Zella-Mehlis mehrere Mitarbeiter ganzjährig mit Rennsteiglaufthemen beauftragt.

Dr. H.-G. Kremer

http://www.rennsteiglauf.de
www.usvjena.de
www.sport-geschichte-jena.de

Der USV baut eine Dreifelderhalle!
Wer helfen will kann spenden oder sich als Stifter eintragen.
Anfragen an
hans-georg.kremer@uni-jena.de:
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