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Prof. Dr. Detlef Kuhlmann stellt Klassiker der Laufliteratur vor

Von mspnews am 04.08.2007

Prof. Dr. Detlef Kuhlmann Stellt Klassiker Der Laufliteratur Vor

Diese Serie wird in den nächsten Wochen in insgesamt acht Folgen erscheinen

Die in dieser Serie vorgestellten Bücher haben mindestens zweierlei gemeinsam: Sie handeln alle vom Laufen, und sie stammen alle aus dem letzten Jahrhundert. Einzig deswegen sind sie hier als „Klassiker“ tituliert worden. Ob dieses Prädikat wirklich gerechtfertigt ist, selbst entscheiden, und zwar entweder gleich nach der Lektüre der Rezension unseres „Vorlesers“ Detlef Kuhlmann oder spätestens nach eingehender Lektüre des gesamten Buches.

Herbert Bauch/Michael Birkmann (Hrsg.):
" ... ja, wo laufen sie denn?" Die besten Geschichten vom Laufen, Rennen und Joggen.
Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag 1998. 320 S.


Wer liest nicht ab und zu mal ganz gern Bücher über das Laufen: Abgesehen von den unzähligen trainingsorientierten und ratgebenden Werken hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten parallel dazu ein ebenfalls differenzierter und in gleicher Weise expandierender Buchmarkt etabliert, der das Etikett "literarisch" im weitesten Sinne verdient.
Das gilt auch und ganz speziell für den Sammelband, der im folgenden kurz vorgestellt werden soll - mehr noch: Wer im Untertitel sogar "Die besten Geschichten vom Laufen, Rennen und Joggen" ankündigt, der muss echt etwas ganz besonderes zu bieten haben, zumal wenn im hinteren Klappentext die Texte auch noch als "die schönsten Geschichten vom ..." ausgelobt werden.
Ganz konkret: Das handliche Taschenbuch vereint insgesamt 30 Geschichten vom Laufen und Rennen, weniger allerdings vom Joggen, die in zehn Kapiteln gebündelt sind mit Überschriften wie z.B.: "Der Sieg ist nicht alles", "Sieg um jeden Preis" oder "Frauen am Start" und "Der Kopf läuft mit".
Wer sich durch solche headlines noch nicht gleich angesprochen fühlt, dem sagen vielleicht Autorennamen mehr wie z.B.: die Brüder Grimm, Siegfried Lenz, Ödön von Horváth oder Arno Surminski; mit Fanny Lewald (1811 - 1889) ist sogar auch eine (aber eben nur eine einzige!) Frau dabei.

Noch einmal zurück zu den Superlativen, mit den denen diese Anthologie präsentiert wird: Nimmt man sie wirklich ernst und wörtlich, dann sollten eigentlich irgendwo im Buch auch die Kriterien benannt werden, nach denen diese "besten" und "schönsten" Geschichten ermittelt wurden: Haben hier etwa Literaturwissenschaftler als Experten mitgewirkt? Oder ist der Ted irgendwo mitgelaufen?
Im Buch selbst erfahren wir dazu nur noch, daß es sich zugleich um "spannende und tragische Geschichten" sowie "vor allem um unbekannte" handelt. Daraus lässt sich schließen: Die besten Geschichten könnten zugleich auch die spannendsten und tragischsten sein, und schön und unbekannt sind sie obendrein auch. Eine solche Verstrickung nimmt selbst tragische Züge an, denn sie erklärt die Auswahl der Texte immer noch nicht hinreichend ...

Die beiden Herausgeber, der eine (Herbert Bauch) arbeitet als Stadtarchivar im hessischen Langen, der andere ist Lehrer für Mathematik und Physik in Bremen, haben ihrer Anthologie eine 15-seitige Einleitung vorangestellt, in der sie einen lesenswerten kulturhistorischen Abriss über den (post-) modernen Sport geben, darüber hinaus die ausgewählten Textbeiträge knapp kommentieren und die Zielsetzung ihrer Publikation ein wenig erläutern - demnach ist es u. a. ihr Anliegen gewesen, Texte vorzulegen "von der Antike bis heute, die uns einfach gefallen haben und von den wir hoffen, dass sie auch unsere Leserinnen und Leser interessieren und amüsieren mögen".
Das klingt aufrichtig und einladend zugleich. Jeder sollte, wenn er denn möchte, seinen persönlichen Zugang zu dieser Sammlung finden. Vielleicht können meine eigenen Leseeindrücke dazu noch ein wenig beitragen - doch muss man vorab auch wissen:

Neun der 30 Texte stammen aus dem 18. Jahrhundert, die beiden von Herodot ("Pan rief Philippides") und Homer ("Reingefallen") sind sogar noch einige Jahrhunderte älter; von den 19 neuzeitlichen sind sieben nach 1990 entstanden. Zirka ein Drittel der Texte sind zum Teil sogar mehrfach in anderen Anthologien erschienen:
"Der Läufer" von Siegfried Lenz dürfte so unbekannt mittlerweile wohl nicht mehr sein, wenngleich es immer wieder "schön" sein mag, sich von dieser spannenden Tribünen-Reportage über Fred Holten im letzten 5000-Wettkampf seiner ruhmreichen Karriere beim Länderkampf fesseln zu lassen.
Mit kurzen Auszügen sind dagegen Dieter Baumann ("Ich laufe keinem hinterher", Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch 1995), Günter Herburger ("Lauf und Wahn", München: Luchterhand 1990) und Daniel de Roulet ("Die blaue Linie", Zürich: Limmat Verlag 1996) vertreten. Hier lautet jedoch meine Empfehlung:
Diese Bücher muss man ganz lesen, durch die Ausschnitte kann man sich allenfalls Appetit holen ...

In der Einleitung versuchen die beiden Herausgeber (ob das Laufen auch zu ihren sportlichen Aktivitäten zählt, wird leider nicht verraten!) ihr Unternehmen auch damit zu begründen, dass das Laufen ihrer Ansicht nach verstärkt Eingang in die Literatur gefunden habe und nun Platz für eine Anthologie da zu sein scheint, die sich ausschließlich mit dem Laufen beschäftigt. Dabei übersehen sie allerdings, dass es längst mehrere wegweisende "Vorläufer"-Anthologien gibt, auf die (warum eigentlich?) nicht mit einer Zeile eingegangen wird, geschweige denn, dass daraus Texte übernommen worden sind:
Warum haben die Herausgeber beispielsweise nicht auf Manfred Steffnys Sammlung mit "Lauf-Lyrik" (Hilden: Spiridon-Verlags GmbH 1985) zurückgegriffen, warum ist nicht der "Lauf-Literatur-Papst" Werner Sonntag ("Laufende Vorgänge", Ostfildern: Verlag Laufen und Leben 1996) vertreten?

Zum Schluss: Das Buch trägt den Titel " ... ja, wo laufen sie denn?" Dieses schon fast sprichwörtliche Motto bleibt als Titel des Buches irgendwie ziemlich leer. Vielleicht hätte Loriot persönlich als Autor ein paar "schöne" Zeilen beisteuern können. Auch das noch: Der Band wurde einst im Handel relativ preisgünstig für DM 17,90 angeboten.
Ich habe das Buch später in einem Berliner Büchershop draußen auf einem Tisch mit reduzierter Ware für DM 4,95 entdeckt - ja, wo kaufen sie denn?

Franz Böni: Der Johanniterlauf. Fragment.
Frankfurt/Main: Suhrkamp 1984. 81 S.


Der Johanniterlauf ist kein gewöhnlicher Volkslauf wie der Rennsteig oder der Böhmweg oder die Cityläufe in Dresden, Darmstadt oder anderswo. Am Tag des Johanniterlaufes waren alle Dorfbewohner auf den Beinen, entweder bei den Verkaufsbuden oder draußen auf dem Sportplatz, wo der Vorlauf bereits stattfand. So beginnt der Schweizer Autor Franz Böni (Jahrgang 1952) sein läuferisches Erzählfragment, und er lässt uns zudem gleich wissen, dass seine Hauptfigur Franz Kramer (eine autobiographische Nähe ist nicht zu leugnen!) sich ganz gut in Form fühlt und dass auf dem Waldboden sein Stärke liegt, „denn dort konnte er sich an den starken Wurzelsträngen mit den nackten Füßen abstoßen und gleichsam sprunghaft an Tempo gewinnen“.

Beim Johanniterlauf geht es um eine Art Mannschaftslauf, unterteilt nach Altersgruppen. In der Jugendklasse von Franz Kramer sind ein Dutzend Vierergruppen am Start, von denen diejenige gewinnt, die am Ende als erste zu viert durchs Ziel kommt. Genau dies wird dem Laufteam von Kramer gelingen. Soviel verrät uns nämlich schon der hintere Klappentext des Buches: „Er konzentrierte sich gar nicht auf den Kampf, unterließ jede Vorsichtsmaßnahme, vertiefte sich in ein schönes Bild. Er hatte ganz einfach Glück; am Abend war er guter Laune“. Und dieses Glück heißt Maya, eines von jenen zahlreichen Mädchen, die längs der Laufstrecke stehen und die mageren weißen Körper der Läufer auf ihre versteckten erotischen Spuren überprüfen.
Franz Kramer hat eben Glück... späterer Körperkontakt nicht ausgeschlossen!

Alejandro Gandára: Die Mittelstrecke. Roman.
Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991. 252 S.


Ich zögere immer noch, mich endgültig festzulegen, an wen mich dieses Buch am meisten erinnert hat - an Bert Bucher, den erfolgreichen, aber alternden Langstreckenläufer, den Siegfried Lenz in seinem Roman "Brot und Spiele" auf die Bahn schickt, oder an Colin Smith und die Einsamkeit des Langstreckenläufers, von der Alan Sillitoe in seiner gleichnamigen Erzählung schreibt.
Nein, die Mittelstrecke des 1957 geborenen Spaniers Alejandro Gandára (Gründer und Direktor eines Literaturinstituts in Madrid) ist doch ganz anders: Seine Mittelstrecke hört schon bei 800 Metern auf - auf den letzten Zeilen des Romans lesen wir dann: "Der zweite Atem. Für den Rest des Lebens! Erst die Hälfte aller Distanzen liegt hinter uns. Das war nicht der Friedhof. Das war es nicht. Für uns nicht".

Die Mittelstrecke ist kein Sportroman, vielleicht wird uns deshalb der Rest, das Ende, der Ausgang des Rennens auf der Mitte vorenthalten. Es ist eher schon ein Entwicklungsroman des jungen Nachwuchsläufers Carro, genauer ist es die Chronik seiner Krisen, jedenfalls spaltet der Autor seinen Text in die von ihm sog. "Krisen", immerhin 16 an der Zahl, bis wir demnach auf der Mitte angekommen sind.
Bis dahin hat er berichtet über die schwere Gelbsucht und das grässliche Fieber, die Suche nach Teresa ("sie ist hübsch"), seinen trinkenden Vater und von den Volksläufen, an denen er mitunter sehr erfolgreich teilnimmt in der Altersklasse der Junioren, darunter der XXX. Volkslauf von Salamanca: Ist in Spanien die Volkslaufbewegung etwa soviel älter als bei uns?
Und zwischendurch erfahren wir immer wieder Lauf- und Lebensweisheiten - wie wäre es zum Beispiel mit dieser:
"Das wichtigste ist der Plan, das Ziel. Entweder es gibt ein Ziel, oder es gibt keins. Wie einfach das ist" (49).

Reinhold Dietrich: Nach innen laufen. Über die Innenseite des Laufens.
Salzburg: Eigenverlag 1993. 200 S.


Die Buchüberschrift lässt ein lauftherapeutisches Programm erwarten. Wer diese Dimension des Laufens in vollen Zügen genießen will, muss sich schon vorab selbst auf die Texte einlassen. Im Rahmen dieser kleinen Präsentation könnte es höchstens gelingen, ein paar Appetithäppchen zu reichen. Am besten eignen sich dazu Dietrichs Aphorismen, die er zwischendurch immer mal wieder einstreut - wie wäre es mit:
"Wie man läuft, so lebt man!" oder: "Wie gut jemand läuft, sieht man am Ausdruck seines Gesichts!" oder: "Lebenslauf: Nimm die Erfahrungen dieses Laufes als Analogie für dein Leben!"
Um nicht falsch verstanden zu werden: Das Buch besteht keineswegs nur aus solchen Sinnsprüchen - vielmehr trifft zu: Dietrich bietet uns verschiedenste Textfolien aus seiner Art Lauftagebuch, die uns allesamt helfen sollen, den (nein: unseren eigenen) Weg nach innen zu betreten, (besser wohl:) zu belaufen.

Selbst Interviews mit der ehemaligen österreichischen Marathonmeisterin Monika Naskau, dem 100-km-Läufer Aleksander Stojadinovic und dem laufenden Psychotherapeuten Waldefried Pechtl sind vor diesem Hintergrund zu lesen. Und wem dies alles noch nicht reicht, für den bleibt schließlich dann zum Schluss noch das Kapitel 9 mit dem Titel "Es gibt einen Trance-Lauf". Dabei bin ich selbst - auch ohne beim Aufschlagen der Seiten zu laufen - in einen Trancezustand geraten, denn - welch trance-inszenierende Überraschung - zu diesem Abschnitt gibt es keinen Text.
Wir müssen uns erst selbst in einen Trancerausch laufen, um diese Seiten lesen zu können …

Jürgen Haase: Hindernislauf.
Berlin/Bonn: Westkreuz-Verlag 1991. 230 S.


Titel und Autor wecken Interesse, legen bei manchem vielleicht sogar Erinnerungen frei, und ich zögere immer noch, wie ich dieses Buch eigentlich ankündigen soll. Der Hindernislauf zählt schließlich zu den ausgewiesenen leichtathletischen Laufdisziplinen.
Aber: Um einen solchen Hindernislauf geht es in diesem Taschenbuch am wenigsten, höchstens im übertragenen Sinn. Dies sogar reichlich und fast durchgängig, wie uns der Untertitel avisiert: "Meine Studienjahre in der Ex-DDR".
Der Jung-Autor Jürgen Haase - nein, nein, nicht der einst republikflüchtige Mittelstreckler - berichtet autobiografisch über seine Lebenszeit vom Studenten der Stomatologie (so nennt er jedenfalls selbst dieses Studienfach) bis zum vorläufigen Ende als "Facharzt für allgemeine Stomatologie". Insofern ist das Buch ein biografischer Entwicklungs-Report - eben ein Hindernislauf - doch welches das letzte Hindernis ist und ob Jürgen Haase es jemals bewältigt haben wird, bleibt am Ende offen.

Als Wessi-Leser hat mich die Lektüre des Buches an vielen Stellen betroffen gemacht, abgesehen davon habe ich etliche Wortschöpfungen entdeckt, die ich so noch nicht kannte - das ist wohl typische DDR-Terminologie gewesen: Da ist nämlich die Rede vom Lügenverbreiter im Abwasserkanal, von Mitarbeitern der Firma "Horch & Guck", vom Büttenredner bei der Roten Woche und dann wird auch noch Edelobst verzehrt und DDR-Schach gespielt...
Ach so: Vom Laufen handelt das Buch natürlich auch, zwischendurch erfahren wir nämlich, dass sich Haase ("Sport frei"!) dem Langstreckenlauf verschrieben hat und sich tatsächlich auf den Rennsteiglauf vorbereitet. Ob er jedoch selbst diese Hürde erfolgreich gemeistert hat, steht nirgendwo - dafür lautet das Motto:  "Laufen lernen heißt auch hinfallen können" (75).




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