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Prof. Dr. Detlef Kuhlmann stellt Klassiker der Laufliteratur vor

Von mspnews am 13.08.2007

Lesen Sie sich lauffit und wissend! - Folge 2

Die in dieser Serie vorgestellten Bücher haben mindestens zweierlei gemeinsam: Sie handeln alle vom Laufen, und sie stammen alle aus dem letzten Jahrhundert. Einzig deswegen sind sie hier als „Klassiker“ tituliert worden. Ob dieses Prädikat wirklich gerechtfertigt ist, sollten Sie, verehrte Leserinnen und Leser, dieser Rubik auf der Internetseite von GRR selbst entscheiden, und zwar entweder gleich nach der Lektüre der Rezension unseres „Vorlesers“ Detlef Kuhlmann oder spätestens nach eingehender Lektüre des gesamten Buches.

Joschka Fischer: Mein langer Lauf zu mir selbst.
Köln 1999: Verlag Kiepenheuer & Witsch.
175 S.


Jeder Spitzenpolitiker hat mittlerweile sein Buch. Helmut hat seins, Walter hat seins, Oskar hat seins - jetzt also auch Joschka! Das ist so gesehen eigentlich nichts besonders. Oder doch?
Während uns die Politiker gewöhn-lich immer nur Entwürfe ihres persönlichen politischen Programms oder Bilanzierungen ihrer zu Ende gehenden Polit-Karriere offerieren, präsentiert Joschka Fischer mit seinem langen Lauf zu sich selbst erstmals die Ursachen und die Wirkungen einer "tiefgreifenden Veränderung des persönlichen Programms", wie es an einer Stelle im Buch wörtlich heißt.
Der Bundesaußenminister hat - welch überraschende Wende - just im Jahr seines 50. Geburtstages das Laufen (wieder-) entdeckt und fortan in seinen Alltag integriert. Der schmale Band mit seinen sieben Kapiteln ist demnach - ganz wie man will - einerseits ein lauf-politisches Bekenntnis und andererseits eine lauf-missionarische Predigt.
Zu allererst ist das Buch jedoch eine lauf-biografische Chronik des J.F.

Fischers langer Lauf beginnt als Bilanz eines Missvergnügens. Seine 112-Kilogramm Lebendgewicht setzen sich zusammen aus den vielen Eiern mit Bratkartoffeln zum morgendlichen Frühstück, den Currywürsten mit Pommes zwischendurch und den ausgedehnten Menüs einer Grand Cuisine mit reichlich Rotem am Abend, bis die Stunde der Entscheidung naht. Abkehr und Umkehr sind jetzt angesagt. Der Leser befindet sich derweil auf Seite 57 des Buches, wo die Devise "radikale Ernährungsumstellung und Sport, Sport, Sport" lautet. Joschka Fischer beginnt mit dem regelmäßigen Laufen, obwohl ihm bis dato diese ganze Joggerei ziemlich suspekt gewesen ist. Dem politischen Tagesgeschäft ist das tägliche Laufen zeitlich vorgeordnet. Am frühen Morgen startet er und läuft am Rheinufer entlang über die Südbrücke, zum Wasserwerk, nach Plittersdorf, zur Fähre Mehlem, bis zum Hotel Dreeßen - alles öde Bonner Orte, die Fischer längst in Berlin durch Spalierrouten im Tiergarten, durchs Hansa Viertel, am Spreeufer oder Unter den Linden ersetzt hat.

Warum hat Joschka Fischer überhaupt dieses außergewöhnliche Buch geschrieben? Die Antwort scheint klar, fernab von jeder grünen Wählergunst: Es ist nicht in erster Linie ein persönliches Programm zum Nachdenken, sondern eher wohl ein Programm zum Nachmachen. Das Buch macht Mut, am meisten wohl denen, die auf der Schwelle stehen, ihr persönliches Programm verändern zu wollen. Sie erhalten durch die Lektüre Entscheidungssicherheit: "Das wirkliche Geheimnis meines Erfolges war das Auswechseln und völlige Neuschreiben meiner persönlichen Programmdiskette". Alles ist im Grunde ganz einfach: Man muss nur den Mut haben, an den Start zu gehen zu einem Lauf zu sich selbst. Wie lang dieser Lauf dann ist, entscheidet jeder selbst. Fischers selbst gesteckte Maxime können dabei helfen. Seine vier Tugenden lauten: Entschlossenheit, Durchhaltevermögen, Realismus und Geduld.
Aus diesen hat er für sich drei Grundsätze abgeleitet: Belüge dich niemals selbst! Meide immer deine Leistungsspitze! Und: Gib niemals auf!

Fischer hat bis jetzt nicht aufgegeben - mehr noch: Er bastelt kontinuierlich weiter an seiner Laufkarriere. Wohlgemerkt: zurzeit in der Altersklasse "M 50"! Im April 1998, bis dahin immerhin um 40 Kilogramm leichter geworden, absolvierte er seinen ersten Marathonlauf über 42,195 Km in Hamburg, im November 1999 ging er in New York über die gleiche Distanz an den Start und in diesem Jahr war er beim Berlin-Marathon dabei.
Bei allen Läufen an seiner Seite ist Herbert Steffny, einer der erfahrensten und erfolg-reichsten Marathonläufer Deutschlands in den 1980er Jahren, der im Buch ein Nachwort geschrieben hat, in dem er Joschka Fischer als Protagonisten einer neuen "sanften Laufbewegung" charakterisiert, bei der es nicht mehr so sehr um Tempobolzen und um ständige Bestzeitverbesserungen geht, sondern um die Erhöhung von Lebensqualität durch genießendes Ausdauerlaufen. Insofern ist Joschka Fischer nach seinem langen Lauf zu sich selbst angekommen - angekommen als "Laufgourmet".
Wer wollte da nicht mit genießen?

Kurt Hahn: 60 Marathon-Strecken hat eine Stunde.
Hamburg: Jahn und Ernst Verlag 1992.
257 S.


Wer nur den Titel dieses Buches lest, glaubt im ersten Moment an einen schweren grammatikalischen Verstoß - in Wirklichkeit steht jedoch dahinter eine Idee, die der Autor gleich im Vorwort preisgibt: "Beim Ziel-60-Marathonlauf sind im Laufe eines Lebens - im Idealfall auf 60 verschiedenen Strecken - 60 Marathonläufe zu absolvieren, bei denen innerhalb von 60 Minuten in jeder Minute eine Zielankunft erfolgt sein muss".
Er selbst hält die Idee sogar für ziemlich verrückt, aber alle Marathonläufer sind wohl ziemlich verrückt! Und so wird seine Idee zugleich ein Konzept mit Korsett, "weil man damit ein langfristiges Lebensziel hat, mit dem man sich viele Jahre beschäftigen kann". Die Sinnfrage scheint also geklärt! Bis zur Drucklegung des Buches im Jahre 1992 hat es der Autor selbst auf 34 der von ihm so zeitlich ausgewiesenen Läufe gebracht (in der Zeitspanne von 2:59 im Jahre 1984 in Kiel bis zu 3:58 drei Jahre zuvor in Berlin).
In den Texten des Buches selbst geht es - wie könnte es anders sein - natürlich um diese Marathonläufe, alle sind chronologisch nachgezeichnet im Stil einer Erlebniserzählung und mit vielen Autorenfotos ausgestattet. Kurt Hahn lädt uns so gesehen zur Lektüre seiner persönlichen Marathonchronik ein - eine Art Streckenprotokoll aus Frankfurt, Essen, New York, Prag, Bertlich, Leipzig und anderswo. Alle Geschichten enden schließlich auf der Ziellinie oder kurz dahinter: "Ich schaute einigen Läufern in die Augen. Ohne Worte verstand man sich. Blicke, in denen alles drin lag: Erschöpfung, Wissen, Zufriedenheit, Glück!"
Ob Kurt Hahn nun auch inzwischen mit seiner 60er-Idee glücklich geworden ist, wird sich noch herausstellen müssen: Erstens will er über seine noch ausstehenden 26 Läufe in einer nächsten Auflage des Buches berichten, zweitens ist vorgesehen, die "Ziel-60-Marathonlauf-Zeiten" derjenigen zu publizieren, die mindestens zehn verschiedene nachweisen können und sich beim Verlag (Jahn & Ernst, Knoopstraße 8 in 21073 Hamburg) melden.
Man sollte diese "Idee, die in das nächste Jahrtausend weist", nicht aus den Augen verlieren.

Wolf von Henschelsberg:
Witze und Sprüche für Jogger.
Frankfurt/Main: Eichborn 1991.
64 S.


Nun mag man sich trefflich darüber streiten, ob Witze und Sprüche zu den herkömmlichen literarischen Gattungsformen gehören. Fest steht auf jeden Fall, dass es (mindestens) ein Buch mit Witzen und Sprüchen für Jogger gibt, das mit seinem Erwerbspreis von DM 5,- (!) vermutlich zu den günstigsten zählt, die es seinerzeit auf dem Markt zu kaufen gab. Dazu muss man wissen, dass der Eichborn-Verlag u. a. mit diversen satirischen Reihen und Witzbüchern bekannt geworden ist und es daher geradezu „normal“ sein dürfte, dass nun auch ein derartiges „Büchlein“ im Postkartenformat erschienen ist.
Es mögen so an die 80 Witze und Sprüche (dazu einige Karikaturen) zum Thema Joggen zusammen gekommen sein, die man rasch beim Durchblättern lesen bzw. betrachten kann - Kostprobe gefällig: Der Titel lautet „Ohne Worte“:
Kommt ein Jogger zum anderen: ‘Na, heute schon gelaufen?’ ‘Ja, aber nur die Nase.’ Bei den Sprüchen gibt es dagegen durchaus ernsthafte, und zwar zum Teil von prominenten Autoren wie beispielsweise vom Lauf-Psychologen Prof. Dr. Alexander Weber (Paderborn) oder vom Lauf-Literaten Werner Sonntag (Ostfildern bei Stuttgart) - dieser u. a. mit der Erkenntnis: „Mit dem Laufen anzufangen, erfordert Intelligenz“.
Der eifrige Sammler Wolf von Henschelsberg (ist sein Name gar ein Pseudonym?) schreibt dazu im Nachwort: „Alle Zitate sind echt, ebenso die Quellenangaben. Ich kann nichts dafür, ich wasche meine Hände in Schweiß“.
Man könnte vermuten, von Henschelsberg sei selber Jogger, mindestes aber ein humorvoller Mensch...

Günter Herburger:
Das Glück. Eine Reise in Nähe und Ferne.
München: A 1 Verlag 1994.
150 S.


"Lauf und Wahn. Mit Bildern von der Strecke" - so lautet der Titel des ersten Laufreports (Sammlung Luchterhand Nr. 876, Frankfurt 1990) von Günter Herburger, jenes 1932 in Isny im Allgäu geborenen Schriftstellers, der heute in München lebt und läuft. Seit Erscheinen dieses Taschenbuches wissen wir nicht nur um die läuferische Existenz von G.H., sondern auch um sein fotografisches Hobby. Doch während er damals fast ausschließlich optische Eindrücke von den Läufen dokumentiert hat, bei denen er selbst als Teilnehmer dabei war (u. a. in Moskau, Lissabon, Berlin, Reykjavik, Wien oder beim Swiss Alpine Marathon), enthält sein neuer Band rund 150 Fotos, bei denen wir allenfalls wohlwollend darauf schließen, aber eben nicht beweisen können, dass das ein oder andere Bild während des Laufens - sozusagen mit laufender Kamera - entstanden ist.
Indizien dafür sind die jedem Foto unterschriebenen kurzen, kaum mehr als fünf Zeilen umfassenden Texte: "Hineintauchend abwärts durch einen Zypressenwald, während die Beine gestaucht wurden, meldete sich Glück zurück, das ich aus protestantischen Haushalten kenne: Bescheidenheit, Angstverzicht, Hoffnung mit verkniffenen Lippen" (50). Ein einziges Mal ist G.H. sogar selbst als Läufer zu sehen - ein Bild von ihm, das über dem Türrahmen seiner Wohnung (oder anderswo) hängt und nun erneut fotografiert worden ist: "Der Kundschafter, unterwegs auf der klassischen Strecke von Marathon nach Athen, war zunächst froh, aber dann spie er, beachtete nicht mehr andere, die am Straßenrand lagen, zählte nur noch Blutstropfen, die das Gummiband seines Strohhuts aus der Haut rieb, bis er einlief ins Stadion, wo Stufen und Steinbänke sich in der Hitze zu wellen schienen" (110).
Herburger setzt die fotografisch festgehaltenen Momente wieder in Bewegung - ganz wie beim Laufen, wo wir ständig unterwegs sind,
"Eine Reise in Nähe und Ferne" unternehmen... eben fortlaufend "Das Glück" suchend!

Günter Herburger:
Traum und Bahn. München:
Luchterhand Literaturverlag 1994.
358 S.


Haben Sie auch - zumindest beim Laufen - ständig Angst vor Hunden, die Ihnen zuweilen plötzlich laut kläffend entgegenlaufen könnten? Wenn ja, dann geht es Ihnen genauso wie Günter Herburger, die diese Angst vor Hunden, dem Extremfeind aller Läufer, sogar in seinem neuesten Buch "Traum und Bahn" an mehreren Stellen glänzend literarisch verarbeitet hat - greifen wir eine Passage schnell als Zitat heraus: "An Himmelfahrt erschlug ich frühmorgens zum ersten Mal einen Hund, der, ledig auf der Strecke umherschweifend, mich angegriffen hatte. Oder war es nur ein Wutausbruch am Schreibtisch gewesen?" (Seite 137).
Natürlich geht es in diesem Buch nicht in erster Linie um Hunde. Das Zitat deutet schon ein wenig an, woraus das Leben des Münchener Lauf-Literaten (Jahrgang 1932) wesentlich besteht, nämlich in erster Linie aus der ständigen Balance zwischen langen "Distanzen am Schreibtisch wie auf den Beinen" (Seite 56). Schon allein der Umschlagtext macht Appetit auf die Lektüre - denn welche Läuferin und welcher Läufer wollte sich etwa nicht von einem Buch angesprochen fühlen "aus dem Leben eines Mannes, für den das Langstreckenlaufen zu einem lebenserhaltenden Ritual geworden ist: das heimliche Tagebuch eines großen Schriftstellers, in dem jeder, der läuft oder eine andere extreme Sportart ausübt, seine Erfahrungen wieder findet. Das Buch "Traum und Bahn" ist übrigens die Fortsetzung von "Lauf und Wahn" (erschienen 1988).
In beiden Büchern nimmt uns Herburger auch mit auf die Strecken der großen (Marathon-) Läufe im In- und Ausland, an denen er selbst teilgenommen hat - sogar vom Rennsteiglauf wird jetzt berichtet, wie war das doch noch beim "Start von 2700 Exorzisten auf der Hohen Wiese, die sich sofort zu einem steilen Pfad namens Hochwaldgrotte verengte; wir kamen kaum durch, trippelten minutenlang auf der Stelle.
Voraus auf dem schwierigsten Lauf der verschlampten Republik stürmten die Kenner und Trainingshelden" (Seite 85).

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