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Prof. Dr. Detlef Kuhlmann stellt Klassiker der Laufliteratur vor

Von mspnews am 21.08.2007

Prof. Dr. Detlef Kuhlmann Stellt  Klassiker Der Laufliteratur Vor

Viel Freude beim „Schmökern“

Die in dieser Serie vorgestellten Bücher haben mindestens zweierlei gemeinsam: Sie handeln alle vom Laufen, und sie stammen alle aus dem letzten Jahrhundert. Einzig deswegen sind sie hier als „Klassiker“ tituliert worden. Ob dieses Prädikat wirklich gerechtfertigt ist, sollten Sie, verehrte Leserinnen und Leser, dieser Rubik  selbst entscheiden, und zwar entweder gleich nach der Lektüre der Rezension unseres „Vorlesers“ Detlef Kuhlmann oder spätestens nach eingehender Lektüre des gesamten Buches – viel Freude beim „Schmökern“ wünscht Ihnen allen Ihre Internetredaktion, die in den nächsten Wochen in insgesamt acht Folgen erscheinen wird und die vermutlich ihresgleichen sucht!

Peter Hoffmann (Hrsg.): Olympische Sommerspiele - Laufwettbewerbe.
Frankfurt 1993:
pmi-Verlagsgruppe. 108 S.


Ist das denn überhaupt noch Literatur? Natürlich, diese Frage ist durchaus berechtigt, zumal hier nicht ein Autor, sondern ein Herausgeber für die Veröffentlichung eines Buches verantwortlich zeichnet. In der Tat ist das Werk ein Ergebnisspiegel über die olympischen Laufwettbewerbe der Frauen und Männer von der ersten Olympiade der Neuzeit 1896 in Athen bis 1992 in Barcelona, dazu angereichert mit Übersichten, Tabellen und Fotos jüngeren und älteren Datums.

Und genau dieses "alte" macht das Heft - literarisch gesehen - ein wenig reizvoll. Manches aus der Zeit früherer Olympischen Spiele liest sich heutzutage fast wie eine Anekdote - greifen wir einen Laufwettbewerb (darf es ausnahmsweise der Marathon der Männer sein?) heraus und blenden kurz zurück in das Jahr 1900 und auf den Lauf in Paris, bei dem insgesamt nur 15 Läufer aus sieben Nationen am Start sind und wo das Rennen - so steht zu lesen - "einen chaotischen Verlauf nimmt und keineswegs heutigem Regelverständnis entspricht.
Auf der Strecke rollt genau wie immer der Pariser Stadtverkehr und niemand kommt auf den Gedanken, den Läufern den Weg abzusperren oder zu bahnen. Der Franzose Michel Théato geht in 2:59:45 Std. als erster durchs Ziel. Ernst Fast aus Schweden gelingt es nicht, den zweiten französischen Favoriten Emile Champion (3:04:17 Std.) einzuholen und kommt erst über eine halbe Stunde nach diesem ins Ziel; seine Zeit von 3:37:14 Std. recht nur für Bronze".
Ähnlich chaotisch, ja geradezu tragisch ging es beim Marathonlauf 1912 mit tödlichem Ausgang zu, wo der Portugiese Franzisco nach den Hitzestrapazen einen Tag nach dem Rennen stirbt. Und wem sind nicht noch die Bilder der torkelnden Schweizerin Gaby Andersen-Schiess vor Augen, die 1984 in Los Angeles beim ersten olympischen Frauen-Marathon für die letzte Stadion-Runde sieben Minuten brauchte, sich aber zum Glück dann schnell wieder erholte -
Ursache: Sie hatte versäumt, zwischendurch etwas zu trinken...

Rudi Holzberger: Faszination Marathon. Rudis Rasende Reportagen.
Stuttgart 1984. 111 S.


Rudi Holzberger (Jahrgang 1953) ist ein vielseitiger Autor. Der Agrarwissenschaftler arbeitete u. a. als Wissenschaftsjournalist und verfasste mehrere Sachbücher (z.B. "Der Wald zwischen Wildnis und Monokultur", zusammen mit Ernst Fesseler). Als etwa Anfang der 80er Jahre vielfach in sog. Selbstverlagen die ersten laufliterarischen Werke der "Neuzeit" erschienen, war Rudi Holzberger (heute wissenschaftlicher Angestellter an der Pädagogischen Hochschule Weingarten) gleich dabei.

Das Buch, das hier nun kurz präsentiert werden soll, kam damals im Verlag "Laufen und Leben" heraus, in dem in der Folgezeit noch weitere Titel (so auch von Werner Sonntag) publiziert wurden. In Klammern sei hinzugefügt: Ich bin gar nicht mal so sicher, ob diese Titel (einschließlich des Buches von Holzberger selbst) überhaupt noch im Buchhandel erhältlich sind!
Auch deswegen soll hier wenigstens die Gliederung vorgestellt und mit ein paar Zeilen aus einer ("der") Reportage zitiert werden. Das Buch besteht aus fünf Kapiteln, in denen der Autor meist selbst auf die Strecke geht, sogar auch als Skilangläufer, wo doch der Allgäu seine Heimat ist. Daneben gibt es Kurzporträts seinerzeit (un-) bekannter LäuferInnen (hier sogar mit einem sehr tragischen Schicksal); schließlich recherchiert Rudi im Ausdauer-Fünfkampf und im Triathlon. Und was ist nun "die" Reportage?
Natürlich der New-York-Marathon: "Nach 2:39 Stunden stolpere ich endlich durch das Ziel im Central Park. Der Regen ist wieder stärker geworden, nass bis auf die Haut, durchgefroren und kaputt in allen Knochen gehe ich mechanisch weiter... und will nur noch weg, ab ins Hotel, ins Bad, will nur noch Hitze, Wärme, Ruhe...
Aber so einfach ist nichts in New York. Benommen verpasse ich den richtigen Park-Ausgang, lande in einer ganz anderen Avenue, frage zweimal und laufe weiter irr, bis sich endlich ein hübsches Girl meiner erbarmt und mich wieder auf den richtigen Weg bringt" (48).

Walter Hruby: Marathon!
Der ultimative Ratgeber für Durchläufer, Überläufer und Mitläufer, die alle an die Spitze wollen.
München: Tomus-Verlag 1993. 94 S.


Literatur - so heißt es landläufig - kann uns unterhalten, ablenken, anregen, belehren, sie kann uns helfen, unsere eigenen Erfahrungen mit den anderer in Beziehung zu setzen und sie kann uns: köstlich zum Lachen bringen! Jedenfalls gilt das - so zumindest meine persönliche Lese- und Lach-Erfahrung - für das kleine Büchlein zum Marathonlauf, das wir Walter Hruby verdanken und das mit herrlichen Cartoons und Zeichnungen von Erik Liebermann köstlich garniert ist.

Dieses Buch ist in einer Reihe satirischer Ratgeber erschienen; weitere Titel zum Bungee-Jumping, zum Computer und über den Traum-Mann und die Traum-Frau liegen ebenfalls schon vor. Man kann es im wahrsten Sinne des Wortes beim Durchblättern lesen, und man braucht dazu ungefähr ein Viertel der aktuellen Weltrekordzeit im Marathonlauf der Männer (für Nicht-Wissende: rund eine halbe Stunde!).

Im Untertitel behauptet der Autor (ob der selbst etwa auch schon mal diese Distanz gelaufen ist?), "Tipps und Tricks" zum Marathon preiszugeben - am Beispiel: Bei Marathonläufen mit mehr als 10.000 Teilnehmenden soll sich gelegentlich Klaustrophobie breit machen. Der heiße Tipp lautet: "Nehmen sie den Kampf gegen die psychische Krankheit ins Trainingsprogramm auf (z.B. während der Hauptverkehrszeit die U-Bahn benützen, bei der meist frequentierten Station herausstürzen und alle überholen; oder: im Fan-Block einer Fußball-Bundesliga-Mannschaft das 1:0 der gegnerischen Mannschaft bejubeln und dann flüchten; oder: am ersten Tag des Winterschlussverkaufes im Kaufhaus bummeln gehen" (S. 35).

Manchmal werden auch Definitionen gegeben, z.B. die vom Triathlon: "Marathon mit Vorprogramm (Schwimmen, Velozipieren)" (S. 71). Und zum Schluss:
Der deutsche Leichtathletik-Verband soll hartnäckigen Gerüchten zufolge zur Ausbildung von Marathonläufern demnächst halbtätige Ausbildungsseminare anbieten, "die in der trainingsfreien Zeit der Marathonläufer stattfinden sollen - also am 24. und 31.12. jeweils nachmittags bzw. abends" (S. 7).
Also dann am besten gleich anmelden...

Frantisek Kozik: Der Marathonsieger Emil Zatopek.
Prag 1953. 222 S.


Im Folgenden geht es um ein "Schätzchen", das Seltenheitswert in den Läufer-Bibliotheken haben dürfte? Wer es jetzt noch irgendwo ergattern möchte, sollte es auf jeden Fall antiquarisch (im Internet) mal versuchen. Ich habe das Buch vor Jahren beim Buchhandel-Bummel "plötzlich und erwartet" erblickt, dessen Untertitel "Reportagen aus dem Leben des besten Langstreckenläufers der Welt" anpreist.

Gern zahlte ich damals dafür ganze 15 Mark, obwohl der Umschlag vom vielen In-die-Hand-nehmen des Buches schon ziemlich zerfleddert war. Fortan begann ich zu blättern und hier und da zu lesen - aber schnell der Reihe nach: Wer erinnert sich noch an jenen 27. Juli 1952 und die Olympischen Spiele in Helsinki: "Zum letzten Mal ist das Stadion ausverkauft. Kein Wunder! Denn heute wird der Marathonlauf gestartet. Und an dem erschöpfenden Rennen über 42 km 195m nehmen die besten Langstreckler der Welt teil, um in fast dreistündigem Kampf den König der Läufer zu ermitteln. Doch diesmal ist das Rennen noch spannender denn je. Denn unter den achtundsechzig Teilnehmern steht auch Emil Zatopek"...

So beginnt die Biographie von "la locomotive courante", der laufenden Lokomotive nach seinem vermutlich französisch sprechendem Erfinder. Aber es wird nicht nur erzählt aus dem Läufer- und sonstigen Lebens des auch bei uns in heutiger Zeit immer noch populären Emil Zatopek. Viele Fotos - sogar mit Lehrbuchcharakter - laden ebenso zum verweilen des Auges ein. Wir können sehr genau den Laufstil mit seiner etwas gedrungenen Armarbeit und der starren Haltung betrachten, die zwar eine vorteilhafte Körpervorlage verrät, aber ebenso deutlich die linksschiefe Kopfhaltung mit der rechts liegenden Zunge im geöffneten Mund erkennen lässt.
Wer wollte so Emil Z. in seinem Laufstil etwa nachahmen …

Liv Költzow: Lauf, Mann!
Roman.
Reinbek: Rowohlt 1981. 154 S.


Wer nur den Titel dieses rororo-Taschenbuches liest, weiß worum es geht. Selbst der Umschlagentwurf - etwa so groß wie zwei Sonderbriefmarken - zeigt eindeutig läuferisches Bewegungen eines stilisierten männlichen Körpers: Lauf, Mann! Und doch - das mag jetzt für einige vielleicht sogar enttäuschend klingen - geht es in diesem Roman, der in der Reihe "neue frau" erschienen ist und aus dem Norwegischen übersetzt wurde, allenfalls im übertragenden Sinne um das Laufen.

Der rückseitiges Covertext stimmt uns ein: Eva verlässt ihren Freund - Rita braucht Helge, um sich zu verlieben. Jon braucht Helge als Konkurrent - Jon schläft mit Eva - Rita mit Helge..." So ist eben der Lauf der Dinge - wie im richtigen Leben (-slauf)! Das Leben ist die Summe aller laufenden Ereignisse, an dessen Produktion wir laufend selbst beteiligt sind. Auch wenn das Buch zunächst eigentlich nur vom Titel her das Laufen zu berühren scheint, gibt es im Text schon zahllose Belege, wo durch einfache alltägliche Wortverbindungen das Laufen zum Lebensprojekt und damit zu einer möglichen Sinninstanz gemacht wird: die Angst davor, dass etwas schief läuft, einem materiellen Wettlauf unterliegen, Gefahr laufen, das Leben als Wettlauf mit der Zeit auffassen, den Dingen ihren Lauf lassen - das ist nur der Beginn einer Aufzählung solcher Verknüpfungen, die ich beim Lesen fand, bevor ich zu der Schlüsselstelle des Romans vorlief:

"Ein Rennen, ein endloser Wettkampf, verzerrt; er konnte sich nie fallenlassen, aufhören; er musste die Stellung halten, an der Spitze liegen. Etwas musste bewiesen, festgemacht werden. Immer wieder von vorne. Er verpasste den Anschluss nicht, er hielt das Gleichgewicht, aber er konnte sich nie ganz sicher sein; Kämpfe gewinnen, Prüfungen bestehen; wussten die anderen mehr ... um ein paar Längen voraus liegen, die Führung nicht abgeben, alles gut und richtig erschienen lassen.
Diese Lebensweise war für ihn schon lange die einzig mögliche, die einzige, bei der er sich sicher fühlte" (121).

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