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35 Jahre BERLIN-MARATHON - Eine Bewegung aus dem Grunewald - Teil I

Von mspnews am 20.09.2008

35 Jahre Berlin Marathon   Eine Bewegung Aus Dem Grunewald   Teil I

Vom BERLINER VOLKSMARATHON zur World Marathon Majors - Geschichten und Anekdoten

Am 15. August 1974 stellte man entsprechende Anträge für die Ausrichtung des 1. Berliner Volksmarathon (so hieß der BERLIN-MARATHON offiziell in den ersten beiden Jahren), am 11. September 1974 lag dem Verein aus Eichkamp die Genehmigung des Polizeipräsidenten vor – der Vorgang kostete damals 25 DM.

Am 27. September 2008  wird der BERLIN-MARATHON zum 35. Mal veranstaltet. 1974 noch belächeltes Unikum im Berliner Grunewald mit Teilnehmern aus vier Nationen hat sich daraus eine Weltklasseveranstaltung mit internationalem Rang entwickelt mit jetzt Teilnehmern aus mehr als 100 Nationen. Wir wollen diese Entwicklung nachzeichnen, um die Leistungen der Athleten und Athletinnen und auch die Arbeit der Organisatoren zu würdigen.

„Die Geschichte ist zu schön, als dass wir sie für uns behalten wollen. Es ist die Rede vom Volkslauf am Teufelsberg. Zur gleichen Zeit, da in Hamburg die Veranstalter eines ,Cross-Country-Laufes für Jedermann’ ein Fiasko erlebten – ganze neun Läufer fanden sich ein – starteten in Berlin über 700 Teilnehmer beim 1. Berliner Cross-Country-Lauf.

Fünf von ihnen kamen sogar aus der Bundesrepublik. Eigens zu diesem Rennen. Einer war aus Xanten, der fuhr 600 Kilometer hierher und wieder 600 Kilometer zurück. Und wenn man so weit reist, um des Hobbys willen, dann hat man natürlich vorgesorgt. So auch unser Mann. Als er das Ziel passiert hatte, keineswegs erschöpft, aber auch nicht unter den ersten, ging er an seine zweite Aufgabe: das Studium der Ergebnisse. Er strahlte, denn eine ehrende Anerkennung, so glaubte er, schien ihm sicher zu sein.

Doch dann verfärbte sich sein Gesicht. Der Mann mit der längsten Anfahrtstrecke ärgerte sich. Was dachten sich denn eigentlich die Veranstalter, dass sie hier nur einen Altersklassensieger ausriefen? Schließlich ist es doch etwas anderes, ob man 55, 50, 45, 40 oder 35 Jahre alt ist? Horst Milde, der die Hauptlast der Organisation trug, beruhigte den Xantener Gast. ,Das holen wir natürlich nach’, sagte er, ,und Ihre Urkunde sollen Sie auch haben. Geben Sie mir doch Ihre Adresse.’ Sein Gegenüber strahlte erneut und griff in die Tasche seines Sakkos: In der Hand hielt er – eine Urkunde, fein säuberlich in Heimarbeit gezeichnet, nicht einmal der eigene Name war vergessen, dazu die Altersklasse, die ihm nun auch ,von Amts wegen’ zukam. ,Fehlt nur noch Ihre Unterschrift’, meinte der Mann. Horst Milde gab sie…“

Diese Anekdote ist knapp 45 Jahre alt. Beschrieben hat sie der Leichtathletik-Journalist Ekkehard zur Megede im November 1964 im Berliner ,Tagesspiegel’. Er konnte nach dem ersten Volkslauf, den Studenten der Freien Universität Berlin organisierten, die zugleich Mitglied des Sport-Club Charlottenburg Berlin waren, natürlich nicht ahnen, welche Entwicklung die späteren Läufe des Traditionsklubs nehmen würden, und dass er auch in dieser Glosse manches von einem inzwischen jahrzehntelangen Erfolgsrezept beschrieben hatte, das die Veranstalter  auszeichnete: Innovationsfreude, Flexibilität und Service.

Es war jener Crosslauf am Teufelsberg, der am 8. November 1964 den Anfang machte von einem ebenso erstaunlichen wie sensationellen Kapitel deutscher Leichtathletik-Geschichte. Höhepunkt dieser Entwicklung ist der BERLIN-MARATHON, der fast auf den Tag genau zehn Jahre nach dem ersten Crosslauf seine Premiere hatte.

An einen Marathon war in den 60er Jahren natürlich noch nicht zu denken. Auf die Idee, ein solches Rennen zu veranstalten, kamen die Organisatoren, nachdem sie 1973 ein Informationsschreiben des Berliner Leichtathletik-Verbandes (BLV) erhalten hatten. In dem stand unter der Überschrift ,Internationaler Marathonlauf in Berlin’: „Dieser Internationale Berliner Langstreckentag am 14. Oktober mit Start und Ziel am Mommsenstadion war ein voller Erfolg… voll des Lobes waren alle 92 angetretenen Aktiven…“. 92 Teilnehmer – das ist wenig, da sollte mehr drin sein, dachten sich die inzwischen bereits erfahrenen Veranstalter um Horst Milde, die das Rennen, dessen Ziel vor dem Mommsenstadion lag, quasi direkt von ihrem Geschäftszimmer aus beobachten konnten.

Am 15. August 1974 stellte man entsprechende Anträge für die Ausrichtung des 1. Berliner Volksmarathon (so hieß der BERLIN-MARATHON offiziell in den ersten beiden Jahren), am 11. September 1974 lag dem Verein aus Eichkamp die Genehmigung des Polizeipräsidenten vor – der Vorgang kostete damals 25 DM. Sechs Tage nach der polizeilichen Genehmigung, am 17. September 1974, gingen die ersten beiden Meldungen ein. Fast täglich wurden es deutlich mehr, bald war die BLV-Starterzahl von 1973 deutlich überboten, und am Ende wurden 286 Starter gezählt – eine für damalige Verhältnisse überraschend hohe Zahl. Bei der Premiere wurde die Streckenführung des BLV übernommen.

Gestartet wurde in diesem Jahr also außerhalb des Mommsenstadions auf der Waldschulallee Nr. 80. Die AVUS auf der einen, der Grunewald auf der anderen Seite – das war die Marathonstrecke der ersten acht Jahre. Gelaufen wurde dann fast bis zum Eingang des Strandbades Wannsee, wo sich die Wendemarke des zweimal zu absolvierenden Pendelkurses befand. Drei Verpflegungspunkte gab es auf der Grunewaldstrecke, an denen neben Wasser auch Tee, Obst und Brühe für die Läufer bereitgehalten wurde. Gestartet wurde am 13. Oktober 1974 um 9 Uhr an der Waldschulallee 80, Zielschluss war sechs Stunden später um 15 Uhr.

Die Teilnehmergebühr betrug damals 12 DM. Dafür erhielt jeder Läufer, der das Ziel vor dem Mommsenstadion erreichte, schon eine Medaille sowie eine Urkunde und eine Ergebnisliste, die damals noch von Hand getippt wurde.

244 Läufer kamen in Besitz dieser ersten Medaille und Urkunde des BERLINER VOLKSMARATHON. Sie erreichten das Ziel. Die ersten Sieger hießen Günter Hallas (LG Nord Berlin), der 2:44:53 Stunden benötigt hatte, und Jutta von Haase (LG Süd Berlin), die 3:22:01 Stunden lief. Zu beiden gibt es Anekdoten, die typisch sind für die Anfänge der Laufbewegung.

So ignorierte Günter Hallas während der 42,195 Kilometer sämtliche Verpflegungsstände. „Ich war 32 Jahre alt und absolut ahnungslos. Deswegen dachte ich, ich muss das so durchhalten“, erinnert sich Günter Hallas an seinen Sieg, der kurz vor dem Ziel noch einmal in Gefahr zu geraten schien. Denn drei Kilometer vor dem Mommsenstadion lief nichts mehr bei Günter Hallas. „Ich blieb stehen, es war so gut wie vorbei. Ich wollte aufgeben, doch ein Zuschauer hat mich aufgemuntert und regelrecht ins Ziel gescheucht.“ Da hatte Günter Hallas Glück, denn Zuschauer gab es bei diesem ersten BERLIN-MARATHON so gut wie keine. Und sehr viel länger hätte er sich nicht aufhalten dürfen, denn der zweitplatzierte Rudolf Breuer vom SCC Berlin hatte nur 1:50 Minuten Rückstand.

Der erste Sieger läuft heute immer noch beim real,- BERLIN-MARATHON mit. Mit 32 erfolgreichen Starts steht Günter Hallas gemeinsam mit Wilfried Köhnke sogar an zweiter Stelle in der Liste der Läufer mit den meisten Teilnahmen. Nur einer war immer dabei: Bernd Hübner. Alle drei sind natürlich Mitglieder im BERLIN-MARATHON-Jubilee-Club, dem alle angehören, die den BERLIN-MARATHON mindestens zehnmal erfolgreich absolviert haben.

Der erste BERLIN-MARATHON dürfte der einzige bleiben, bei dem gleich beide Sieger keinerlei Getränke zu sich nahmen. „Die damals sehr bescheidenen Verpflegungsstellen habe ich überhaupt nicht beachtet oder genutzt“, erzählt Jutta von Haase, die aufgrund eines empfindlichen Magens nicht einmal Wasserbecher anrührte. Dass sie überhaupt antrat beim ersten BERLIN-MARATHON, war für manche eine Überraschung. Denn eigentlich war Jutta von Haase Mittelstreckenläuferin.

„Was machst Du denn hier? Diese lange Strecke, das ist nichts für Dich.“ So begrüßte sie Fritz Orlowski, über viele Jahre Langstreckentrainer des SC Charlottenburg und Insider der Berliner Leichtathletik, damals noch vor dem Start. Jutta von Haase weiß auch noch, wie es danach war: „Abends in der Philharmonie kam ich die Treppen nur rückwärts runter.“ Als Mittelstreckenläuferin hatte Jutta von Haase eigentlich viel zu wenige Trainingskilometer für einen Marathon in den Beinen.

Schon damals, 1974, versuchte der SCC seine Teilnehmer im Vorfeld zu betreuen. So  wurden Trainingskurse für potenzielle Marathonläufer angeboten. Geworben wurde für den ersten BERLIN-MARATHON mit einem vierseitigen Informationsblatt. Unter diversen Informationen und Hinweisen fand sich darin auch der Punkt „Vorbereitung“: „Die Losung für Alle: Ohne Training – kein Marathonlauf…“, hieß es unter anderem.

Ein anderer Punkt führte zur Verzweiflung der Berliner Sportärzte. Laut Wettkampfordnung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) musste damals jeder Marathonläufer am Veranstaltungstag ein sportärztliches Gesundheitszeugnis vorweisen, das nicht älter als acht Wochen sein durfte. Folglich rannte jeder Läufer zuerst zum Sportarzt seines Bezirkes – sie bekamen den ersten „Berliner Laufboom“ zu spüren. Später konnten die Veranstalter den Verband erfolgreich davon überzeugen, dass eine solche Regelung erstens wenig praktikabel und zweitens wenig nützlich ist. Das gilt auch heute noch.

Der erste Berliner Volksmarathon war auch eine konsequente Fortsetzung des Laufprogramms für Breitensportler, das der Klub zehn Jahre zuvor begonnen hatte. Zwischen Crosslauf und Marathon hatten die Charlottenburger das Volksgehen (1966), den heute noch stattfindenden Volkslauf (1967) und ein Volkswandern (1971) ins Leben gerufen. Doch an eine Massenbegeisterung auf und entlang der Strecke war natürlich noch längst nichts zu spüren. Eher war es das Wort ,Verrückte’, das den Organisatoren noch einige Jahre lang zu schaffen machte. So mancher Spaziergänger im Grunewald, der den Läufern begegnete, soll sich nur an die Stirn getippt und von ,Verrückten’ gesprochen haben, als er hörte, welche Distanz die Athleten dort zurücklegten.

Der Siegesbote von Marathon war 1974 auf den ersten Medaillen abgebildet – doch niemand konnte ahnen, dass just dieses Symbol 24 Jahre später bei einem BERLIN-MARATHON mit ganz anderen Dimensionen, nämlich der 25. Auflage der Veranstaltung, wieder in Erscheinung treten sollte. Feiern durften die Organisatoren dann auch ihren eigenen Siegeszug. Anfangs allerdings hatte es nicht danach ausgesehen, denn in den ersten sieben Jahren gingen nie mehr als 400 Läufer an den Start.

1975 war die Strecke etwas verändert worden. Start und Ziel waren nunmehr im Mommsenstadion. Vermessen hatte den neuen Kurs Helge Ibert, der noch rund zwei Jahrzehnte lang für diverse Strecken des BERLIN-MARATHON verantwortlich zeichnete. Am Grunewalder Kurs hängten die Veranstalter Plakate im A2-Format auf, die die Autofahrer dazu aufriefen: ,Nehmt Rücksicht auf Marathonläufer’. Die von Sperrungen betroffenen Anwohner in Eichkamp wurden zudem mit Handzetteln informiert. Damals wie heute keine Gelegenheit für Veranstaltungswerbung auslassend, fand sich auf diesen Zetteln auch der folgende Hinweis: ,PS: Auch Sie können an einem solchen Lauf oder an ähnlichen Volkswettbewerben teilnehmen, nur müssen Sie mal vorher trainieren!’ Verwiesen wurde auf die SCC-Lauftreffs.

Neben einer neuen Strecke gab es 1975 auch ein Novum in der Geschichte des BERLIN-MARATHON. Mit Ralf Bochröder (2:47:08 Stunden) und seiner Frau Kristin (3:59:15) gewann ein Ehepaar – er startete für den OSC Berlin, sie als Vereinslose. Ein Jahr später wurde mit 397 Läufern die höchste Beteiligung auf der Grunewaldstrecke registriert. Ingo Sensburg (Neuköllner SF) – einer der erfolgreichsten Berliner Langstreckenläufer in den 70er und 80er Jahren – siegte in 2:23:08 Stunden zum ersten Mal.

Bei den Frauen erreichte Ursula Blaschke (SCC Berlin) in 3:04:12 Stunden vor Jutta von Haase (3:05:19) das Ziel. Ursula Blaschke war die erste Siegerin des Veranstalterklubs SCC Berlin. Bis heute gab es keinen Mann, der für den SCC startete und den BERLIN-MARATHON gewann. Und daran wird sich in absehbarer Zeit wohl auch nichts ändern. Ein Kuriosum fand sich in der damaligen Zeit wiederholt an den Verpflegungsständen: Den Läufern wurden Salztabletten angeboten. Damit meinten einige, den Salzverlust durch das Schwitzen ausgleichen zu müssen. Derlei Dinge sind ebenso längst überholt, wie ein Experiment, bei dem in den Jahren 1976 bis ‘80 ein zweiter Wettbewerb in den BERLIN-MARATHON  integriert wurde. Gelaufen wurde damals auch über 25 km. Doch dieses zusätzliche Angebot brachte den Veranstaltern auch Probleme: Vor allen Dingen ältere Teilnehmer versuchten zu mogeln, indem sie ins Ziel rannten und behaupteten, Marathon gelaufen zu sein.

Die vierte Auflage des BERLIN-MARATHON brachte den sportlichen Höhepunkt auf der Grunewaldstrecke. Integriert waren in die Veranstaltung 1977 nämlich zum ersten Mal die Deutschen Marathon Meisterschaften des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Zunächst wurde jedoch morgens um 9 Uhr der ganz normale BERLIN-MARATHON  gestartet, bei dem der Brite Norman Wilson für ein Highlight sorgte: er lief die für damalige Verhältnisse sehr gute Zeit von 2:16:20,7 Stunden.

Schnellste Frau war  Angelika Brandt (OSC Berlin) in 3:10:26,8. Doch eine andere Siegerin sollte für Furore sorgen. Um 14.45 Uhr, 90 Minuten vor den Männern, begann das Rennen um die Deutsche Meisterschaft der Frauen. Es war der Tag der Christa Vahlensieck. Die 28-jährige Wuppertalerin gewann den Titel in der Weltbestzeit von 2:34:47,5 Stunden. Rund ein Jahr hielt dieser Rekord, dann wurde die norwegische Weltklasseläuferin Grete Waitz prominente Nachfolgerin der Deutschen. 

In den nächsten Jahren gab es wieder aus-schließlich deutsche Sieger: Berlins Langstrecken-Seriengewinner Ingo Sensburg triumphierte 1979 und ‘80 in 2:21:09 beziehungsweise starken 2:16:48. Er ist damit bis heute der einzige Mann, der den BERLIN-MARATHON dreimal gewann. Bei den Frauen in den 70er Jahren gab es zwei, die zweimal siegten: Ursula Blaschke war 1978 in 2:57:09 Stunden vorne, Jutta von Haase lief 1979 nach 3:07:06,6 ins Ziel.

Zwei Sieger aus der frühen Geschichte des BERLIN-MARATHON sind noch nicht erwähnt: 1978 gewann Michael Spöttel (LG Verden/2:20:02,6), und beim letzten Lauf am Grunewald siegte 1980 neben Ingo Sensburg auch Gerlinde Püttmann (LAZ Hamm/2:47:18). An diesem 28. September 1980 zeichnete sich bereits ab, dass der BERLIN-MARATHON auf dem Weg war in die City – auf dem Weg also in eine neue Ära.        

Quelle: Jubiläumsschrift zum 30. BERLIN-MARATHON - Jörg Wenig und Horst Milde

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