MeinSportplatz

mspnews

35 Jahre BERLIN-MARATHON - Berlin etabliert sich in der Welt des Laufsports - Eine Bewegung aus dem Grunewald

Von mspnews am 21.09.2008

35 Jahre Berlin Marathon   Berlin Etabliert Sich In Der Welt Des Laufsports   Eine Bewegung Aus Dem Grunewald

Vom BERLINER VOLKSMARATHON zur World Marathon Majors - Geschichten und Anekdoten

Es war ein Neuanfang, so ähnlich wie sieben Jahre zuvor 1974. „Dort drüben sitzt ein Verrückter – der will durch die Stadt rennen.“ Wieder war es also da, das Wort ,Verrückter’. Einst hatten sich Passanten  im Grunewald über die Marathonläufer gewundert, nun wollte die Verkehrspolizei nicht wahrhaben, dass für die Sportler der Autoverkehr warten sollte. Doch es war eines der letzten Male, dass die Organisatoren des BERLIN-MARATHON diese Bezeichnung in einer derartigen Runde hinnehmen mussten.

An jenem 21. Juli 1980 wurde einer der ersten, entscheidenden Schritte zur neuen Ära des Rennens getan. Mit dem Satz über die Verrückten wurde Cheforganisator Horst Milde vom Verwaltungsdirektor des Reichstages, Hans-Jürgen Heß, dem Polizeipräsidenten von Berlin, Klaus Hübner, vorgestellt.
Doch für die Läufer war es nicht fünf vor zwölf. Denn schon in den Monaten zuvor wurden Vorgespräche geführt, um den ersten Berliner City-Lauf für Breitensportler zu realisieren. Es waren die französischen Alliierten, die die Idee eines solchen Rennens als erste umsetzten. Ein erster Schriftverkehr bezüglich dieser Planungen datiert bereits vom 19. Dezember 1979. Damals planten die Franzosen (Colonel Jaques Bride) für den 19. April 1980 einen Lauf über 22 km, der aber nie zustande kam.

Doch die Franzosen hatten ihr Projekt nicht aufgegeben. Und mit alliiertem Recht im Rücken hatten die Schutzmächte in West-Berlin alle Möglichkeiten, ihre Pläne umzusetzen. So fand ein erstes Gespräch zwischen den Franzosen und dem Landessportbund Berlin (LSB) wegen der ,25 km de Berlin’ am 9. Mai 1980 statt – fast genau ein Jahr vor der Premiere des Rennens. Dabei beanspruchten die Franzosen zunächst ein gewisses Exklusivrecht für den Langstreckenlauf – es sollte keine direkten Konkurrenzveranstaltungen einige Zeit vor und nach den ,25 km de Berlin’ geben. Und außerdem sollte der Marathon im Herbst nicht mehr stattfinden.

Doch dazu kam es nicht, denn gewisse Ängste der Franzosen erwiesen sich schnell als unbegründet. Nach einigen Jahren merkte man sogar, dass der Marathon und der 25-km-Lauf voneinander profitierten. Die Zusammenarbeit war eine sehr enge, die Franzosen profitierten von der Erfahrung des SCC Berlin als Laufveranstalter. Bis sich die Franzosen nach dem Fall der Mauer 1991 zurückzogen und der Berliner Leichtathletik-Verband (BLV) die ,25 km von Berlin’ weiterführte, arbeiteten eine Reihe von Organisatoren vom BERLIN-MARATHON maßgeblich mit bei den ,25 km de Berlin’.

Im Organisationsteam der 25 km de Berlin saß auch Horst Milde als Volkslaufwart des BLV, insofern war ihm klar  dass es 1981 mit den ,25 km de Berlin’ zum ersten Mal einen großen Straßenlauf durch die City geben würde, aber der Marathon verlief immer noch im Grunewald. Und so  setzte er alle Hebel in Bewegung, um dieses Recht auch für den Marathon zu bekommen.

So gab es am 11. Juli 1980 ein Treffen mit dem Chef des Reichstages, Dr. Hans-Jürgen Heß, der  ihm dabei half. half. Aus diesem Treffen resultierte schließlich auch der Termin beim Polizeipräsidenten an jenem 21. Juli. Und trotz der Vorstellung der ,Verrückten’, verlief dieses Gespräch vielversprechend: „Die Polizei hat keine Einwände, wenn die Politik dahintersteht“, wurde ihm schließlich gesagt.

Während es beim Berliner Senat gegen das Rennen keine Einwände gab, war es für die Polizei aber am Anfang nicht so einfach, die Straßen tatsächlich für Läufer sperren zu müssen. „Die Straßen sind für die Autos da“, wurde den Marathon-Veranstaltern noch bei dem zweiten Treffen mit der Polizeispitze am 15. September 1980 gesagt. Horst Milde und sein Expertenteam hatten bereits eine erste mögliche Streckenführung entworfen, in der der Kurfürstendamm die zentrale Rolle spielte. Ein anderer Streckenabschnitt war ebenfalls ein Knackpunkt: der Checkpoint Charlie. Der Marathonkurs sollte auch an dem von den Amerikanern kontrollierten Grenzübergang nach Ost-Berlin vorbeiführen. Für die Polizei war diese Route jedoch tabu.

Doch statt eine alternative Streckenführung auszuarbeiten, wandten sich Milde an den Chef der Politischen Abteilung der US-Mission, John Kornblum, dem späteren US-Botschafter. Nur fünf Tage nachdem der Amerikaner während eines Abendessens von den Marathon-Plänen unterrichtet worden war, erhielten die Veranstalter am 6. Mai 1981 um 21 Uhr Grünes Licht von Kornblum: Bei Lücken im Läuferfeld könne der Grenzübergang trotzdem passiert werden, ein US-Offizier stehe während des Laufes dafür bereit.

So konnte Cheforganisator Horst Milde mit den Amerikanern im Rücken am nächsten Morgen den ungläubigen Verkehrspolizisten mitteilen: Die Strecke wird nicht verändert. „1981 bat mich Horst Milde um Hilfe, damit der Marathon am Checkpoint Charlie vorbeiführen konnte. Die Konfrontation von Kommunismus und Demokratie machte sich sogar bei der Routenplanung des BERLIN-MARATHON bemerkbar. Aber wir waren damals erfolgreich gegen alle Widerstände, so dass die Marathonroute über die geplante Strecke führen konnte. Es war ein kleines Beispiel von vielen, wie Deutsche und Amerikaner zusammen pragmatische Lösungen erreichen können“, erinnerte sich John Kornblum Jahre später – inzwischen war er US-Botschafter in Bonn – an diese Situation.

Neben den Franzosen und den Amerikanern hatte auch die dritte westliche Schutzmacht einen großen Anteil daran, dass der erste City-Marathon erfolgreich umgesetzt wurde. Die Briten prägten den BERLIN-MARATHON während der 80er Jahre wie keine andere ausländische Nation. Vier Athleten aus dem laufbegeisterten Großbritannien gewannen das Rennen zwischen 1981 und ‘85, Jahr für Jahr kamen die meisten ausländischen Teilnehmer von der Insel. Dafür hatte zunächst vor allen der britische Sportoffizier Major Vic Freeman gesorgt, der den Organisatoren Listen mit Anschriften sämtlicher britischer Militärs in Deutschland für eine Werbesendung zur Verfügung gestellt hatte.

Es sollte allerdings noch dauern, bis das Gros der Berliner wusste, was das für eine Veranstaltung war, die die halbe Stadt am ,Autofreien Sonntag’ lahm legte. Am Hotel Steigenberger fand sich 1981 vor der Nudelparty am Sonnabend der kuriose Hinweis: „… ist unser Parkplatz von 10 – 19 Uhr gesperrt. Dort findet der große Nudellauf statt. Wir erwarten 2000 bis 3000 Personen zum Nudelessen vor dem Hotel.“

Ein Nudellauf war der BERLIN-MARATHON nun wahrlich nie. Und rund 250.000 Zuschauer wurden damals am Tag darauf Zeuge eines großen Erfolges des ersten Rennen durch die Stadt, das am 27. September 1981 vor dem Reichstag gestartet worden war. 3.486 Läufer aus 30 Nationen hatten sich angemeldet, 2.583 erreichten das Ziel. Und damit wurde der BERLIN-MARATHON zum größten deutschen City-Rennen. Im Frühjahr hatte es in Frankfurt zum ersten Mal in Deutschland einen Stadtmarathon für Breitensportler gegeben, an dem sich rund 3.000 Teilnehmer beteiligt hatten. 

Als Sieger in Berlin lief kurz vor der Gedächtniskirche der Engländer Ian Ray in 2:15:41,8 Stunden ins Ziel. Er verdiente sich die erste Siegprämie beim BERLIN-MARATHON, die damals 1000 DM betrug. Die Briten belegten die ersten drei Plätze in diesem Rennen, und fünf von ihnen kamen unter die ersten zehn. Für einen deutschen Sieg sorgte 1981 Angelika Stephan (LG Kassel), die 2:47:23,5 Stunden lief. Auf Rang drei folgte mit Liane Winter (VfL Wolfsburg/ 2:53:56,0) eine weitere deutsche Läuferin. Die knapp 40-Jährige hatte in ihrer Glanzzeit sogar den Boston-Marathon gewonnen. 278 Läufer blieben damals unter 3:00 Stunden, 1684 liefen schneller als vier Stunden, der letzte kam nach 5:25:00,3 Stunden ins Ziel. In den nächsten Jahren sollte es eine deutliche Qualitätssteigerung auch bei den Breitensportlern geben.

An Siegerzeiten wie die des ersten Rollstuhlfahrers, Georg Freund (Österreich), der in 2:08:44 gewann, war damals bei den Läufern freilich noch nicht zu denken. Die behinderten Sportler wurden von Anfang an in das City-Rennen integriert. Das war damals bei den großen internationalen Marathonläufen noch längst nicht selbstverständlich. Und es sprach sich bei den Rollstuhlfahrern herum. Bald sah der BERLIN-MARATHON ebenso große wie hochklassig besetzte Rennen der ,Rollis’ mit teilweise über 100 Startern. Zum herausragenden Athleten wurde dabei der Schweizer Heinz Frei. Der Streckenrekordler (1:21:39 Stunden) stellte mehrere Weltbestzeiten in Berlin auf und gewann das Rennen im Jahr 2002 bereits zum 15. Mal und zum zwölften Mal in Folge.

Die City-Marathon-Premiere in Berlin war übrigens sogar ein großer Erfolg für die Polizei, die alles bestens im Griff hatte. Noch einige Monate zuvor hatte sich derleitende Beamte zusammen mit Milde den Stockholm-Marathon angesehen, um Erfahrungen zu sammeln. Manches klappte daraufhin in Berlin sogar besser. Die Polizisten hatten in Schweden zum Beispiel beobachtet, wie ein Bus die Strecke queren durfte, obwohl die Lücke im Läuferfeld zu klein war. Einige Athleten mussten stehen bleiben.

In den nächsten Jahren arbeiteten die Organisatoren daran, den Service für die Läufer zu verbessern. Vorbild waren dabei vor allen Dingen der New-York-City- aber auch der London-Marathon. Ein Service, der bis heute ziemlich einzigartig ist unter den großen Marathonläufen, hatte in Berlin schon 1982 Premiere. Unmittelbar hinter dem Ziel wurden Zelte mit heißen Duschen auf der Straße aufgestellt.

Dieses Mal durfte auch durch Kreuzberg gelaufen werden – und der Streckenabschnitt gehört bis heute zu den stimmungsvollsten. Außerdem wurde 1982 erstmals durch Moabit gelaufen, so dass der lange Schlussbogen den Läufern erspart blieb. Diese Strecke war ebenso attraktiv wie flach und gehörte somit zu den vermeintlich schnellsten Kursen der Welt. „Berlin hat eine Strecke, auf der 2:08 Stunden gelaufen werden können“, urteilte ein paar Jahre später der Londoner Streckenvermesser der Association of International Marathons and Road Races (AIMS), John Disley. Es sollte allerdings noch etliche Jahre dauern, bis John Disley, der heute noch die Berliner veranstaltung besucht, bestätigt wurde.

Nach einem begeisternden Zweikampf zwischen Domingo Tibaduiza und Eberhard Weyel (Wattenscheid) erzielte der Kolumbianer 1982 in 2:14:46 die erste Zeit unter 2:15 Stunden in Berlin. Während bei den Männern wiederum fünf Briten unter die Top Ten liefen, siegte bei den Frauen Jean Lochead (Großbritannien) in 2:47:04. Noch war es der Frankfurt-Marathon, der in Deutschland die besten  Marathon-Resultate produzierte, doch das sollte sich in den nächsten Jahren ändern. „Die Laufbewegung ist unaufhaltsam“, schrieb der Journalist Wilfried Raatz nach dem BERLIN-MARATHON 1982 mit 4.686 Teilnehmern und über 300.000 Zuschauern.

Im Jahr des zweiten Rennens durch die Berliner City hatte der BERLIN-MARATHON zu den Gründungsmitgliedern der Association of International Marathons and Road Races (AIMS) gehört. Dazu passte, dass das Rennen 1983 mit drei in der Welt des Laufsports sehr prominenten Startern Akzente setzte. Die Organisatoren der beiden größten und spektakulärsten Marathonläufe, der Londoner Chris Brasher und der New Yorker Fred Lebow, liefen in Berlin. Und zudem war es erstmals gelungen, mit Karel Lismont einen zur Weltklasse zählenden Athleten am Start zu haben.

Der damals 34-jährige Belgier, der bereits zwei olympische und drei Medaillen bei Europameisterschaften gewonnen hatte, siegte nach einem taktisch klugen Lauf in der Streckenrekordzeit von 2:13:37 Stunden. Mit Karen Goldhawk gewann wiederum eine Britin, dieses Mal in der Kursrekordzeit von 2:40:32. Der allgemeine Laufboom aber auch die Popularität des BERLIN-MARATHON ließen die Starterzahlen in ungeahnte Dimensionen steigen. 6.270 Teilnehmer liefen 1983, doch schon zwei Jahre später sollten es fast doppelt so viele sein.

Seit 1978 sind es hauptsächlich die Olympiasieger, die auf den Medaillen und den Urkunden abgebildet sind. Nachdem die Veranstalter einige Wochen nach dem Rennen 1983 alle Ergebnislisten verschickt hatten, kam plötzlich ein Brief aus Italien zurück. Roberto Baradi hatte seine Urkunde mit einem Vermerk zurückgegeben: „Das bin ich nicht!“ Baradi hatte außerdem ein Passfoto an das Zertifikat geheftet und hinzugefügt: „Das bin ich!“ Der Italiener hatte die Idee der Veranstalter nicht verstanden. In jenem Jahr war der Olympiasieger von Melbourne 1956 abgebildet, der Franzose Alain Mimoun.

1984 waren bereits 8.834 Läufer gemeldet. Trotz starker Regenfälle säumten rund 350.000 Zuschauer die Strecke. Und wiederum fielen beide Kursrekorde: Die Ungarin Agnes Sipka sorgte mit 2:39:32 für die erste Frauenzeit unter 2:40 Stunden, und John Skovbjerg, der sich auf den letzten Kilometern vom deutschen Hoffnungsträger Wolfgang Krüger löste, lief 2:13:35. Doch um den dänischen Sieger gab es anschließend noch einige Aufregung. Skovbjerg hatte seine Startnummer abgeknickt, so dass eine Sponsorenaufschrift nicht mehr zu lesen war.

Als Cheforganisator Horst Milde am nächsten Morgen Radio hörte, wurde er selbst von der voreiligen Meldung der vermeintlichen Disqualifikation Skovbergs überrascht. Auch Milde sorgte dann dafür, dass es dazu nicht kam. Allerdings wurde dem Dänen die Siegprämie, die inzwischen auf 10.000 DM erhöht worden war, gekürzt. Erstmals war 1984 der Sender Freies Berlin (SFB) mit seinem Hörfunkprogramm über sieben Stunden hinweg live bei dem Rennen dabei. Die ,Marathonwelle’ lief von 6 bis 13 Uhr im Radio.

Während John Skovberg nur die Startnummer abgeknickt hatte, mussten sich die Organisatoren inzwischen mit einer Reihe von echten Betrugsversuchen auseinandersetzen. Einige Läufer kamen zwar ins Ziel auf dem Kurfürstendamm, waren aber gar nicht 42,195 Kilometer gelaufen. Das beliebteste Mittel, um die Strecke abzukürzen, ist seit der Entstehung des City-Marathons die U-Bahn. So fuhr man beispielsweise von den Kilometerpunkten 20 oder 25 direkt bis Kilometer 40, was für manche sehr praktisch war. Aber auch ein bereitgestelltes Fahrrad half schon dem einen oder anderen. Es gibt einige wenige Läufer, die es immer wieder mit dem Abkürzen versuchten.

Seit jedoch das Chip-Zeitmess-System eingeführt wurde, das auch die 5-km-Zwischenzeiten registriert, haben Schummler schlechte Karten, obwohl es ein paar trotzdem noch versuchen. Wahrscheinlich wissen sie nichts davon, dass ihre Zeiten mittels des Chips, der am Schnürsenkel befestigt werden muss, an mehreren Stellen auf der Strecke gespeichert werden.

Vor dieser technischen Neuerung war einer der extremsten Betrugsfälle 1984 passiert. Damals gab es für die schnellsten Berliner Läufer noch eine Bezirkswertung. Der schnellste Kreuzberger war ein 16-jähriger Junge, der fast den deutschen Rekord erreicht hatte – angesichts der Spitzenzeit flog der Schwindel jedoch sofort auf.

„Der BERLIN-MARATHON ist aufgestiegen zur Nummer fünf der Welt.“ Dieses Lob kam nach dem Lauf 1985 vom London-Marathon-Chef Chris Brasher. Dafür gab es mehrere Gründe: 11.814 Läufer aus 58 Nationen waren gemeldet, 9.840 erreichten das Ziel. Zum ersten Mal war damit die 10.000er-Marke überschritten worden. Anfragen nach Meldeformularen erhielt das Marathonbüro, das seit 1981 mit einer hauptamtlichen Kraft besetzt war, in dieser Zeit beispielsweise auch aus Trinidad oder von den Falkland Inseln.

Herumgesprochen hatte sich, dass der BERLIN-MARATHON seinen Startern neben einem damals von rund 2.300 ehrenamtlichen Helfern perfekt organisierten Rennen auch ein breites Rahmenprogramm bietet.
Zum ersten Mal gab es 1985 neben der Non-Stop-Berichterstattung des SFB im Radio auch eine 75-minütige TV-Sondersendung im ersten deutschen Programm. Es war das erste Mal, dass die ARD einem Marathon eine Sondersendung widmete.

Über 400.000 Zuschauer wurden zudem Zeuge von einem weiteren deutlichen Leistungsschub in der Spitze. Endlich wurden international beachtenswerte Zeiten gelaufen. Nachdem der Luxemburger Justin Gloden, von Muskelproblemen geplagt, sogar Geh- und Massagepausen einlegen musste, war nach 25 km der Weg frei für James Ashworth. Der Brite siegte in 2:11:43 Stunden und sagte hinterher: „Diese Strecke ist besser als die in London – hier sind Zeiten von weit unter 2:10 Stunden möglich.“ Er sollte Recht behalten. Bei den Frauen lief die Belgierin Magda Ilands 2:34:10 und verbesserte damit den Streckenrekord um über fünf Minuten. 25 Läufer waren an diesem Tag unter 2:20 gelaufen, 118 unter 2:30 und sogar 1.758 unter 3:00 Stunden.

Alle Teilnehmer kamen 1985 in den Genuss eines neuen Services: Nur einen Tag nach dem Lauf wurden Postkarten abgeschickt, auf denen neben dem noch inoffiziellen Ergebnis auch die jeweilige  Durchschnittsgeschwindigkeit angegeben war. Die beim BERLIN-MARATHON in allen Belangen ausgezeichneten Voraussetzungen für Breiten- und Spitzensportler sprachen sich immer weiter herum. So ist es zu erklären, dass der Aufwärtstrend anhielt. 1986 wurden bereits 13.662 Läufer gezählt, und wieder gab es zwei neue Streckenrekorde. Dabei verpasste Boguslaw Psujek lediglich um vier Sekunden eine internationale Klassezeit von unter 2:11 Stunden. Der Pole, der einige Jahre später bei einem tragischen Unfall ums Leben kam, lief damals 2:11:03.

Nach Verletzungsproblemen war die damalige bundesdeutsche Rekordhalterin Charlotte Teske (ASC Darmstadt) froh, das Rennen in 2:32:10 gewonnen zu haben. Getrübt wurde die Stimmung allerdings durch einen Todesfall, den ersten beim BERLIN-MARATHON. Ein Läufer brach kurz vor dem Ziel zusammen und konnte trotz sofortiger ärztlicher Hilfe nicht mehr gerettet werden. Er hatte sich den Anweisungen seines Arztes widersetzt.

In der damaligen Zeit erhielt der BERLIN-MARATHON auch immer mehr Unterstützung von den Zuschauern. Das ging in Dahlem sogar so weit, dass der in der Freien Universität Medizin lehrende Professor Hierholzer den Läufern Erfrischungen zur Verfügung stellte und die Benutzung seiner Toilette anbot. Die Strecke führte damals an seinem Haus in der Pacelliallee vorbei, wo er ein Schild mit dem Hinweis „Toilette“ angebracht hatte.

Doch es gab auch manches Problem, das teilweise ganz plötzlich auftrat. Mitte der 80er Jahre wurden an der Entlastungslastraße vor dem Reichstag im Zwei-Meter-Abstand Poller in den Boden versenkt, um Falschparker zu stoppen. Doch unmittelbar nach dem Start hätten diese Poller genau im Weg der Marathonläufer gestanden und eine erhebliche Verletzungsgefahr bedeutet. Auf Drängen der Organisatoren vom SCC wurden die Poller schließlich gerade noch rechtzeitig vor dem Rennen gegen herausschraubbare Poller ausgetauscht.

Einige Jahre später entdeckten die Veranstalter eine Woche vor dem BERLIN-MARaTHON, dass die Garystraße in Dahlem in einem Abschnitt plötzlich komplett gesperrt worden war. Kurz vor Kilometer 32 stand ein großer Baukran. Extra für den BERLIN-MARATHON musste die Baustelle wieder abgebaut werden.

Die Jahre von 1987 bis 1989 gehörten dann den Läufern aus Tansania. Sie stellten die ers-ten afrikanischen Sie- ger beim BERLIN-MARATHON. Und für diesen ,Hattrick’ sorgten Läufer einer Trainingsgruppe, die in der deutschen Laufszene durchaus bekannt waren. Denn sowohl der als Spaßvogel bekannte Suleiman Nyambui, der 1987 und ‘88 gewann, als auch Alfredo Shahanga trainierten und lebten zeitweise bei ihrem deutschen Manager Volker Wagner in Detmold. Suleiman Nyambui war nicht nur der erste einer inzwischen ganzen Reihe von prominenten Siegern aus Afrika in Berlin.

Er war auch der erste Athlet, den Volker Wagner, der im Laufe der Jahre ein erfolgreicher Manager im internationalen Laufsport wurde und beim BERLIN-MARATHON diverse Erfolge feierte, betreute. Wagner kannte Nyambui, weil er einst für ihn bei einem 1500-m-Lauf Tempo gemacht hatte. „Später traf ich ihn wieder und schlug ihm dann 1987 vor, nach Deutschland zu kommen, um hier mit Starts bei Straßenläufen Geld zu verdienen“, erzählt Volker Wagner. So kam Suleiman Nyambui zum BERLIN-MARATHON 1987.  

Eigentlich galt 1987, als zum ersten Mal über 15.000 Läufer starteten und der Lauf nicht mehr vor dem Reichstag, sondern vor dem Brandenburger Tor begann, ein deutscher Starter als Hoffnungsträger. Doch Christoph Herle (Waldkraiburg), der bundesdeutsche Rekordhalter mit 2:09:23 Stunden, gab bei Kilometer 33 auf. Suleiman Nyambui, der 5000-m-Olympiazweite von Moskau 1984, gewann schließlich in persönlicher Bestzeit von 2:11:11 und verfehlte den Streckenrekord nur um acht Sekunden.

Nachdem Charlotte Teske auf ihren Start verzichtet hatte, feierte eine Berlinerin 1987 einen Triumph: Kerstin Preßler (Neuköllner SF), die in der Sommersaison bereits einen bundesdeutschen 10.000-m-Rekord aufgestellt hatte, lief mit 2:31:22 Stunden einen Streckenrekord. Zweite war damals übrigens die Polin Wanda Panfil (2:32:01), die später zur zeitweise besten Marathonläuferin der Welt aufsteigen  sollte. Gleich zwölf Frauen blieben 1987 unter 2:40 Stunden.

Für eine weitere Spitzenleistung sorgte der Franzose Taieb Tounsi, der mit 2:17:40 eine Weltbestzeit für Gehörlose aufstellte. Angefeuert wurden er und alle anderen Teilnehmer übrigens nicht nur von den Zuschauern. Die Veranstalter hatten neben einem perfekten Ablauf auch für zusätzliche Stimmung gesorgt: Über 30 Musikkapellen wurden an der Strecke postiert.

Eine Kuriosität hatte sich acht Tage vor dem BERLIN-MARATHON 1987 ereignet. Die Verwaltung des Olympiastadions teilte den Organisatoren mit, dass 3000 Brötchen geliefert worden waren. Die Brotfabrik hatte versehentlich eine Woche zu früh die Verpflegung für den Frühstückslauf gebacken, der damals wie heute vom Schloss Charlottenburg zum Olympiastadion führte. Schließlich profitierte der Zoo: Die Brötchen wurden dort an die Tiere verfüttert.

Auch ein Jahr später gab es Kontakte zum Zoo. Dieses Mal allerdings beschwerte sich der Zoo-Vorstand in einem Brief, weil die Musik der Nudelparty auf dem angrenzenden Gebiet zu laut gewesen sein soll: „… durch zu laute Musik gerieten unsere Antilopen in Panik …“. Es gab noch ein zweites Mal Grund zur Panik: Auf der Strecke war plötzlich eine große Baugrube entstanden. Doch der gute Kontakt der Organisatoren zu den Tiefbauämtern der Bezirke sollte sich auch dieses Mal bewähren. Einen Tag vor dem Start wurde die Grube zugeschüttet und asphaltiert – einen Tag nach dem Rennen wurde die Straße wieder aufgerissen.

So war es nur das Wetter, das der Veranstaltung einen Streich spielte. Doch trotz des Dauerregens und Windes gab es mit 16.116 Läufern wiederum einen Teilnehmerrekord. Die schlechte Witterung war 1988 allerdings ein Grund dafür, dass Suleiman Nyambui den angepeilten Streckenrekord wiederum verpasste. Nachdem er lange Zeit alleine Tempo hatte machen müssen, lief er achtbare 2:11:45 Stunden gegen sehr starke Konkurrenz. Nyambui, der heute als Trainer in Tansania arbeitet und auch schon eigene Athleten beim BERLIN-MARATHON an den Start brachte, ist bis heute der einzige Läufer, der seit Bestehen des City-Marathons 1981 zweimal in Folge gewann.

Erstmals waren 1988 übrigens äthiopische Läufer dabei. Sie wurden betreut vom Marathon-Olympiasieger von 1968, Mamo Wolde. Ob- wohl die Äthiopier sehr kurzfristig angereist waren, hatten sie prompt Erfolg: Der fünftplazierte Tesfayi Dada stellte mit 2:12:49 eine Junioren-Weltbestleistung auf. Die erste Zeit unter 2:30 Stunden lief bei den Frauen die Polin Renata Kokowska, die neben der damaligen 15.000-DM-Siegprämie noch 5000 DM für den Streckenrekord von 2:29:16 erhielt. Es war die erste Frauen-Zeit unter 2:30 Stunden in Berlin. Und damals hatte eine solche Zeit durchaus noch einen guten internationalen Wert. Für Renata Kokowska war es der Anfang einer großartigen Erfolgsserie beim BERLIN-MARATHON.

Zweimal hatte Suleiman Nyambui nunmehr also den Streckenrekord, der klar im Bereich seines Leistungsvermögens lag, verpasst. Beim dritten Anlauf sollte es endlich klappen. Doch der Tansanier kam 1989 gar nicht erst dazu, den ,Hattrick’ in Angriff zu nehmen. Eines seiner Kinder erkrankte – und so weilte Suleiman Nyambui in seinem Heimatdorf, als in Berlin 16.410 Läufer aus 60 Nationen an den Start gingen. Nyambui wurde allerdings bestens vertreten. Sein Landsmann und zeitweiliger Trainingspartner Alfredo Shahanga stellte einen neuen Streckenrekord auf und lief die erhoffte erste Zeit unter 2:11 Stunden.

Spätestens mit diesem Rennen 1989 war der BERLIN-MARATHON, der mit dem Kreditkartenunternehmen Visa einen Hauptsponsor hatte, nicht mehr nur der größte und spektakulärste, sondern auch der hochklassigste deutsche Straßenlauf. Bei den Frauen fiel auch der Streckenrekord, was in Berlin inzwischen schon Tradition hatte: Die Finnin Päivi Tikkanen erreichte mit 2:28:45 eine international hochklassige Zeit.

Eine Premiere hatte 1989 der MINI-MARATHON der Schüler. 758 Kinder und Jugendliche liefen jeweils in Zehner-Mannschaften die letzten 4,2195 km der Originalstrecke vom AEG-Gebäude am Hohenzollerndamm bis ins Ziel auf dem Kurfürstendamm.Dieser Lauf für Jugendliche ist selbst eine Erfolgsgeschichte eigener Art. Es ist die grösste Eintragesveranstaltung für Jugendliche in Deutschland mit bis zu über 10.000 Teilnehmern - und damit auch ein grosses Vorbild für andere Veranstalter gerworden, daß Jugendliche durchaus  für die Leichathletik und den Laufsport zu begeistern sind.

Dass für den BERLIN-MARATHON schon im nächsten Jahr durch den Fall der Berliner Mauer ein neues Zeitalter beginnen sollte, war am 1. Oktober 1989 nicht voraus zu sehen. Für all jene, die in den 80er Jahren zu den Teilnehmern des Rennens gehörten, wird es unvorstellbar gewesen sein, eines Tages auch durch den anderen Teil Berlins laufen zu können.

Unbewusste Symbolkraft zeigten jene Fotos, auf denen Läufer vor dem Start eines BERLIN-MARATHON bei der Gymnastik zu sehen sind: sie lehnten beziehungsweise stützten sich dabei an die Berliner Mauer, die neun Jahre lang einer der markantesten Streckenpunkte gewesen ist.

Auf der anderen Seite war es für viele Läufer im Osten ein Traum, einmal beim BERLIN-MARATHON  teilnehmen zu können. In grenznahen Gebieten verfolgten sie das Geschen bei dem Laufspektakel über den SFB im Radio. Doch es gab auch einige, für die sich der Traum eines Starts beim BERLIN-MARATHON schon damals erfüllte. Pensionäre oder Läufer, die das Glück hatten, eine Ausreisegenehmigung für einen Verwandtenbesuch in der Bundesrepublik zu erhalten, mischten sich heimlich bereits seit 1982 unter die Starter in West-Berlin.

Die Organisatoren wussten schon damals von den Läufern aus dem anderen Teil Deutschlands, doch es wäre zu gefährlich für die Sportler gewesen, sie offiziell zu begrüßen – hätte der Staatssicherheitsdienst der DDR davon Wind bekommen, hätten die Läufer mit Repressalien rechnen müssen. So blieben derartige Starts meist ganz geheim. Ein Läufer aus Thüringen startete zunächst unter dem Namen seiner Katze, um nicht erkannt zu werden. Später wurde daraus dann der Name seines Hundes und auch der seines Heimatdorfes.
Auch ein anderes Kuriosum beweist den hohen Stellenwert, den der BERLIN-MARATHON schon zu Mauerzeiten in der DDR hatte:

So versuchten viele, auf den Ost-Berliner Fernsehturm zu gelangen, um von dort aus den Start des Laufes hinter dem Brandenburger Tor zu verfolgen. In den Jahren 1988 und ‘89, so haben die Organisatoren später erfahren, musste der Turm daraufhin wegen Überfüllung sogar geschlossen werden.

Quelle: Jubiläumsschrift zum 30. BERLIN-MARATHON - Jörg Wenig und Horst Milde

Kommentare

Bislang keine Kommentare

Zum Kommentarschreiben anmelden or registrieren