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Hamburg, wie es wirklich war.

Von volkerderlaeufer am 08.05.2010

Hamburg hatte nichts ausgelassen um 20.000 Sportler und ein Vielfaches an Zuschauern zu verwöhnen. Strahlender Sonnenschein mit Temperaturen um die 20° C, keine Wolken am Himmel. Aufgeregt versammeln sich die Athleten auf der Reeperbahn und harren dem Startschuss. Um 9:00 Uhr ist es soweit, ein riesiges Heer leicht bekleideter Menschen setzt sich in Bewegung. Ich selber mittendrin. Respektvoll habe ich mich in der zweiten Hälfte eingereiht, zusammen mit Frauke, mit der ich die letzten drei Monate die langen Läufe am Wochenende trainierte. Wir genießen die Atmosphäre. Der Startschuss ist schon über drei Minuten her und nichts bewegt sich. Dann geht der große Pulk ein paar Schritte vor und bleibt wieder stehen. Nun geht es weiter. Als wir die Startlinie passieren, sind schon fast 10 Minuten vergangen.

Tolles Bild, dort wo im Schein der bunten Lichter, nachts die Liebeshungrigen einen Partner gegen Bares suchen, laufen wir im bunten Tross die Reeperbahn entlang. Bei KM 3 gelingt es mir, die Planzeit zu prüfen. Wir haben 2 Sekunden Vorsprung, also alles im Lot. Das Klima ist angenehm und wir laufen entspannt, Meter um Meter. Nach ca. 6 KM geht es an der Elbe entlang. Einfach herrlich, der Ausblick. Von Beginn an begleiten uns die aufmunternden Zurufe der Zuschauer. Das kribbelt. Vorbei an Landungsbrücke und Jungfernstieg, KM 10 ist mit zwei Minuten Vorsprung passiert, biegen wir Richtung Alster ab. Dort empfängt uns die gleiche, tolle Stimmung der Zuschauer. Sambagruppen haben sich am Straßenrand versammelt, um uns mit ihren rhythmischen Klängen zu motivieren. Das rockt! Ich bekomme eine Gänsehaut, applaudiere den Musikern. Mit diesem Rhythmus geht es an der Binnen- und Außenalster vorbei und auch KM 15, 20 und 25. In einem Tunnel zählt jemand bis drei und wir machen eine La Ola-Welle. Mit leichtem Zeitvorsprung passieren wir die Marken. Einige Läufer mussten bereits aufgeben, wie ich sehen konnte. Uns geht es prima, aber nicht zu früh freuen, beißen tut es erst im letzten Viertel. Kleine Kinderhände werden unermüdlich auf die Strecke gehalten, um abgeklatscht zu werden. Gerne tue ich den Kurzen diesen Gefallen.

Zwischendurch sehe ich auch meine Familie und Gino, Fraukes Partner, die uns an unterschiedlichen Stellen anfeuern. Diese Hilfe ist sehr wichtig für uns. Die erste Ziffer auf den KM-Marken ist nun die Drei. Ich weiß, dass es jetzt schwieriger wird. Bis zu 35 KM hatte ich im Training gelaufen. Daher wusste ich, dass ich auf den Rest hart kämpfen werde müssen. 3:11 bei KM 30, es läuft noch wie geschmiert. Wir kommen gut voran und überholen immer mehr Läufer, die eine Gehpause eingelegt haben. Müssen die eigentlich immer auf der Ideallinie spazieren? Nun merke ich, dass mir jeder KM etwas Gewicht in die Beine schiebt. Die Füße werden schwerer und mein linker Oberschenkel kündigt einen kommenden Krampf an. Nur nicht das, denke ich, kann ich jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Logo, bin ja gerade dabei, meinen ersten Marathon zu laufen. So ein Krampf täte mir einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen. Ich verändere leicht meinen Laufstil, um das Bein etwas zu schonen. Frauke murmelt etwas wie: „Ich kann nicht mehr“. Nope Mädchen, Du bleibst schön bei mir. Genauso, wie wir die letzten drei Monate immer schön zusammen gelaufen sind. Wir nehme etwas Speed raus. Außerdem bin ich doch immer derjenige, der schwächelt. Nur nicht zu früh freuen, ich werde meinem Ruf noch gerecht werden. Zwischen KM 36 und 37 schickt sie mich dann doch alleine weiter, macht noch etwas langsamer. So richtig gut läuft es bei mir auch nicht mehr. Die Beine werden schwerer und schwerer. Irgendwie konnte ich den Krampf fern halten. Ich schleppe mich an KM 38 und 39 vorbei. Diese blöde 40 will nicht kommen. Doch, da ist sie. Eigentlich bewege ich mich nur noch mechanisch, nehme kaum noch war, was um mich geschieht. Ich höre meinen Namen, gerufen von mir bekannte Stimmen. Viele Zuschauer wissen, dass man den Athleten mit seinem Namen ansprechen und anfeuern kann, um zu helfen (Der Name steht unter Startnummer). Dankbar habe ich dieses die letzten KM immer wieder gerne aufgenommen. Doch diese Stimmen gehen deutlicher in mein Ohr. Meine Familie hat mich entdeckt und weiß, dass ich ihre Unterstützung brauche. Wahrscheinlich sehe ich aus, wie ein Feudel nach dem Gebrauch.

Mit diesem Ansporn kämpfe ich gegen das Versagen der Beine. Mit mäßigem Erfolg. Noch 1,5 KM bis zum Ziel. Ich muss ein paar Schritte gehen, die Beine setzten sich gerade durch. 1,5 KM ist mehr als als die letzten 40,7 KM. Glücklicher Weise halten die Zuschauer selbst gemalte Plakate hoch, darauf steht u. a. „Zum Umkehren ist es zu spät“ oder „ Der Schmerz geht und der Ruhm bleibt“. Tolle Weisheiten, dass muss ich verinnerlichen. Ich zwinge mich zum Laufen. Ha, jetzt bin ich wieder der Chef! Meine Bewegungen sind unrund, als ich eine Hand auf meiner rechten Schulter spüre. Frauke hat sich wieder heran gekämpft. So kenne ich sie. Wie gewohnt geht sie, von uns Beiden, in Führung. Da kommt KM 41, ich muss noch mal ein paar Schritte den Beinen nachgeben. Ihr Schweinehunde, Euch mache ich Beine! Ihr werde mich ins Ziel tragen, jawohl! Ich nehme meine ganze Kraft zusammen und peitsche mich vorwärts. Da sehe ich den Zieldurchlauf, es ist nicht mehr weit. Da muss ich hin, dann darf ich endlich stehen bleiben. Mit letzter Kraft schleppe ich mich über die Ziellinie. Ich versuche dabei, ein Siegerlächeln zu präsentieren und winke in die Kamera. Pöh, nicht das einer denkt, ich hätte geschwächelt. Ich will lachen und weinen zu gleich. Frauke nimmt mich hinter der Linie in den Arm. Wie gratulieren uns gegenseitig, sind am Ende. Wir schleppen uns ins Läuferdorf, wo man einen Läufer auf einer Trage vorbei fährt. So kann es auch enden. Am liebsten würde ich mich auf den Boden setzen, doch die Beine erlauben das nicht. Für die nächste Stunde überlasse ich den Beiden wieder die Herrschaft über mich, was sie mit absoluter Erschöpfung und gelegentlichen Schmerzen quittieren. 04:35:20 ist nicht das gesetzte Zeitziel von 4:30 Std. Aber was ficht mich das jetzt an? Ich habe gefinisht und das ist das Einzige, was für mich jetzt zählt. Es war mein erster Marathon mit 49 Jahren und ich bin über die Ziellinie gelaufen. Was kann es Schöneres geben?

 

 

Kommentare

Hui, ein echt geiler Bericht, dramatisch, spannend und lustich zu gleich. das rockt \m/

Hallo Volker,

ich bin auch in HH meinen ersten Vollen gelaufen. Bin aber eher schreibfaul - ansonsten hätte ich auch einen schönen Bericht parat. Hamburg war toll und ich werde auf jeden Fall - so alles gesund bleibt - dort auch wieder anreisen.

Liebe Grüsse von Dollberg

Traudl, Du brauchst Motivation? Ich habe da noch etwas aus dem letzten Jahr, da war ich noch lange vor dem Marathon:

 

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Ich spüre Schmerzen, gleichzeitig einen der schönsten Genüsse der Welt. Eiskaltes Hefeweizen, natürlich alkohofrei, läuft über meine heiße Zunge, rinnt durch die ausgedörrte Kehle. Jetzt kommt der kalte Schluck im Magen an. Ich kann es genau fühlen. Es ist herrlich! Meine Beine schmerzen, mein Körper ist nass, als käme ich aus der Dusche. Die Tasten, auf denen ich gerade tippe, sind sehr feucht. Was ist passiert?


Ich stellte heute, gleich nach dem Erwachen fest, dass ich diese Woche kaum Zeit zum trainieren haben werde. Also beschloss ich heute ein längeres Training mit dem Ziel 6 Minuten für einen KM zu laufen. 10 KM unter 60 Min. hatte ich schon mehrmals geschafft, wie auch 11 KM in 66 Min. Also musste eine größere Distanz her. Ich wählte 14 KM. Warum 14? Ganz einfach, 21 KM macht einen Halbmarathon, gestern war ich 7 KM gelaufen. Also waren heute 14 KM fällig. So.


Strecke ausgeguckt, aufgewärmt und los. Bei KM 5 nehme ich die Zeit, 28:13 Minuten. Das ist im soll. Ich fühle mich fit. Bei KM 6 kann ich mein Tempo noch einmal kontrollieren. Ab jetzt fehlen mir die Distanzmarken. Ich kann nur an Hand der Zeit schätzen, wie viel ich in etwa gelaufen bin. Bis KM 11. Diesen Punkt erreiche ich bei 1:06:18. Ich bin über der Zeit und eigentlich schon ziemlich im Arsch. Ich laufe weiter. Mist, mein rechtes Knie fängt an zu schmerzen. Da muss ich durch. Der Schmerz wird stärker und ich beiße die Zähne fest aufeinander. Shit, nun geht auch noch die Kondition aus. Ich gucke auf die Uhr, 1:12:54. Auha, mir fehlen noch 9 Minuten. Das schaffe ich ja nie! Ich habe das Gefühl, gleich kommt der große Hammer und nichts geht mehr. Ich peitsche mich durch den Schmerz und das Gefühl, stehen bleiben zu wollen. Und plötzlich ist es vorbei. Der Schmerz lässt nach, ich bekomme wieder eine Schaufel Kondition in den Körper. Weiß der Geier, wo die auf einmal herkommt. Ich laufe weiter. 1:18:irgendwas. Jetzt gilt es, die 14 voll zu machen. Da kommt der letzte Knick, ich schluffe um die Ecke. Nur noch gerade aus, bis Haus Nr. 16. Ja, jetzt sehe ich es. Nur noch ein paar Schritte, Hurra! Ich bin da und drücke den Knopf meiner Stoppuhr. Auf den nächsten Schritten fühle ich mich schwere los. Ich bin zu müde um auf die Uhr zu gucken. Ich bewege mich wie ein Zombie. Nun schaffe ich es, die Zeit zu sehen. 1:21:50! Wie geht das denn? Mir ist es egal, ich bin hoch zufrieden. Mache noch ein paar Dehnungen und schreibe diese Zeilen. Die faule Woche kann kommen:-)


sehr beeindruckender Bericht. Hat mich ziemlich an meinen ersten Marathon erinnert und motiviert sehr, vielleicht doch schon dieses Jahr noch einen Marathon zu laufen...

liebes grüßle

traudl

52:19. Nicht viel, aber der Mensch freut sich:-)

Da: http://www.hamburg-halbmarathon.de/ könnte ich auch nochmal laufen.

Falls es jemanden interessiert:

http://nehlsentriathlon.wordpress.com/

http://www.swb-marathon.de/

Ich danke für Eure aufmunternde Worte. Als nächste Peile ich den Marathon im September in Bremen an. Im August ist noch ein Triathlon, den meine Firma sponsort. Da werde ich wohl auch ran müssen. Verrückt, ich könnte schon wieder los. Morgen will ich 10 KM unter Wettbewerbsbedingungen laufen. Soll ja zwei Wochen nach dem Marathon Rekordzeit geben. 52:46 muss ich toppen. Schaun mer mal.

Hallo Volker,

auch von mir einen herzlichen Glückwunsch zum ersten Marathon!
Wie Du ja schon im Blog von Nicole festgestellt hast, sind wir fast gemeinsam übers Ziel gelaufen...

Hamburg war großartig! 

Meinen Glückwunsch zum Finish.

Das war eine tolle Leistung. Vergiss die Zeit, den Pace und das Lächeln im Ziel.

Du hast das Marthonziel erreicht. 42 Km am Stück zu laufen. Nur das zählt.

Toll. Ich bin begeistert von Deinem Lauf. So viele innere Kämpfe hast Du bestritten und gewonnen. Dein Zeitziel kannst Du im 2. oder 3. Marathon erreichen.  Wichtig ist doch es erst einmal geschafft zu haben.

Jetzt hast Du dir eine Woche Ruhe und Regeneration verdient. Das heisst nur kurze und langsame Läufe machen. Mir hat das nach meinem letzten Lauf super geholfen. Ich konnte die folgenden drei Tage nach dem Lauf kaum laufen. Aber nach jedem kurzen Lauf ging es mächtig besser. Erst am 4. Tag waren die Schmerzen in den Oberschenkeln wieder ganz weg.

Gute Regenerierung ... das Bergmuli

Der Moment des ersten Marathonfinish bleibt Dir ewig in Erinnerung. Mein Zielfoto hängt heute noch bei uns im Flur! Ich habe mein Zeil (auch die 4:30h) damals bei weitem nicht erreicht, aber war mehr als glücklich durchgekommen zu sein.
Und 3 Jahre und einige Marathonläufe später habe ich die sub 4:30h jetzt bereits 2-mal gepackt und strebe nach mehr.....

Gratulation zum Finish und Danke für einen tollen Bericht

Viele Grüße

Andy

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